EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wen wundert's, wenn eine Bombe, die lange tickt, schließlich hochgeht? Fast alle! Und das sind, wenn man davon ausgeht, daß der Mensch als intelligentes Wesen gedacht ist, einfach zuviele. Was soll denn mit einer Zeitbombe, so sie kein Blindgänger ist, sonst schon passieren?

Zeit-Bombe, ein Wort, dem Trauer und Tiefsinn innewohnt. Dennoch hantieren wir modernen Menschen erstaunlich leichtsinnig und gedankenlos mit Zeit-Bomben unterschiedlicher Herkunft und Auswirkung.

Die Zahl der Menschen, die durch die Nebenwirkungen zweier spezieller chemischer Rheumamittel den Tod fanden, hat die Tausend weit überschritten, von der Dunkelziffer der vielen älteren Mitbürger abgesehen, die jahrelang bewegungsarm – weil Bewegung schmerzhaft – in ihren Fernsehsesseln dahindämmerten, diese »Mittel« regelmäßig konsumierten und in deren Totenschein die höchstoffizielle Todesursache »Altersherzversagen« über bestimmte andere Zusammenhänge einen allerletzten Schleier »milden« Vergessens breitet. Dennoch gehören die Mittel zum Standardrepertoire der All-Gemeinmedizin und füllen die Ärztemusterschubladen. Nur bleiben sie dort leider nicht bis zum Verfallsdatum liegen und werden vernichtet, sondern sie werden fleißig und regelmäßig an Patienten verteilt.

Unvorstellbar, daß ein solcher Skandal erst ans Licht kommt durch ein aufgrund dieser Kenntnisse belastetes Gewissen eines Firmenmitarbeiters. Nun plötzlich dürfen Patienten diese Mittel nur noch sechs Wochen nehmen, weil sonst, wie es heißt, Risiken für die Gesundheit »nicht auszuschließen« seien. Wie mag sich ein Mensch bei dieser Information wohl fühlen, der die Bombe langjähriger Einnahme dieser chemischen Keulen im Bauch hat? Wie ihm wohl zumute ist, wenn er in sich hineinlauscht und sie ticken hört?

Müssen wir denn eigentlich so leben, daß der sogenannte wissenschaftliche Beweis und seine technische Umsetzung über die menschliche Vernunft und den gesunden Menschenverstand triumphiert – und sei es zum Untergang?

Wir lebten ohne Zweifel ungefährlicher, hätten wir alle ein wenig mehr Gewissen oder Gewissensbisse.

Warum tun wir Menschen nur all das? Warum produzieren wir chemische Mittel, deren Nebenwirkungen oft stärker als die Wirkung sind, so daß Menschen daran zugrunde gehen? – Mittel, die, wenn ich recht verstanden habe, ja doch wohl nicht zur Regulierung der Überbevölkerung hergestellt werden und deren noch giftigere Abfälle man in verschweißten Fässern durch ganz Europa schiebt wie den Schwarzen Peter beim Kartenspiel.

Warum düngen wir den Boden mit chemischen Substanzen, bis das Grundwasser verseucht ist?

Warum vernichten wir in den reichen Ländern die Nahrungsmittelüberproduktion und lassen zu, daß in anderen Teilen der Welt Kinder verhungern?

Warum unterhalten wir eine Bedarfsweckungsindustrie, die eine unsere natürlichen Lebensräume zerstörende Produktion nach sich zieht?

Warum machen wir uns Gedanken, mit welcher Substanz man die Wälder einsprüht und konserviert, anstatt Filter auf Schornsteine und Auspuffe zu setzen?

Warum argumentieren wir die ständig neue Aufstellung von Raketen mit dem Sicherheitsbedürfnis, wo wir doch mit einem mehrhundertfachen Overkill schon fast zu sicher sind?

Wo bleiben das Recht des Menschen und die Freiheit, nur einen Tod zu sterben?

Die Kette der Ungereimtheiten menschlicher Existenz auf diesem Stern ließe sich beliebig fortsetzen. Fazit: Wir Menschen sind völlig wahnsinnig! Woran liegt das alles, abgesehen davon, daß wir unsere Intelligenz bei all diesem so sehr überschätzen? Warum balancieren wir unbedenklich mit Zeitbomben, wie die Robbe mit dem bunten Ball?

Die Antwort gibt uns das Wort selbst: Zeit-Bombe. Zum einen wissen wir zu wenig über die Qualität der Bomben, und die Auswirkungen ihrer Explosionen übersteigen unser Vorstellungsvermögen. Andererseits und das ist wichtiger: unser Mißverhältnis zur Zeit. Wir haben uns so weit von der Natur entfernt, dass wir den ihr gemäßen Zeitbegriff nicht mehr begreifen, nicht mehr in uns spüren, den Begriff von Werden, Wachsen und Vergehen, der von ganz allein ein Verantwortungsgefühl unserer heutigen Handlungen für das Morgen prägt und sich nicht blind im Augenblick erschöpft.

Statt unseren Zeitbegriff im Anschauen einer 300jährigen Buche zu schulen, begeistern wir uns für das atemberaubende Tempo eines Brückenbaus: Voriges Jahr war hier noch nichts, dieses Jahr rollen die Autos vierspurig über den Spannbetonbogen und – das vergißt man meist hinzuzufügen – nächstes Jahr ist sie schon zusammengebrochen.

Jede neueste technische Machbarkeit wird Mode und erhält sogleich das unverzichtbare Qualitätssiegel »zeitgemäß«, und wer nicht alles mitmacht, wird per dogmatischem Diktat als »unzeitgemäß« abqualifiziert. Und so haben wir eben heute eine zeitgemäße technische Medizin, die nicht zuläßt, dass wir einschlafen, weil unsere Lebenskräfte nachlassen, sondern die das Todesurteil mit Nebenwirkungen vollstreckt und die uns belehrt, Naturheilkunde sei veraltet und nicht mehr »zeitgemäß« bei den heutigen technischen Möglichkeiten. Was für ein Unsinn!

Natur ist immer zeitgemäß, nur wir sind zeitweise nicht naturgemäß.

Ihr


Naturheilpraxis 01/1984