EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Unionsabgeordneten Hermann Kroll-Schlüter (CDU) und Kurt Faltlhauser (CSU) haben als Bestandteil einer »ordnungspolitischen Weichenstellung« im Gesundheitsbereich mehr freie Marktwirtschaft für das Gesundheitswesen gefordert. Daß diese Gedanken initiiert sind durch die ständig steigenden Kosten für die Gesundheit – oder besser für die Behandlung von Krankheiten –, die sich der Grenze der Unbezahlbarkeit verdächtig nähern, wird niemand bestreiten. Doch solle die Kostendämpfung eher ein untergeordneter Aspekt sein. Es gehe um die Transparenz für die Versicherten, um die Wirkung auf deren Bewußtsein durch eine prozentuale Selbstbeteiligung bei den Arzneimitteln. Also es soll ihnen auch im Portemonnaie spürbar und dadurch klar werden, wie teuer sie für die Kassen sind. Die Patienten sollen mehr Mitverantwortung – nein, nicht an ihrer Gesundheit (leider!) – sondern lediglich an der Behandlung ihrer Krankheit tragen.   

Die Kosten allerdings für die von einem Patienten verwandten Arzneimittel sind diesem meist ohnehin bekannt, da sie als Apothekenpreisschild, auch wenn über Kassenrezept ausgehändigt, sehr deutlich sichtbar sind. Nicht selten hören wir vom Patienten voller Stolz, daß ihm der Arzt Tabletten verschrieben habe, von denen zehn Stück über DM 80,- kosteten.

Dennoch sind diese Gedanken der beiden Unionspolitiker – seit längerem auch schon von der F.D.P. geäußert – etwas, was ich mit der im politischen Bereich in Mode gekommenen und durch häufigen Gebrauch etwas strapazierten Redewendung »Ein Schritt in die richtige Richtung, aber ... « belegen möchte. Seit Jahren sind wir der Meinung und haben dieses auch immer wieder geäußert, daß die Kosten – und zwar nicht nur die Kosten der Arzneimittel, sondern der gesamten von einem Patienten verursachten Kosten im Gesundheitswesen – für diesen transparent gemacht werden müßten. Es wäre sicher für einen Patienten interessant, am Ende eines Quartals von seiner Kasse zu erfahren, wie viel der behandelnde Arzt über den ausgehändigten Krankenschein für ihn abgerechnet hat. Evtl. gäbe es dann sogar weniger Abrechnungsskandale.

Auch über seine Krankenhauskosten sollte jemand Aufschluß haben, um zu erkennen, wofür monatlich ein so großer Anteil seines Einkommens als Pflichtabzug einbehalten wird, ohne daß er sich dagegen wehren kann.   

Aber Mitverantwortung hat ja – und dies hauptsächlich – noch eine ganz andere Dimension, als die marktwirtschaftliche. Es kann ja nur mitverantwortlich gemacht werden – und sich auch so fühlen – wer weiß und versteht, wofür und warum er verantwortlich ist. Er muß in erster Linie wissen, wie er dieses Verschulden hätte vermeiden können. Zunächst muß dafür gesorgt werden, daß derjenige, der hier mitverantwortlich gemacht werden soll, ein über die Zusammenhänge aufgeklärter und mündiger Bürger ist. Er muß z. B. wissen, daß wenn er sich nach dem Durchschnittsangebot deutscher Supermärkte ernährt, er sich eben an späteren Krankheiten, die auf Ernährungsschäden beruhen, mitschuldig macht.  Da fangen die Dinge an.

Man muß auch von offizieller Seite klar sagen, was es mit den Hormonen und Antibiotika im Fleisch auf sich hat oder mit konservierten und bestrahlten Lebensmitteln, dem Aufspalten unserer natürliche Kost und Wiederzusammenfügen, dem Addieren und Subtrahieren einzelner Stoffe von dieser Kost.  Man muß sich auch dazu bekennen, daß die im Bereich von Großindustrien besonders starke Umweltbelastung von Luft, Boden und Wasser zu schwersten gesundheitlichen Schäden führt, für die die dort ansässigen wiederum nicht verantwortlich gemacht werden können.

Da der allgemein konsumgenuß-gewohnte Bürger durch Aufklärung zwar hier und dort kurzfristige Einsichten gewinnt, diese aber nicht dazu führen, langjährige Gewohnheiten zu ändern, ist sicher sogar derjenige, der vom Bürger eine Mitverantwortung für spätere Krankheiten fordert, auch aufgerufen, sich nachhaltig für Maßnahmen einzusetzen, die nach Aufklärung und gewonnener Einsicht den anderen Konsum durch das Angebot auch möglich machen. Hier muß an das Lebensmittelgesetz gedacht werden oder die Düngevorschriften für die Bauern und ähnliches. Das Angebot der Ernährungsspätschäden verursachenden Waren müßte drastisch verändert werden.  Da der Mensch aber, wie die Erfahrung zeigt, die allzu bequemen und eingefahrenen Lebensgleise nur ungern und selten verläßt, müßte man bei den noch unverbildeten Kindern beginnen. Wir Heilpraktiker fordern seit langem Gesundheitserziehung als Schulfach. In diesem Unterricht müßte über die Güte einer naturbelassenen Vollwertkost gesprochen werden, über das Problem des Weißzuckers und der tierischen Fette damit die Kinder ihr zukünftiges Leben bewußter und gesünder führen können. Und vielleicht könnten sie ihre allzu nachgiebigen Eltern in einer Art Rückkoppelung dazu bewegen, ihnen wieder ein gesundes Schulbrot mitzugeben, anstatt  ihnen eine Mark in die Hand zu drücken, damit sie sich in ·der Pause am Kiosk eine in Plastik eingeschweißte aus irgend einem Schokoladenbrei aufgeschäumte Schnitte kaufen.

Wie sollen eigentlich die durch Geburtenrückgang ohnehin zahlenmäßig geschwächten Nachkommen den Generationenvertrag, das Jahrhundertwerk der deutschen Sozialgesetzgebung, erfülllen und in Zukunft die Renten der zahlreichen Älteren erarbeiten, wenn sie durch die Zunahme der Wohlstandskrankheiten, in Form von Fehl- und Überernährung, den Löwenanteil ihres Lohnes dazu benötigen werden, ihre eigenen Gesundheitsschäden in einer immer teurer werdenden Gesundheitsindustrie reparieren zu lassen? 

Wie gesagt: Mitverantwortlich kann ein Bürger von seinem Staat erst gemacht werden, wenn er die Lebensgrundsätze und -zusammenhänge, nach denen er in diesem Staate angetreten ist, versteht und über diese aufgeklärt ist.  Bei uns Heilpraktikern ist der aufgeklärte und mündige Patient die Voraussetzung zu einer erfolgreichen naturheilkundlichen Behandlung. Diese Aufklärungs- und Erziehungsarbeit am Patienten ist von jeher unverzichtbarer Bestandteil naturheilkundlicher Tätigkeit. Es sollte uns freuen, wenn dieses Beispiel Schule macht, wenn alle, die mit Menschen umgehen – Lehrer, Ärzte und andere – sich wieder die Zeit nähmen, aufzuklären, damit jeder weiß, was er tut und eines Tages wirklich mitverantwortlich sein kann für Wohlstandskrankheiten, die eigentlich den Namen Gedankenlosigkeits- oder Verantwortungslosigkeitskrankheiten verdienten. 

Insofern den beiden Politikern für den Denkanstoß ein Lob: »Ein Schritt in die richtige Richtung, aber ...« Es bleibt ihnen wohl in der momentanen Notsituation (auch und vor allem finanziell) nichts anderes übrig als das Pferd so ein bißchen vom Schwanz her aufzuzäumen.  

Ihr


Naturheilpraxis 08/1984