EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die deutsche Heilpraktikerszene war nie so einheitlich und ganzheitlich, wie man es ihrem Berufsethos nach vermuten könnte. Andererseits ist dies von einem individuellen Beruf für das Individuum, der in Eigenverantwortlichkeit ausgeübt wird, in gewissen Grenzen gar nicht anders zu erwarten. Und sicher ist der Beruf des Heilpraktikers nicht gerade der geeignetste für übertriebene Reglementierungen und Normierungen. Noch weniger ist er es für Spezialisierungen, zum Beispiel auf bestimmte Organsysteme – wie die Hälse, Nasen und Ohren des gesamten Menschengeschlechts statt auf den jeweils zu behandelnden Kranken. Am allerwenigsten aber ist der Heilpraktikerberuf geeignet für die Kombination von beidem, nämlich für die normierte Spezialisierung.  

Es soll hier selbstverständlich nicht bestritten werden, daß jeder Heilpraktiker auf einem ganz bestimmten Gebiet der Naturheilkunde sich besondere Fertigkeiten erwirbt und diese eventuell auch vorwiegend in seiner Praxis ausübt. Es ist weiterhin unbestreitbar, daß ein Therapeut sich zu bestimmten »Patientengruppen« mehr hingezogen fühlt als zu anderen, und daß sich dies auch in seiner Praxis auswirkt. Hier mehr Kinder, dort mehr ältere Menschen. Dieser oder jener Heilpraktiker wird sicher auch ein oder mehrere Jahre verwenden auf das genauere Kennenlernen und Erlernen der Zusammenhänge von Anfälligkeiten und Krankheiten, ganz speziell für seinen überwiegenden Patientenstamm.  Daß er dies über seine individuelle Beschäftigung hinaus auch in angebotenen Seminaren tut, ist normal.

Aber was für ein Mißverständnis, um nicht zu sagen, was für eine Unart ist es, Seminare anzubieten – wie das seit geraumer Zeit von einem Ausbildungsanbieter, in dessen Namen eine suddeutsche Großstadt vorkommt, gemacht wird, der zudem dem Berufsstand in der Vergangenheit regelmäßig durch spektakuläre Anbietung seiner gewerblichen Ausbildung Sorgen bereitet hat – Seminare, bei denen das Ziel (wörtlich) »Fachtherapeut« für Geriatrie oder der »Fachtherapeut« für Pädiatrie sein soll!  Wenn wir aus unserer naturheilkundlichen Grundüberzeugung der Unteilbarkeit und Ganzheit unseres Patienten heraus Bedenken gegen die Spezialisierung der Medizin in Fachrichtungen äußern, dürfen wir dabei nicht vergessen, daß ein Facharzt in seinem Bereich wirklich gründlich ausgebildet ist. Dagegen soll man hier mit einigen Seminaren Fachtherapeut für Geriatrie werden. Will man den Berufsstand lächerlich machen?  Die Freiheit der nicht staatlich geregelten Aus- und Fortbildung verlangt von uns besondere Gründlichkeit und Sorgfalt in Eigeninitiative und nicht die Ausnutzung dieser Freiheit, indem man hier wie von einer Gesetzeslücke Gebrauch macht.  Abgesehen davon, daß es unserer  Ganzheitsschau absolut widerspricht, den Heilpraktiker in Fachbereiche aufzuteilen – schlimm genug, daß uns das Bundesverwaltungsgericht mit seinem Psychologenurteil ein Ei ins Nest gelegt hat – so ist dieses auch eine Aushöhlung der gesetzlichen Grundlagen, die allein unsere Tätigkeit möglich machen.   

Alles entwickelt und verändert sich ohne Frage zu immer mehr Spezialisierung. Ihr muß aber dort die Grenze gesetzt werden, wo die Entwicklung die Sache selbst aufhebt. Die Berechtigung des Heilpraktikers muß auch in Zukunft bei aller Entwicklung, Technisierung und Spezialisierung der Ganzheitstherapeut sein, der nicht die summarische Krankheitsbehandlung anstrebt, sondern sich dem kranken Mitmenschen widmet. 

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/1984