EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Kooperation Deutscher Heilpraktikerverbände hat an Pfingsten in Düsseldorf den ersten Deutschen Heilpraktikertag begangen. Unter dem Motto »Volks- und Naturheilkunde zeitlos – zeitgemäß« fanden sich die Heilpraktiker aller Verbände zusammen. Dieses Motto ist Ausdruck der Grundwahrheit jeder volks- oder naturheilkundlichen Behandlung. 

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, daß die Heilpraktiker auch in Zeiten wissenschaftlicher Überheblichkeit oder politischer Bedrängnis dem zeitlosen Anspruch der Naturheilkunde durch einen jeweils zeitgemäßen Einsatz für diese gerecht wurden. 

Der heutige Trend zu mehr Volks- und Naturheilkunde ist letztlich nur möglich, weil der Heilpraktiker diese stets erlangt, angewendet, entwickelt und weitergetragen hat, wie auch sein Einsatz für Natur- und Umweltschutz kein Mitschwimmen auf der Grünen Welle, sondern eine seit Jahrzehnten bestehende Herzensangelegenheit ist. 

Der verantwortungsbewußte Naturheilkundler kommt heute schon in die peinliche Lage, als Bremser zu gelten, wenn er davor warnt, den Erwartungshorizont an diesen Trend zu mehr Naturheilkunde mit der Maßlosigkeit seines Anspruchsdenkens zu belegen, dieses Denkens, das der Suggestion unterlieg,t mit der technischen Machbarkeit das Schicksal zu besiegen.

Die Vermarktung des Trends zu mehr Naturheilkunde bedient sich zunehmend dieser Suggestion, um ihr altgewohntes Geschäft lediglich auf einem neuen Sektor zu betreiben. Wir müssen davor warnen, daß der Trend zu mehr Naturheilkunde zur Mode verkommt. Wir müssen der Spekulation von Wunderheilpatentrezepten entgegentreten. Am Beginn zu einem Mehr an natürlicher Lebensweise und Naturheilkunde muß die Aufklärung stehen über die Lebensvorgänge und Entwicklungen in unserer Natur. In dieser Aufklärung darf die moralische Dimension nicht fehlen: das Quentchen Demut, natürliche Entwicklungen anzunehmen, zu respektieren, auch das Schicksal wieder annehmen zu lernen.  Diese Aufklärung wäre unsere heutige »zeitgemäße« Aufgabe, die sich aus der »zeitlosen« Wahrheit der Volks- und Naturheilkunde ergibt.

Um diese Aufgabe ganz erfüllen zu können und nicht nur im Trend mitzuschwimmen, müssen wir die Volks- und Naturheilkunde besser machen als diejenigen, die nur auf den Modezug aufspringen. Es sollte uns um die Linie der geistigen Ausrichtung, der moralischen Einstellung zum Beruf, um die brennende Neugier, mehr zu wissen, gehen, eine Therapie nicht nur routinemäßig zu erlernen, sondern ihre geistig-ästhetischen Hintergründe zu adaptieren, um sich auch emotionell identifizieren zu können, in einer Art höherem Grad von seelischer Intelligenz. Diese Linie, auf die es allein ankommt in einem Heilberuf zum Wohle des Mitmenschen, diese Linie ist die eigentliche Grenze, die es zu verteidigen gilt, und sie geht quer durch alle Verbände. In diesem Lichte relativieren sich die Verbandsgrenzen ein wenig, und es ist ein Segen, daß wir sie nicht mehr bis ins Exzessive verteidigen, sondern uns über der Grundwahrheit der Volks- und Naturheilkunde vereinigen. Jeder, der so denkt und handelt, auch aus jedem anderen Heilberuf, soll uns in dieser geistigen Gemeinschaft willkommen sein.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/1984