EDITORIAL

in unserer Republik herrscht Pressefreiheit. Kann also jeder schreiben, was er will? Ja. Fast. Leider. Das »Leider« soll keineswegs den Wunsch nach Zensur ausdrücken. Es sei denn den nach dem inneren Zensor des Schreibers selbst.

Es tut der Qualität von Druckerzeugnissen keinen Abbruch, wenn der Freiheitsbegriff nicht so ellenbogig ausgelegt wird, nämlich zu schreiben, was man will, sondern wenn die ungastlichen Ecken dieser Freiheit ein wenig von dem Freiheitsbegriff des »Kategorischen Imperativs« des Immanuel Kant abgeschliffen werden; das gedruckte Veröffentlichte, also ein wenig – nein nicht moralisierende – aber moralische Anstalt wäre. Dieser moralische Anspruch schließt eine besondere Sorgfalt ein, für den, der den Zugang zu einem Veröffentlichungsmedium besitzt und etwas in »eigener Sache« zu sagen hat.

Daß in dem brutalen Veröffentlichungskampf der Massenmedien soviel Ungereimtes und Unseriöses vorgeht, daß diese Medien, um nicht völlig das Gesicht zu verlieren, ständig in eigener Sache »erklären« müssen, daran haben wir uns gewöhnt. Zunehmend liest man aber Spalten »in eigener Sache« auch in Verbandsblättern, Landesverbandsblättern und Fachzeitschriften, obgleich das Fachliche ja eine Art objektiven Charakter hat und zum Fachlichen eigentlich nichts in eigener Sache erklärt werden muß.

Doch selbst wenn man den Erklärungen in eigener Sache dieser Blättter Verständnis entgegenbringt, so wird unsere Toleranz auf eine schwere Probe gestellt, wenn diese hauptsächlich Aussagen gegen andere enthalten. Aber sogar eine Kritik am anderen kann noch aufschlussreich und lehrreich sein, so sie charmant-witzig bis ironisch oder sarkastisch verpackt ist. Absolut unmöglich ist – und das ist ein ungeschriebenes Pressegesetz – die Verteufelung des Gegners mit Namensnennung. Diese Art Schreiberei ist in höchstem Maße unseriös; obendrein noch, wenn man sie mit einer sentimentalen Träne von Selbstmitleid verbindet und seinen jahrelang aufopfernden Idealismus beim Herstellen eines Blattes zur Schau stellt. Eine kostenlose Auslieferung eines Blattes macht die Arbeit an demselben nicht idealistischer und aufopfernder, noch dazu, wenn man in einem Atemzug damit seine Leser darauf aufmerksam macht, daß auch das eigene Blatt in Zukunft Geld kosten wird.

Da Ihre Zeitschrift, die Naturheilpraxis, direkt angegriffen wurde, wollen wir uns ebenso direkt und klar zur Wehr setzen. Die Naturheilpraxis war von Anfang an das Organ der »Deutschen Heilpraktikerschaft e. V.« und bleibt das Organ von »Deutscher Heilpraktiker e. V.« Die ständige Verbandsbeilage »Der Heilpraktiker« – die gelben Seiten – bleiben das einzige offizielle Mitteilungsblatt von »Deutsche Heilpraktiker e. V.«, sie bleiben gelb, auch wenn andere grün und blau dabei werden. Die weitaus meisten Mitglieder der Deutschen Heilpraktiker e. V. sind Abonnenten der Naturheilpraxis und beziehen damit automatisch die gelben Seiten. Sicher wird es im Leserkreis Verständnis dafür geben, daß man eine monatlich erscheinende Fachzeitschrift mit 180 Seiten Fachbeiträgen nicht zu einem solchen Preis herstellen kann, daß eine durch den Mitgliedsbeitrag abgegoltene kostenlose Zusendung möglich ist.

Das geht sicher bei kleinen Vereinen, die sporadisch schmale Mitteilungsblättchen an ihre Mitglieder versenden. Eine Fachzeitschrift jedoch wie die unsere, von einem kleinen Kreis ehrenamtlicher Mitarbeiter hergestellt, wurde bei dem Umfang und der »brutalen« Regelmäßigkeit des Erscheinens sicher bald überraschenden Qualitätsschwankungen ausgesetzt sein. Eine solche Fachzeitschrift muß in ganz wichtigen Teilen profihaft gemacht werden.

Unser Bemühen um Qualität danken Sie uns, liebe Leserinnen und Leser, mit Ihrer Aufmerksamkeit und oftmals auch mit freundlichen Zuschriften. Wir wollen uns bemühen, weiterhin umfangreich und differenziert zu bleiben. Wir wollen, trotz aller Angriffe von außen, nicht 50% unseres Inhalts zur Polemik gegen andere Zeitschriften oder Verbände benutzen wie das leider in anderen Verbandsorganen zum Teil üblich ist. Wir wollen uns weiterhin an der traditionellen, fachlichen Ausrichtung der »Naturheilpraxis« und unseres Verbandes orientieren, wir wollen uns nicht mit der immer wiederkehrenden Beschreibung von technisch aufwendigen und spektakulären Therapien den Wunderberichtender Regenbogenpresse nähern, sondern gerade das im Kleinen entstandene Erfahrungsgut großer Naturheilkundler pflegen. Wir wollen differenziert berichten über den kleinen Anlaß mit der großen Wirkung, über die erstaunlich vielfältige Welt einer Pflanze, über das »unauffällige« Iriszeichen und nicht zuletzt auch über die kleine Dosis eines Homöopathikums. Diese kleinen unspektakulären Waffen gegen die Krankheiten unserer Mitmenschen sind unsere Stärke.

Ganz in diesem Sinne begrüßen wir in unserer Zeitschrift ab heute die »Deutsche Gesellschaft für Klassische Homöopathie«, die uns als ihr Veröffentlichungsorgan gewählt hat. Diese Gesellschaft, in der Ärzte und Heilpraktiker um der weiteren Erforschung der Homöopathie willen zusammenarbeiten, wird unter der ständigen Spalte »Blätter für klassische Homöopathie« regelmäßig berichten. Wir hoffen, daß sich unsere Leser über diese fachliche Bereicherung der »Naturheilpraxis« freuen. Ein herzliches Willkommen dieser »Gesellschaft für Klassische Homöopathie«.

Ihr


Naturheilpraxis 06/1983