EDITORIAL

Nebenwirkungen!!! Was soll das schon sein? Es ist doch schön und natürlich, wenn die Hauptwirkung, daß ein Kind satt wird, auch noch so eine entzückend anzuschauende und obendrein ganz nützliche Nebenwirkung hat, daß das Huhn gefüttert wird. – Vorausgesetzt, die Kindermahlzeit ist so natürlich und naturbelassen, daß das Huhn nicht schon beim Aufpicken des ersten Krümels die Augen verdreht und umfällt. – Das Wörtchen »neben« im Sinne von »nebenbei« oder »außerdem« will doch lediglich sagen, daß außer einer zunächst beabsichtigten Hauptwirkung auch noch eine, vielleicht sogar ganz willkommene Nebenwirkung erzielt wird. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Nie würde aber einer doch auf die Idee kommen, wenn er ein Huhn füttern möchte, einem Kind ein Brot zu streichen, es damit unter die Hühner zu schicken, um mit den während des Essens herunterfallenden Krumen die beabsichtigte Hauptwirkung zu erzielen.

Nun hat sich das kleine Wörtchen »Nebenwirkungen« immer mehr aus seinem Mauerblümchendasein befreit, sich zunächst unbemerkt, aber dann mit aller Brutalität in den Vordergrund geschoben. Es beherrscht heute die Szene auf allen Gebieten des menschlichen Lebens so sehr, daß man vor lauter Nebenwirkungen meistens die Hauptwirkungen nicht mehr ausmachen kann. Bei einer heutigen Begriffsdeutung des Wortes neigt man zu der formulatorischen Bosheit: Nebenwirkung ist, wenn etwas wirkungsvoll daneben geht. Wie anders sonst sollte man es verstehen, daß z. B. ein Drittel der zur Transplantation anstehenden Nieren hausgemacht, das heißt auf Arzneimittelschäden zurückzuführen, sind. Welchem Berufsstand sonst als dem, der den Hippokrateseid geschworen hat, würde man es verzeihen, daß er an demselben Objekt (Patient) zweimal verdient: einmal durch die Ausgabe von Pillen und beim zweiten Mal durch Eingriffe zur Beseitigung von Schäden derselben. Und das alles im ethischen Dunstkreis von Hilfeleistung und Nächstenliebe.

Wie anders sonst kann man auch das Waldsterben verstehen, das eine Nebenwirkung ganz anderer Effekte ist, die auch nur unvollkommen erzielt werden. Längst hat der Letzte gemerkt, daß es ein Unsinn an sich ist, sich mit seinem abgasstinkenden Auto in gute Luft zu befördern. Wer dieses Ziel erreichen will, muß schon sehr lange fahren. Die Vision des unendlichen Autofahrers.

Die Blind-Euphorischen sowie die Spekulanten unter den Fortschrittsgläubigen argumentieren, daß der ständig zunehmende Wohlstand gewisse kleine und kleinste Abstriche an der Natur durchaus rechtfertige. Abgesehen davon, daß von kleinen oder gar kleinsten Abstrichen schon längst nicht mehr die Rede sein kann, so sind auch an der Behauptung des zunehmenden Wohlstandes erhebliche Zweifel anzumelden. Wem von uns ist denn schon ein solches Maß an Wohlstand zu eigen, daß er sich die Dinge wirklich kaufen kann, die zu einer Zeit, als es den »Wohlstand« noch nicht gab, gratis waren oder aber sehr wenig kosteten: die saubere Luft, das saubere Wasser, die giftfreie Nahrung. Was das für vier Wochen kostet, weiß jeder. Und ob sich das alle leisten können, überlasse ich dem Statistischen Bundesamt.

Abgesehen davon, daß eine solche Invasion für die Malediven untragbar wäre, wird doch ganz klar, daß wir hier anfangen müssen, unser Leben wieder erträglicher zu machen. Wir müssen uns von der Übermacht der Nebenwirkungen befreien und sie ins rechte Verhältnis zur Hauptwirkung bringen. Und dies wird sicher nur gehen, wenn wir in der Erzielung von Hauptwirkungen in Zukunft nicht mehr zu anspruchsvoll sind. Oder besser gesagt, wir können unsere Ansprüche gar nicht hoch genug schrauben, aber die Ansprüche, die wir als natürlich biologisches Wesen haben: gesunde Luft zu atmen, gesundes Wasser zu trinken, giftfreie Nahrung zu uns zu nehmen. Damit könnten wir eine Hauptwirkung erzielen, die nur erwünschte Nebenwirkungen hat: Kraft, Gesundheit, Vitalität, Lebensfreude, positive Emotionalität.

Das Zurückschrauben unseres Anspruchsdenkens in bezug auf den sogenannten Wohlstand, die Bequemlichkeit, absolute Sorglosigkeit, die Befreiung von jeder Verantwortung für sich selbst durch ein dichtmaschiges Netz von Sicherungen, Versicherungen und Regelungen aller Art würde uns auch wieder ein wenig Eigenverantwortlichkeit für unser Leben und ein Stück Lebenskampfstimulanz zurückgeben, die unzertrennlich zum biologischen Überleben und Leben gehören und uns auch wieder die freudigen und euphorischen Siegesfeiern schenken, wenn wir eine nicht ganz einfache Situation eigeninitiativ gemeistert hätten. Diese unbändigen Feiern, die das Leben selbst sind. Schwärmerei? Nein. Gerade für uns Naturheilkundler notwendige Wahrheiten.

Haben wir es doch in unseren Praxen täglich mit den Auswirkungen alt dieser Nebenwirkungen zu tun, die unsere Zeit produziert: Freudlosigkeit, Gleichgültigkeit, medikamentös gleichgeschaltete Seelenstumpfheit, Depression, Schlaflosigkeit, Sprachlosigkeit, Ausdruckslosigkeit – Endglieder einer Kette von Nebenwirkungen, deren Hauptwirkung der Fortschritt der Menschheit und der Wohlstand sein sollten – Abfallprodukte einer manipulierten und ausgelaugten Natur – Nebenwirkungen.

Wir Naturheilkundler fragen uns, wann kommt endlich die Sicht und Einsicht der Naturwissenschaften, wenn schon nicht zur Bewunderung, so doch wenigstens zur Anerkennung der in Wirkungen und Nebenwirkungen so genial abgestimmten Gesamtkybernetik biologischer Existenz. Wann beobachtet man endlich erst, bevor man »macht« – und, wie wir heute wissen, sehr viel falsch macht. Nicht Wiedergutzumachendes. Haben vielleicht doch noch einmal die sinnvollen Nebenwirkungen eine Chance?

Wenn die Materie mehr und mehr vergiftet ist, mag vielleicht die Stunde gekommen sein, etwas weiter von ihr abzurücken? Vielleicht macht der geistig-seelische Bereich wieder ein wenig mehr Karriere, läßt unsere materiellen Ansprüche sinken, bringt Entlastung. Die Naturheilkunde hat immer versucht, die Dinge im Gleichgewicht zu halten, weil sie nicht an der Natur, sondern immer mit ihr gehandelt, sich stets beobachtend und forschend, dann in der Anwendung immer der als sinnvoll erkannten Nebenwirkungen bedient hat. Wollen wir hoffen, daß der zutiefst blasphemische Satz: »Was nicht schadet, kann auch nicht helfen« bald eine »wissenschaftliche Wahrheit« ist, die der Vergangenheit angehört. Wenn es eine Zukunft gibt, dann kann die Therapie dieser Zukunft nur die Naturheilkunde sein.

Ihr


Naturheilpraxis 10/1983