EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

In einer Niederlage seine Ohnmacht zu spüren – dieses Vernichtungsgefühl des Unabänderlichen, Schicksalhaften –, ist sicher eins der einschneidendsten und tiefgehendsten Erlebnisse in der Empfindungswelt des Menschen. Und doch ist die Ohnmacht – wie das Dunkel zum Licht – die unentbehrliche Polarität im sich bedingenden Gegensatzpaar »Macht/Ohnmacht«.

Wie anders sollte sich das Wort Macht begrifflich-inhaltlich füllen, als durch das Abtasten der einzelnen Abstufungen bis hin zur Ohnmacht.  Walther von der Vogelweide sagte: »ze liebe kummt leide« und meinte das durchaus nicht als Warnung, nicht zu lieben, damit man nicht leiden müsse; sondern es war der Aufruf, auch das Leid zu ertragen, zu durchleben, um die Liebe nur vollkommener zu begreifen. 

In diesem Sinne ist es etwas überaus Natürliches, daß ein Mensch auch die Macht empfindet. Wer aber Macht spürt, ausübt, genießt, sollte sein Verhältnis zu ihr geklärt haben. Dazu gehört eben auch, Ohnmacht erlitten zu haben. Man muß sich bewußt werden, in welchem Bereich des Spannungsfeldes der sich bedingenden Gegensätze man sich selbst befindet. 

Ein Mensch mit der größten weltlichen Macht ausgestattet, muß verstehen lernen – und das Begriffene in Demut annehmen –, daß die Grenze für seine Machtausübung die Regelung und evtl. Veränderung lebendiger Prozesse ist, die ganz der göttlichen Genialität einer für uns schier undurchschaubaren Gesamtkybernetik überlassen bleiben muß.

Wie man Ohnmacht erdulden und erleiden muß, darf man auch Macht auszuüben genießen. Feudalistische Strukturen machten Macht vererbbar. In unserer Zeit wird sie mehr oder weniger demokratisch verliehen, wiewohl mit dieser Leihgabe umzugehen, heute nicht weniger Verantwortung verlangt. Wer eine Funktion übertragen bekommen hat, also Funktionär ist, muß sein Verhältnis zur Macht geklärt haben. Er sollte zugeben können, daß es ihm Spaß macht, stellvertretend für andere zu sprechen, daß er es genießt – oder zumindest gern hat –, Ansprechpartner für viele Menschen zu sein, Dreh- und Angelpunkt in einem Kreis von Ähnlichgesinnten. Wer vorgibt, alles nur um der Sache willen zu tun – logisch auch das, aber nicht nur –, wer sich ständig »opfert« für die anderen und die »gemeinsame Sache«, hat sein Verhältnis zur Macht noch nicht geklärt.

Am gefährlichsten aber sind die, die alles aus »Idealismus« machen und so wenig ehrlich und mit sich selbst im Reinen sind, daß sie es auch noch selbst glauben.  Sie vereinsamen zunehmend und laufen Gefahr, die alleinige Wahrheit über ein Sach- oder Machtgebiet für sich gepachtet zu haben. Sie verlieren irgendwann die Verbindung zu denen, die ihnen ein Mandat verliehen haben. Sie schneiden sich den einzigen legitimen Lebensfaden ab.

Der Weg zurück zu den Quellen ist schwer, aber notwendig und lehrreich. Der andere Weg der unreflektierten Machtausübung führt geradewegs in die Ohnmacht. Ob aber dieser letztere ein zu empfehlender Lehrpfad ist? Zweifel sind angebracht. Der verhärtete, in Fragen und Zweifeln an sich selbst ungeübte Sinn wird sich eher trüben in ohnmächtiger, selbstzerstörerischer Wut, statt über Verzweiflung und Trauer zur Aussöhnung mit der Grenze der Macht und der Anerkennung des Herrschaftsbereichs der Ohnmacht zu gelangen.

Auch als Behandler hat jeder von uns schon seine Begegnung mit der Macht gehabt: gegenüber manchen Patienten, die sich hilfesuchend ganz überantworten und ausliefern möchten. Wie leicht klopft die Versuchung an unser Herz, unsere Hilfe in Form von erlernter und geübter Therapie gleichzeitig auch als ein eigenes Heilgeheimnis anzubieten; oder zumindest, wenn der Patient dieses unbedingt so sehen will, ihm dieses Bild nicht zu zerstören. 

Unsere Verantwortung aber gegenüber unserer Macht verlangte genau das Gegenteil: nämlich, ihn unabhängig zu machen, Verantwortung zurückzugeben und ihm Mut zu machen. Auch aufzuklären und zu zeigen, wie einfach das ist, mit den Möglichkeiten der Naturheilkunde gesundheitliche Ungleichgewichtigkeiten auszugleichen, statt sich unwissend nebenwirkungsreichen Therapien auszuliefern.  Wir sollten dem Patienten Mut zu seiner Freiheit schenken und den vitalen Spaß an der Naturheilkunde, es auch selbst einmal zu wagen und Freude daran zu gewinnen.  Wir sollten an dieser Stelle »Machtausübung« unter sinnvoller Selbstkontrolle zum Ziele der Freiheit einsetzen – einer Freiheit übrigens, die auch uns furchtlos macht gegenüber jedweder Machtausübung anderer über uns.  

Ihr


Naturheilpraxis 04/1984