EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mit zweierlei Maß? Wie heißt es doch so schön? ... In unserem Land »sind alle gleich, nur manche sind ein bißchen gleicher und die sind auch ein bißchen reicher.« 

»BASF müßte man heißen«, denken sich sicherlich viele mittelständische Betriebe der biologisch-pharmazeutischen Industrie, wenn sie das Argumentieren und das Geschiebe um die Formaldehydproblematik verfolgen und dann an das schlagartige Verbot aller aristolochiahaltigen Mittel vor zwei Jahren zurückdenken (siehe auch NATURHEILPRAXIS 3/82 »Der Natur ins Stammbuch geschrieben«).

Damals hatte die vieltausendfache Konzentration der Aristolochiasäure zur kanzerogenen Veränderung an der empfindlichen Vormagenschleimhaut der Ratte geführt. Der sofort in Aktion gesetzte Stufenplan des Bundesgesundheitsamtes hatte keinen Zweifel daran gelassen, daß damit auch die Gefahr für den Menschen erwiesen sei. Es ließ sich gar nicht erst auf eine Konzentrationsdiskussion ein, treu ergeben der »wissenschaftlichen Tatsache«, daß für kanzerogene Stoffe keine Schwellendosis zu ermitteln sei, wiewohl sie dann doch vom Bundesgesundheitsamt in Form der homöopathischen Potenz D10 aus dem Hut gezaubert wurde. 

Ganz anders bei Formaldehyd: Hier dreht und wendet man sich. Es heißt, die kanzerogene Wirkung bei Mäusen und Ratten müßte nicht unbedingt auch gleiche Folgen beim Menschen haben und man könne das solange nicht eindeutig behaupten, wie dieses nicht wissenschaftlich nachgewiesen sei. Eine Argumentation also, mal so, mal so, wie man sie braucht. 

Man möchte sich den Besuch der Herren von BASF im Ministerium lieber nicht vorstellen, wo sie den bereits 1983 vom Bundesgesundheitsamt und Umweltbundesamt abgegebenen Berichten über die krebserzeugende Wirkung von Formaldehyd mit dem Argument von 10.000 Arbeitsplätzen und Steuern in Milliardenhöhe begegneten.  Wenig überzeugend ist auch die BASF-Argumentation, die Nagetiere seien Nasenatmer und die gereizte Schleimhaut erodiere, bilde sich nicht genügend nach und erst dadurch könne HCHO an die guten darunterliegenden Gewebszellen gelangen, diese angreifen und zu vermehrtem, unkontrolliertem Wachstum provozieren.

Will man uns weismachen, daß wir Menschen dieses Problem damit umgehen könnten, daß wir uns eine Wäscheklammer auf die Nase stecken und tüchtig durch den Mund atmen? Die volkswirtschaftliche Dimension dieses stinkenden Gases offenbart ja nur seine Allgegenwärtigkeit in unserem täglichen Leben, im Desinfektionsbereich, in Kosmetika, Waschmittel, Spülmittel, Bauteilen, Kunststoffen, Spanplatten, Isotiermaterial usw. Ja, wo ist es denn nicht? Hier schlägt Quantitatives in Qualitatives um, und die marktwirtschaftliche Komponente erhält einen philosophischen Aspekt. Haben wir es nicht immer vermutet, daß eine Abkehr von den natürlichen Lebenszusammenhängen, der Glaube an die Unbegrenztheit technischer Machbarkeit, das im wahrsten Sinne des Wortes »Krebsgeschwür« der modernen Zeit ist?

In unserem an Regelungen wahrhaftig nicht armen Staat gibt es Vorschriften für die HCHO-Konzentration am Arbeitsplatz (1 ppm), sogar die Außenluft unserer Republik ist geregelt, aber ausgerechnet dort, wo wir uns am meisten aufhalten (besonders Kleinkinder), nämlich in Innenräumen, gibt es keine Vorschriften. Spanplatten mit hohen und niedrigen Konzentrationen von Formaldehyd sind auf dem Markt. Die mit hohen Konzentrationen werden durch Hobbymärkte vertrieben an den ahnungslosen Bastler. Sein Grabstein trägt die sinnige Inschrift »Sein Hobby war sein Leben (und sein Tod)«! 

Ansonsten wird die ganze Angelegenheit nach dem bewährten Strickmuster abgehandelt: Behauptung – Gegenbehauptung – und das bis zur Unkenntlichkeit der Sache selbst.  Arbeitsplatzuntersuchungen in Amerika haben ein gehäuftes Auftreten spezieller Krebsarten gezeigt, in Deutschland ist davon nichts bekannt. Wer daraus den Schluß zieht, daß der deutsche Mensch robuster und gestählter sei als andere Völker... , aber das hatten wir ja schon einmal. Irgendwo wird schlichtweg gelogen oder zumindest sehr leichtfertig gehandelt. 

Das Bundesgesundheitsamt und das Umweltbundesamt machen auf die kanzerogene Wirkung von HCHO aufmerksam, und dann gibt es da einen Professor vom Krebsforschungszentrum, das seit Jahren für gute Milliarden forsch ins Leere forscht, der erklärt einfach so aus dem Stand, Formaldehyd sei völlig harmlos. 

Ist eventuell die gesamte Zukunftsplanung, die ein Überleben der sechseinhalb Milliarden Menschen im Jahre 2000 nur auf der Grundlage technischen Fortschritts möglich erscheinen läßt, eine Rechnung, die gar nicht aufgeht? Sind die Zahlenschlangen, die Computer – programmiert nach dem Schlüssel westlich marktwirtschaftlicher Orientierung oder nach der des Staatskapitalismus östlicher Prägung – in bezug auf zukünftige Überlebens- oder Lebensmöglichkeiten ausspucken, eine reine Fiktion und das Papier nicht wert, auf dem sie ausgedruckt werden? Oder ist vielleicht alles eine bewußte Spekulation, durch die man mit Zukunftsschönfärberei von dem besinnungslosen Raubbau an der Natur in unserer Gegenwart ablenken will? Nach dem Motto: »Nach uns die Sintflut«? 

Wenn heute 85 Industriezweige schätzungsweise 500 000 Tonnen Formaldehyd in Produkten des täglichen Lebens verarbeiten, kann sich doch jeder ausrechnen, in wie viel Jahren die Konzentrations- oder Schwellenfrage der Verträglichkeit zur Farce wird. Unvorstellbar: In jedem Jahr 500 000 Tonnen mehr dieses krebsverdächtigen Stoffes. Und ohne die Gewichtigkeit marktwirtschaftlicher Argumente herunterzuspielen (bei 300 Milliarden jährlichem Umsatz und 3 Millionen mittelbar und unmittelbar beteiligten Arbeitsplätzen), ist es doch der Gipfel der Absurdität und eine Bankrotterklärung unserer modernen technisch-industriellen Lebensweise, wenn unsere demokratische Entscheidungsfreiheit einmündet in die Schicksalsfrage, ob wir lieber arbeiten und uns vergiften wollen oder arbeitslos werden und verhungern?

Wie heißt es immer so schön in den ganzseifigen farbenfrohen Anzeigen? »Chemie ist, wenn's funktioniert«. Es ist schon tragisch, daß wir in dem Augenblick, in dem wir uns gerade bewußt werden, daß die Abfallprodukte der chemischen Industrie, die bei der Herstellung ihrer Spitzenprodukte »unumgänglich« sind, unsere Umwelt übermäßig belasten und uns vor schier unlösbare Rätsel stellen, daß wir in dem Moment auch feststellen müssen, dass die heißbegehrten Spitzenprodukte keinen Deut besser sind als ihr Abfall.

Allerdings keiner von uns, der mit der Natur umgeht, mit der Naturheilkunde und ein wenig in den Zusammenhängen natürlicher Abläufe zuhause ist, hätte irgendetwas anderes erwartet. Diese traurigen Tatsachen dürfen uns aber nicht mutlos machen. Aufklärung soll keine blinde Anklage des Systems sein, sondern sollte uns zu mehr Aktivitäten in die richtige Richtung verlocken, damit wir möglichst bald nicht mehr Formaldehyd, sondern hinterm Aldehyd sind. Die Hoffnung, daß die Zukunft besser wird, gehört schließlich zu den natürlichen Vitalquellen menschlicher Existenz.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1984