EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Wehret den Anfängen!« – ein allseits und gerne zitierter Mahnspruch, wenn es zu spät ist. Kann man im Endstadium überhaupt noch Anfängen wehren. Ich bezweifle sogar, daß man sich ihrer noch zu erinnern oder gar sie zu diagnostizieren weiß.

Das Wesen des stillen Grenzgängers ist es ja gerade, daß er unbemerkt ins Land gelangt, scheinbar wohltätig, uns mit Annehmlichkeiten verwöhnend, sich mehr und mehr unentbehrlich macht. Keiner weiß mehr, wann und wie er ins Land gekommen ist; keiner weiß mehr, wo die Grenze war. 

Nun soll hier keineswegs einer strengen Grenzsicherung oder Überwachung das Wort geredet werden. Es geht uns nicht um Grenzen und Länder im polit-geographischen Sinne, sondern um das staunenswert schöne Land der natürlichen Lebensweise, das wir bis an die Grenzen prall ausfüllen müssen, damit kein Vakuum entsteht und keine Verlockung für das Eindringen feindlicher Einflüsse in jedweder Form der Denaturiertheit.   

Sicher kann man davon ausgehen, dass die nicht ausgelebte Natürlichkeit, diese verlockende Möglichkeit für den stillen Grenzgänger schädlicher Einflüsse, der Anfang wäre, dem es zu wehren gelte oder besser gegolten hätte.  Nun darf man sicher den Erfindergeist des Menschen, nicht zu Bewältigendes eben doch zu bewältigen, zu seinen biologisch angelegten Fähigkeiten zählen, die ebenfalls ausgelebt sein wollen. Wo aber der Trieb der Neugier und der Entdeckergeist durch Teilerfolge sich allzu wohlfühlen im angenehm und schmeichelnden Bade der Eitelkeit und Überheblichkeit, wo sich der scheinbar erfolgreiche Intellekt loslöst aus. der »Geist-Seele-Körper-Trinität« menschlicher Existenz, da erhält die Entwicklung eine neue Dimension und steuert auf das Chaos der Unkontrollierbarkeit zu.  Entwicklungen, die wir heute hautnah spüren. 

Selten haben unsere Herzen höher geschlagen, selten war unsere Seele inniger und wohliger angerührt, als in dem Augenblick, wo der Grieche Sorbas, der in des Wortes bester Bedeutung Emotionsbrocken, der Naturmensch, lauthals lachte, als eine mühevoll gebastelte Seilbahn – die Konstruktion eines Intellektuellen – zusammenbrach und Sorbas, kläglich nach dem Grund seines Lachausbruchs befragt, schrie: »Hast Du schon mal etwas so schön zusammenbrechen sehen.« Da waren wir Zuschauer zu Miterlebern geworden und ganz erfüllt vom Sieg der Natur über die technische Bastelei des Intellektuellen. Da haben wir unsere Seele für Augenblicke durch Erschütterung gereinigt.  Aber zu schnell schlagen wir uns freiwillig oder gezwungenermaßen (?) wieder auf die andere Seite.   

Wir füllen unser natürliches Leben nicht aus, wir zeigen Blößen, bieten Angriffsflächen, Freiräume für Versuchungen, denen wir sicher erliegen müssen:  Wir nehmen eine wertlose und schädliche Industrienahrung zu uns, wir leben in überheizten Räumen aus Beton (kunststoffisoliert), wir schalten mehr künstliches Licht an als nötig. Über 80% unserer fünfsitzigen Autos werden von einer Einzelperson benutzt. Der Mensch verrichtet gleichförmige Tätigkeiten in für ihn undurchschaubaren Arbeitsabläufen. Er wird von Medien gesteuert überinformiert.  Sein Denken ist spekulativ auf materiellen Gewinn und Genuß-Zeitvertreib ausgerichtet. Die Verselbständigung wirtschaftlich-technischer Vorgänge hat ihn fest im Griff. Er lebt im Spannungsfeld von Zerstörung und Selbstzerstörung – ausweglos.

Da greift schließlich die Medizin ein mit dem Behandlungsziel, den Menschen nicht etwa aus dem Selbstzerstörungszwang zu befreien, sondern ihn seiner Restwachheit über seine Lage zu berauben und ihn künstlich mit der Droge in die Welt der Unschärfe zu stoßen – Betäubungspatentrezepte als Beschwörungsformeln eines Dahindämmerns im Nebel. Das bessere Leben in der Narkose. Der Traum von der schöneren Vergangenheit ist legitim und allzu verständlich. Ob es wohl ein Zurück gibt? 

Aber ein Vorwärts gibt es, auf dem Wege der Aufklärung, der Bewußtwerdung über den Wahnsinn moderner Existenz. Den Menschen mit dieser traurigen Wahrheit allerdings nicht alleinzulassen, wäre die Aufgabe medizinischer Betreuung des Mitmenschen: tätige Lebenshilfe zu geben, seine Sorgen anzuhören, auf ihn einzugehen, ihn aufzubauen, emotionell aufzuladen mit Gedanken, Energien, unseren wunderbaren Naturheilmittel, ihm letztendlich Mut zu machen, sein Land der natürlichen Möglichkeiten bis an die Grenze auszuleben und zu genießen; die Kraft und Lust statt der Resignation und Betäubung.  

Noch gibt es auch im Bereich des technisierten Lebens Freiräume. Wir Naturbehandler sind aufgerufen, in diese einzudringen und sie zu besetzen mit den faszinierenden Wahrheiten der Naturheilkunde.  

Lassen Sie uns die stillen Grenzgänger sein mit dieser Botschaft im Gepäck. 

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 02/1984