EDITORIAL

Die Frage der Bundesregierung, ob das Heilpraktikergesetz in der jetzigen Form noch zeitgemäß sei, hat der Bundesgesundheitsrat in seinem Votum vom 12. Oktober 1983 mit einem eindeutigen »nein« beantwortet. In diesem Votum heißt es außerdem, daß es in der Bundesrepublik Deutschland keinen objektiven Bedarf für Heilpraktiker gäbe, hingegen ein subjektives Bedürfnis in der Bevölkerung. Um seine in Gesundheitsfragen zweifellos nicht übermäßige Bedeutung als Beratungsgremium der Bundesregierung zu kompensieren, hat er in der Unterscheidung zwischen Bedarf und Bedürfnis einen sprachschöpferischen Hochseilakt mit Salto mortale vollführt, der jedem Germanistenkongreß zur Ehre gereichen würde. Nun endlich wissen wir, daß der »objektive Bedarf« nichts mit »subjektivem Bedürfnis« zu tun hat, ebensowenig wie die Bundesrepublik Deutschland mit der deutschen Bevölkerung. Ich hatte bisher die irrige Vorstellung, daß in einer Demokratie das Volk der Souverän sei und dessen subjektive Bedürfnisse sich zu einem Bedarf summieren, aber ich muß nun lernen, daß die Aussagen eines wissenschaftlichen Dogmas vertreten durch eine schlagkräftige Lobby noch wesentlich höher einzuschätzen sind, als der zwar bedürftige, aber recht »unbedarfte« Volkswille. Schlechte Zeiten für den, der an einer Bedarfshaltestelle mit dem Bedürfnis, einzusteigen, steht und der Zug objektiv vorüberfährt.

Machen wir uns den Inhalt dieser neuen Sinnschöpfung an sich geläufiger Worte wie Bedarf und Bedürfnis einmal klar. Auf soundsoviel Kopf der Bevölkerung kommt in der Bundesrepublik Deutschland ein Arzt, damit ist die gesundheitliche Versorgung flächendeckend und objektiv abgedeckt. Das deutsche Volk ist objektiv gesund  oder – besser – hat es gefälligst zu sein. Wenn darüber hinaus dennoch jemand krank ist oder sich so fühlt – wobei Krankheit nach Hippokrates alles ist, was den Menschen peinigt – so ist dieses eben »nur« rein subjektiv: Er will sich einfach dem öffentlichen Diktat, gesund zu sein, nicht fügen. Er ist irgendwie renitent. Er paßt nicht ins System, wiewohl letzteres schon wieder eine Diagnose ist, die ihn, selbst bei den objektiven Bedarfsdeckern verdächtig macht und gefährlich in die Nähe einer »Krankheit« rückt, für deren Bereich wohl dann der »Arzt« Polizei zuständig ist. Ein Trost, denn auch auf diesem Gebiet sind wir offensichtlich flächendeckend versorgt.

Schlechte Zeiten für subjektive Bedürfnisse. Wer nimmt sie uns nur ab? Wer sorgt dafür, daß wir sie nicht mehr haben müssen? Wer macht aus den öffentlichen Bedürfnisanstalten objektive Bedarfsanstalten? Wer regelt endlich unsere Ausscheidungen per Gesetz. Durch die weitverbreitete chronische Obstipation, bedingt durch falsche Industrie-Nahrung sowie Bewegungsmangel, hat die Bevölkerung ja bereits auf diesem Gebiet ihrer Bedürfnisse eine gewisse Bescheidenheit signalisiert, um den Reglern des objektiven Bedarfs das Leben nicht zu schwer zu machen. Sehr gut hingegen steht es in Zukunft um die Bedürftigen: Sie wird es in unserem Staat nicht mehr geben, es sei denn die wenigen, denen von höchster Stelle aus ein objektiver Bedarf zugestanden wird. Alle anderen werden als unbedarft in die Normalität des Lebens dieser Republik zurückentlassen.

Wenn man die abendliche Fernsehwerbung verfolgt, hat man ohnehin den Eindruck, daß dort nicht etwas angeboten wird, für das irgendein Bedürfnis in der Bevölkerung besteht. Es handelt sich stets um Dinge des täglichen »Bedarfs«. Die ausgesprochen objektive und zurückhaltende Werbung der Industrie hat also schon lange den Trend der Zeit begriffen, und sich für die gründliche Reform vom Bedürfnis zum Bedarf tätig eingesetzt. Selbstlos, versteht sich. Systemimmanent. Die Objektiven werden es ihnen danken.

Fazit: Subjektive Bedürfnisse soll es in Zukunft nicht mal mehr im Bedarfsfall geben. Ob bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein objektiver Bedarf für diese meine Formulierungs-Eulenspiegeleien besteht, wage ich zu bezweifeln. Aber es war mir ein subjektives Bedürfnis.

Wir sollten uns als Heilpraktiker durch die Aussage des Bundesgesundheitsrates, für uns bestehe kein objektiver Bedarf in dieser Republik, nicht diskriminiert fühlen, sondern sehr stolz darauf sein, auf der Seite der subjektiven Bedürfnisse in der Bevölkerung zu stehen. Es ist wunderschön, Mensch bleiben zu können mit allem Subjektiven, sogar mit subjektiven Bedürfnissen. Nichts macht unseren Berufsstand mehr aus, als uns subjektiv, freilich mit dem Wissen um die Naturheilkunde gerüstet, mit den subjektiven Bedürfnissen unseres kranken Mitmenschen auseinanderzusetzen – einfühlend, helfend.

Die ganze Misere der heutigen Medizin ist doch eine Ausgeburt der jahrzehntelangen Mißachtung subjektiver Bedürfnisse des Menschen in seiner Not, in seinem Leid, in seiner Krankheit, zugunsten einer nach wissenschaftlichen sowie wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichteten Gesundheitsversorgung, bei der die sie ausrichtenden Berufsstände ihren finanziell nicht geringen »Bedarf« reichlich gedeckt haben, so daß sie selbstverständlich ganz unverdächtig sind, nicht objektiv zu sein. Und um ein letztes Mal dieses in seiner Formulierung brillante Eigentor des Bundesgesundheitsrates voll zu genießen: Die herrschende schulmedizinische objektive »Bedarfsdeckung« der Gesundheitsversorgung in unserem Land ist die allerbeste »Bedürfnisweckung«, einen Heilpraktiker aufzusuchen.

Ihr


Naturheilpraxis 11/1983