EDITORIAL

Weihnachten – das Fest des Friedens. Wir wünschen einander friedliche Feiertage und unter dem Inhalt dieses Begriffs assoziieren wir die Familie, das glücklich-zufriedene Zusammentreffen bei Speise und Trank, die Sicherheit und Geborgenheit in dieser Familie, die Ruhe und Zufriedenheit gibt. Zu alledem gehört auch die leicht melancholische Stimmung der wunderschönen Weihnachtslieder. Kaum etwas anderes als das weihnachtliche Lied drückt die friedliche Grundstimmung so genau aus, wenn es von Herzen gesungen wird.

Das Lied aber, in noch so zarten Flötenversionen und aus noch so naivem Kindermund gesungen, lediglich reproduziert und von Millionen Kassetten in Zigtausenden von Kaufhäusern täglich bis zu zehn Stunden heruntergedudelt, erzeugt keinesfalls Frieden oder auch friedliche Stimmung, sondern soll zweckentfremdet das Gegenteil von Frieden, nämlich Terror – den Konsumterror der vorweihnachtlichen Verkaufsschlacht – unverdächtig machen und noch stärker ankurbeln. Das Friedenslied, wenn es nicht aus uns kommt, aus unserer Friedensliebe, aus unserem Friedenswillen und aus unserer friedlichen Stimmung, ist wertlos. Alles, was zur Form erstarrt, nur noch reproduziert und angewendet wird, ohne erlebt, gefühlt, empfunden und auch gedanklich durchdrungen zu werden, beginnt seine eigentliche Bestimmung zu verlieren.

Die vielfältigen und weiter zunehmenden Möglichkeiten technischer Machbarkeit haben dazu geführt, daß wir allzu oft der Versuchung erlegen sind, uns mit dem, was wir tun, nicht mehr zu identifizieren. In der Medizin werden immer mehr Techniken angewandt. Die Suche nach dem praktikablen Patentrezept zur Korrektur von Krankheiten hat sich in der Zweckforschung der pharmazeutischen Industrie verselbständigt.

Es ist keine Seltenheit mehr, daß in einem medizinischen Fachbuch von vielen hundert Seiten das Wort Patient nicht ein einziges Mal vorkommt. Auf allen Gebieten unseres Lebens ist eine zunehmende Entleerung der Formen vom Inhalt und vom endlichen Zweck derselben zu beobachten.

Auch wir Heilpraktiker sind in der täglichen Praxis immer wieder in der Gefahr, als gut und erfolgreich Erfahrenes einfach in seiner Anwendung zu wiederholen, ohne uns jeweils dem mühevollen Weg der Identifikation mit der neuen Persönlichkeit des Kranken wie selbstverständlich zu unterziehen. Dabei ist der Ursprung der Volks- und Naturheilkunde sicher das Mitleid mit dem kranken Mitmenschen gewesen, und ohne diesen Ursprung immer wieder in uns zu mobilisieren, können wir die Naturheilkunde eigentlich nicht ausüben. Wir können im Patienten das gesundheitliche Gleichgewicht nicht herstellen, ebenso wenig wie in uns selbst das friedliche Gleichgewicht, das wir guten Gewissens die Quelle unserer Heilkraft nennen können.

Der äußere und innere Frieden möge es möglich machen, daß sich Ärzte und Heilpraktiker am Bett des Patienten die Hand reichen, zu dessen Wohl. Ärzte und Heilpraktiker könnten durch den Abbau des Konkurrenzdenkens, durch friedliches sich ergänzendes Miteinander negatives Gedankengut abbauen, das belastet und ablenkt von der gemeinsamen Aufgabe am Patienten. Das friedliche Gleichgewicht des Behandlers könnte nicht nur das gesundheitliche Gleichgewicht des Patienten stärker beeinflussen, sondern diesem den inneren Frieden geben, den er evtl. braucht, um mit gesundheitlichen Ungleichgewichtigkeiten als Mensch leben zu können.

Das priesterliche Moment, und das sage ich ganz unpathetisch, darf in der Heilkunde nicht verlorengehen. So wie die Erfahrung einen gewichtigeren Platz in der wissenschaftlichen Forschung einnehmen sollte, so wäre es ebenso zu wünschen, daß die Erfahrungsheilkunde mehr forscht und dokumentiert und es auf diese Weise zu einem Brückenschlag der Annäherung käme. Daß sich die »wissenschaftliche« Medizin – vorurteilsfrei und undogmatisch – und die Naturheilkunde friedlich die Hand reichen, zum Wohle des Patienten, das wäre der Beitrag zum Frieden, den ich uns allen für das Jahr 1984 wünschen möchte.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/1983