EDITORIAL

es gibt Ärzte, Heilpraktiker und Psychologen. Die Ärzte haben ihre Approbationsordnung, die Heilpraktiker ihr Gesetz, aber die Psychologen sind zwar teils weisungsgebunden, teils jedoch auch in Eigenverantwortlichkeit am Patienten tätig, sie haben bisher keinen gesetzlichen Rahmen für ihre Tätigkeit. Waren nicht recht in die Heilberufe integriert; ja, sie übten so etwas wie ein Gewerbe aus. Wir haben es immer wieder gelesen, seit Jahren kämpfen sie für ein eigenes Psychologengesetz.

Dieses hat ihnen der Gesetzgeber bisher verwehrt, und auch höchst richterlich fanden sie keine Unterstützung für ihre berechtigten Bemühungen. Wenige sind zugleich Arzt und finden auf diesem Wege unter dem Dach der Approbation ihr Zuhause. Andere sind Heilpraktiker und unterstehen dem Heilpraktikergesetz. Sie finden gemeinsam mit anderen Heilpraktikern, die sich speziell für die Psychotherapie interessieren, einen regen Gedankenaustausch in den Arbeitskreisen der DH. Wohlverstanden waren diese in erster Linie Heilpraktiker nach dem Heilpraktikergesetz und speziell dann eventuell noch Psychologen.

Bisher galt die Psychotherapie im Sinne des Gesetzes nicht als Ausübung der Heilkunde. Insofern mußten Psychologen bisher auch weder Arzt noch Heilpraktiker sein. Vor kurzer Zeit hat nun das Bundesverwaltungsgericht in Berlin erstmalig entschieden, daß die Psychotherapie – wie es heißt: »analytische und suggestive Methoden« – Ausübung der Heilkunde ist. Dies hört sich zunächst gut an und signalisiert Aufgeschlossenheit gegenüber modernen Erkenntnissen der Medizin. Für uns Heilpraktiker war es ohnehin längst klar und selbstverständlich, dass auch die Psychotherapie Heilbehandlung sei. So weit so gut.

Nun hat allerdings das Bundesverwaltungsgericht seine Entscheidung festgemacht an einem speziellen Einzelfall. Dieser Diplompsychologe mit der Zusatzausbildung als Psychotherapeut hatte nämlich auf Zulassung zum Heilpraktiker nach dem Heilpraktikergesetz geklagt, obgleich seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Krankheitserkennung, speziell der Infektionskrankheiten, bei der amtsärztlichen Überprüfung mehr als zu wünschen übrig ließen. Er begründete sein Begehren, Heilpraktiker zu werden mit der Versicherung, daß er in seiner Praxis lediglich die Psychotherapie auszuüben beabsichtige. Und eben diesem seinem Begehren wurde letztendlich höchst richterlich, wie schon erwähnt, stattgegeben. Das heißt praktisch übersetzt: Der Verdacht der eventuellen Gefahr für die Volksgesundheit, deren Negativüberprüfung Hauptgegenstand der amtsärztlichen Zulassung ist, konnte hier durch eine Erklärung guten Willens, nämlich später nur Psychotherapie auszuüben, aus dem Weg geräumt werden.

Da das Bundesverwaltungsgericht in Berlin, oberste Verwaltungsbehörde der Bundesrepublik Deutschland, die Anwendung der Psychotherapie erstmalig als Ausübung der Heilkunde anerkannt hat, diese aber in Deutschland nur Ärzte und Heilpraktikern vorbehalten bleibt, sind die Gesundheitsbehörden mit ihrer Aufsichtspflicht im Gesundheitswesen in Zugzwang geraten. Sie mußten nämlich theoretisch dafür sorgen, dass, wer Heilkunde ausübt, jetzt also auch die Psychologen, entweder dem Arztberuf angehört oder Heilpraktiker ist.

Das Heilpraktikergesetz sieht andererseits keine Teilbarkeit in Fachbereiche, auch nicht in den der Psychotherapie vor. Die Vorstellung, daß auf dem Wege eines erleichterten »Hau-ruck-Verfahrens «zusätzlich 8000 Psychologen zu uns 6000 Heilpraktikern stoßen, ist nicht gerade begeisternd. Zumal auch die Diplompsychologen mit ihrem fünfjährigen Universitätsstudium und der Zusatzausbildung als Psychotherapeuten ebenso wenig Begeisterung dafür zeigen, ihren akademischen Namen zusätzlich mit dem für sie umstrittenen Titel »Heilpraktiker« zu zieren. Wem wäre also mit dieser Lösung gedient? Die Psychologen haben auch die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, daß sie eines Tages doch noch in einem eigenen gesetzlichen Rahmen erblühen.

Die deutsche Heilpraktikerschaft ist sich mit der Kooperation deutscher Heilpraktikerverbände, die immerhin weit über 90 Prozent aller Heilpraktiker organisiert, einig, daß mit diesem Urteil eine zusätzliche Rechtsunsicherheit geschaffen wurde. Die Kooperation lässt Rechtsgutachten erstellen, die Klarheit schaffen sollen. Auch hat es bereits Klageeinreichungen in Karlsruhe gegeben. Da die Gesundheit Ländersache ist, werden die Landesverbände auf die Gesundheitsbehörden einwirken, die Erteilung der Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde nach dem Heilpraktikergesetz nicht zu leichtgläubig auszugeben, lediglich auf die Versicherung hin, dass nur die Psychotherapie ausgeübt wurde. Zumal die Gesundheitsbehörden bei der Überprüfung der Einhaltung dieser Versprechen in der Praxis völlig überfordert sind. Sollte sich ein Psychologe allerdings den Kriterien einer ernsthaften Überprüfung unterziehen, so ist er in unserem Berufsstand ebenso willkommen, wie jeder andere engagierte Bewerber.

Mit unseren Bedenken gegen dieses Urteil wollen wir Heilpraktiker nicht etwa einer Numerus-Clausus-Lösung das Wort reden. Im Gegenteil. Wir wollen unseren Berufsstand für alle »Berufenen« offenhalten und streben mit allen Gruppen der Heilberufe eine friedliche und effektive Zusammenarbeit zum Wohl unserer Patienten an.

Ihr


Naturheilpraxis 05/1983