EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

In den letzten Februartagen des begonnenen Jahres lud der Generalsekretär der F.D.P., Frau Dr. Irmgard Adam-Schwaetzer, zu einem Gesundheitskongreß nach Baden-Baden. Das Thema »Selbstverantwortung und Gesundheit« – für uns Heilpraktiker von jeher unverzichtbare und stets mit Selbstverständlichkeit praktizierte Prämisse naturheilkundlicher Krankheitsfürsorge. Zahlreiche mit dem Gesundheitswesen verbundene Persönlichkeiten von Rang und Namen sowie Sachverstand aus der Medizinalpolitik – Ärzte, Apotheker, die Pharmaindustrie, Ministerialbeamte, Ausschussmitglieder – konnten begrüßt werden; unter anderem auch – und das war neu – der Schreiber dieser Zeilen. Er wurde namentlich und mit seiner Berufsbezeichnung »Heilpraktiker« dem Gremium vorgestellt, was durchaus nicht mit Murren, sondern mit gleichmäßiger Freundlichkeit akzeptiert wurde.

Heilpraktiker in einem so offiziösen Gremium? Bizarres Schleifchen an der sonst so sachkompetenten Verpackung wichtigen und explosiven Inhalts der Gesundheitspolitik? Oder vielleicht ein Wink, ein Zeichen, das Mut machen soll zur Mitarbeit an dem gesamten Fragenkomplex?  

Sicher eher das Letztere. Hier macht eine Partei ernst mit dem Angebot, aktiv an der Integration unseres Berufsstandes durch Diskussion, Einbringen unserer eigenen Vorstellungen und Leistungen mitzuwirken: Wir sollten die ausgestreckte Hand, die uns von vielen politischen Freunden geboten wird, mutig ergreifen. In einer Welt, in der der gesamte medizinpolitische Bereich, wenn auch nicht vom Umbruch, so doch vom Umdenken bestimmt ist, dürfen wir uns nicht in eine Ecke stellen und unsere optimalen berufspolitischen Wunschvorstellungen zur conditio sine qua non erheben und uns in einer Ablehnhaltung in keiner – wie auch immer gearteten – Weise kooperativ zeigen.  Wir müssen – wissend, was wir wollen – tastend, forschend uns mit allen im medizinischen Bereich Tätigen zum Wohle des Patienten auf ein friedliches Miteinander für die Zukunft einigen, zumal diese – in welcher Form auch immer – von der Tendenz zu mehr Naturheilkunde bestimmt sein wird.

Ein Blick über den berufspolitischen Schüsselrand hinaus würde sicher unseren Betrachtungshorizont erweitern, ebenso wie der Versuch, einen verantwortlichen Medizinalpolitiker zu verstehen, wenn dieser in seinem Denkansatz davon ausgeht, daß die medizinischen Berufsgruppen ihre Rechte und Pflichten danach zugewiesen erhalten sollen, wie sie am sichersten, am besten, am qualifiziertesten und auch am ökonomischsten die Gesundheitsversorgung des Bürgers sicherstellen. 

Viel wurde auf diesem Kongreß, auch in den einzelnen Arbeitsgruppen, über Geld gesprochen, speziell über das fehlende Geld. Bedauerlich, daß viele Vorschläge zur Veränderung aus dem Mangel des Letzteren entstanden und nicht aus der Einsicht, daß so manches verbesserungswürdig ist, weil es zum Systemischen erstarrt ist und einfach seit einiger Zeit sich den lebendigen Entwicklungen nicht mehr anpassen kann. 

Im Gespräch waren die Negativliste, die evtl. erweiterte Negativliste bis hin zum Allernegativsten: der Positivliste. Naturheilkundlich denkende, auch die Homöopathen, konnten allenfalls eine Negativliste halbwegs tolerieren, die lediglich Seife und Multivitaminpräparate umfaßte.

Auch das leidige Problem der »wissenschaftlichen« Aufarbeitung der Phytopharmaka in Form von Monographien wurde beraten. Die Zahlen, wie viele von den ca. 500 zu erstellenden bereits fertig oder in Angriff genommen worden sind, schwankten von einer (die bereits registriert ist) über zehn, fünfzig bis hin zu hundert. Die Sorge, dass auch bei sechzehn neugeschaffenen Planstellen (wovon 12 nicht wissenschaftliche, sondern Verwaltungsstellen seien) das Pensum bis 1989 nicht zu schaffen wäre, war nicht auszuräumen. Dennoch wurde die Aussage, daß eine Fristverlängerung über 89 hinaus nicht in Frage käme, hartnäckig gehandelt. 

Wiewohl man hinter vorgehaltener Hand auch hörte, daß man jetzt erst einmal arbeiten müßte und dann 88 schon sehen würde, was geschafft wäre und welche  Notwendigkeiten sich daraus ergäben.  

Die Komplexmittel, insbesondere die phytotherapeutischen und homöopathischen, wiewohl die Produktionszahlen aussagen, daß sie im Bereich der Naturheilkunde sicher zu den beliebtesten und meist verordneten Mitteln gehören, liegen anscheinend in der wissenschaftlichen Diskussion noch in einem nebulös schicksalhaften Dunkel der Zukunft. Sie sollen aus höchstens drei Substanzen bzw. sechs Pflanzen oder homöopathischen Anteilen bestehen. Wieso drei? Wieso sechs? Vielleicht wirkt gerade die siebente Pflanze? Vielleicht wirken die anderen sechs nur wegen der siebenten? Sind die Zahlen 3 und 6 vom Himmel gefallen? Sind sie der wissenschaftlichen »Weisheit letzter Schluß? « Oder einfach aus dem Würfelbecher? Fragen, deren Beantwortung den aktiven und gezielten Einsatz der biologisch-pharmazeutischen Firmen in Verbindung mit uns Verordnern fordert. Unsere Mitarbeit in bezug auf das Sammeln von Erfahrungsgut als sog. anderen wissenschaftlichen Erkenntnismaterials und auch das Dokumentieren unserer Erfahrungen in einem akzeptablen wissenschaftlichen Rahmen ist unerläßlich. Wir sind auch hier aufgerufen.

Wir Heilpraktiker werden schlecht in Außenseitertherapien überleben, wenn wir uns nicht aktiver um die Substanz unseres Ursprungs, die Wurzeln der Volks- und Naturheilkunde, bemühen und bereit sind, für diese kämpferischen Einsatz zu zeigen.  

Ihr


Naturheilpraxis 03/1984