EDITORIAL

Hand aufs Herz, es ist Ihnen auch schon passiert: Ein Patient, der schon einige Male bei Ihnen war und auch mit Ihrer Behandlung ganz offensichtlich zufrieden ist, stellt beim nächsten Besuch die Frage: »Ist das wahr, daß jeder so einfach in einem halben Jahr Heilpraktiker werden kann? Das ist doch fast nicht möglich, daß man das alles, was Sie machen, in einem halben Jahr lernen kann?« Wir Behandler beantworten diese Frage guten Gewissens und wohl wissend mit: »Nein«. Aber der Patient zieht eine Annonce heraus, legt sie auf den Tisch, eventuell mit der Bemerkung, »dann stimmt das also gar nicht«. Und dann sind Sie dran. Und sicher werden Ihre Erklärungen nicht nur aus einem Satz bestehen können.

Ein andermal hängt sich ein Journalist an der Frage der Ausbildung bzw. Nichtausbildung der Heilpraktiker auf und berichtet von den im Gesetz etwas billigen Forderungen, lediglich das 25. Lebensjahr erreicht zu haben, eine abgeschlossene Volksschulausbildung zu besitzen, um sich dann beim Amtsarzt zur Gesprächsüberprüfung zu melden. Es gehört sicher nicht zu den gemütlichsten Situationen, einem Patienten gegenüber diese Zusammenhänge zu erklären. Es ist gar keine Frage, daß nach der allgemein geltenden Rechtsauffassung wie auch der Verkehrsanschauung der normalen Bürger der Zustand, daß wir keine gesetzlich geregelte Ausbildung haben, ein »Wundersam Ding« ist.

Dennoch finden die Patienten vermehrt den Weg in unsere Praxen. Wie kommt das? Sind wir nach vergeblicher Behandlung bei den Ärzten der letzte Rettungsanker? Oder will der, der spontan zu uns findet, weniger Gift einnehmen? Decken wir bei Menschen, die fest in der pluralistisch-technischen Gesellschaft unserer Tage verankert sind, so etwas wie ein okkultes Restbedürfnis ab? Wollen manche Menschen dieses leise Schaudern des Ungewissen nicht ganz vermissen? Diese Gänsehaut, die das Unerklärbare macht? Oder ist es vielleicht eine tiefsitzende Angst, doch etwas zu versäumen, wenn man die Natur und ihre Heilkraft einfach arrogant in die Ecke stellt?

Sicher ist es von allem ein wenig, was die Menschen zu uns führt, aber in erster Linie ist es natürlich die Tatsache, daß sie krank sind, und daß sie von uns wirkliche Besserung und Hilfe erwarten. Damit die Patienten dieses Erwartete von uns bekommen können, müssen sie Vertrauen in uns und unser Handeln haben. Dieses Vertrauen unserer Patienten darf nicht ständig Belastungsproben ausgesetzt werden. Zum Beispiel durch unseriöse Wunderheilungsberichte von einigen Kollegen oder die ständig unseriöse Anbietung von gewerblicher Kurzausbildung. Gäbe es wirklich für den Staat keine Möglichkeit, ohne in diesem Bereich gewerbliche Freiheiten restriktiv einzuschränken, dem Schutzbedürfnis Auszubildender vor unlauterer Ausnutzung Genüge zu tun?

Gerade in einer Zeit so starker Erwerbslosigkeit wie im Augenblick, Menschen einen »Senkrechtstart« in diesen Beruf vorzugaukeln, ist abgrundtief blasphemisch und menschenverachtend. Abgesehen davon, daß es ausgerechnet der ethischen Grundhaltung unseres Berufsstandes absolut konträr ist.

Es lohnt sicher die Mühe, den Patienten etwas differenzierter über die Zusammenhänge aufzuklären, damit er nicht durch unqualifizierte Angriffe redegewandter Gegner eingeschüchtert wird, nur weil er sein Recht wahrnimmt, Hilfe beim Heilpraktiker zu suchen. Ihre Verbände kämpfen ohnehin seit Jahren für eine inhaltlich strengere Überprüfung in der Bundesrepublik Deutschland ohne Schlupfloch. Eine Regelung, die sicher auch Fortschritte in den Ausbildungsfragen bringen würde.

So verständlich auch der Ruf nach einer gesetzlichen Regelung der Ausbildung ist, noch dazu in einem Beruf, der mit Menschen umgeht, kann man hier doch einmal die Frage stellen, wie gehen eigentlich die gesetzlich geregelten medizinischen Berufe mit dem Menschen um? Man kann an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob wir als Bürger des ausgehenden 20. Jahrhunderts nicht durch die Gewohnheit, alles bei uns geregelt zu haben, in diesem Punkt eventuell überhaupt befangen sind. Ist denn diese unsere Welt, über die man jährlich ein Füllhorn von Hunderten von Gesetzen ausgießt, wirklich erträglicher und menschlicher geworden? Diese unsere Welt, in der die Eigenverantwortlichkeit immer mehr durch gesetzliche Regelungen ersetzt wird. Der Heilpraktiker aber ist noch ein Beruf in Eigenverantwortlichkeit. Und sicher ist diese Verantwortlichkeit Verpflichtung und Triebfeder zugleich, seine Aufgabe mit äußerster Gewissenhaftigkeit zu bestehen und auch Zufriedenheit und Erfüllung darin zu finden. – Sicher ein vitales Urbedürfnis des Menschen –

Ist nicht diese Überreglementierung einer der Hauptgründe für das Ohnmachtsgefühl des heutigen Menschen? Ein Ohnmachtsgefühl übrigens, das heute so weit geht, die Systeme in Frage zu stellen.

Sollten wir Heilpraktiker also diese unsere Freiheit eventuell um jeden Preis verteidigen oder können wir uns als Berufsstand soweit systemimmanent empfinden, daß wir uns, auch bei einer nach dem heutigen Rechtsempfinden gesetzlichen Regelung für Ausbildung und Tätigkeit des Heilpraktikers, die Kraft und die Phantasie erhalten für die Vielfältigkeit der Naturheilkunde in Eigenverantwortlichkeit? Diese segensreiche Urvitalität der Volksheilkunde. Dafür eben wäre es doppelt wichtig, daß wir uns auf das besinnen, was wir wirklich sind: Volksheilkundler, Naturheilkundler.

Das Streben danach, Minimediziner zu sein, schürt nicht zu Unrecht den Argwohn der Ärzte. Dazu müßten wir keuscher werden und unsere guten Therapien nicht in der Regenbogenpresse zu Wunderheilungen hochjubeln lassen. Wir sollten in Pressekonferenzen und Fachblättern spektakuläre Erfolgsmeldungen auf dem Gebiete zum Beispiel des Rheumas und des Krebses eher zurückhalten. Es ist auch ein Irrtum zu glauben, daß wir mit der spektakulären Karriere einer unserer Therapien mit nach oben gespült werden und uns dort unerschütterlich etablieren können.

Dieses alles wird unsere Probleme, gesetzliche Regelung hin, gesetzliche Regelung her, nicht lösen. Da werden wir uns eher eines Tages mit dem Ozonschlauch um den Hals irgendwo hängen sehen. Die Lösung unseres Problems liegt meiner Meinung nach in der Rückbesinnung auf das, was wir sind, die Verfechter naturheilkundlicher Wahrheit in der Heilkunst. Als solche sollten wir das Salz in der Suppe sein. Aber, wie gesagt, eine Prise Salz macht die Suppe schmackhaft, allzuviel versalzt sie. 

Ihr


Naturheilpraxis 09/1983