EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

gut gepackt, ist halb gewonnen. Diese abgewandelte Sprichwortweisheit wird zum Schlachtruf für das Kommende, das Weihnachtsfest, das Fest der Verpackungen schlechthin. Verpackung von Inhalten eigentlich? Oder nur noch Verpackungen?

Es ist Zeit, sich die Frage nach dem Verhältnis oder Missverhältnis von Inhalt und Verpackung zu stellen. Von  sach- oder fachgerechter Verpackung kann jedenfalls schon lange nicht mehr die Rede sein. Die Zerstörung unserer Umwelt wird verpackt in Beschwichtigungen und sich widersprechenden Gutachten über deren Ursachen. Demokratisch gewählte Volksvertreter sind in Geldscheine von Herrn Flick eingewickelt. Frieden ist mit Raketen verpackt. Das Bedürfnis der Bevölkerung nach Gesundheit ist in ein – an einem angeblichen objektiven Bedarf ausgerichteten – Gesundheitswesen verpackt, das die dort Tätigen als Selbstbedienungsladen betrachten.

Selbst wenn man sich einmal die Verpackungen von Gegenständen des täglichen Bedarfs ansieht, so mögen diese vielleicht für den Hersteller ganz praktisch sein, aber nicht für den, der sie auspacken muß. Einen bis zwei abgebrochene Fingernägel, ein Stiftzahn und eine blutende Schnittwunde von einer scharfen Plastikkante sind der mindeste Tribut, den man zollt, wenn man eine Reißzwecke aus ihrer Verpackung herausholen möchte, abgesehen davon, daß bei dem langerwarteten plötzlichen Aufbrechen der Schachtel alle Zwecken in hohem Bogen durch die Stube fliegen. Wer kennt nicht die verzweifelt tragischen Szenen am Hotelfrühstückstisch, wenn man seinen Metallfolien-Portionierungsverpackungen von Butter, Marmelade, Kaffeesahne, Wurst und Käse zuleibe rückt. Das weichgekochte Ei ist noch mit Abstand das Leichteste. Man sieht Mitbürger, wie sie »ganz unauffällig« mit ihren Eckzähnen einer in Plastik eingeschweißten Scheibe Brot beizukommen versuchen.

Eine Situation also, die einen Boden bereitet, auf dem zwangsläufig die Sehnsucht nach nostalgischen Reminiszenzen keimt.  Ein Schimpfwort ist es eigentlich nicht mehr, wenn man sagt: »Du alte Schachtel«. Im Gegenteil, wehmütige Gefühle befallen uns, wenn es uns gelingt, auf einem Trödelmarkt eine alte Schachtel, mehr oder minder reich verziert, zu ergattern. Schachteln waren immer schon zum Verpacken von Inhalten da. Im Wert lagen sie stets unter dem Inhalt. Wenn man es einmal augenzwinkernd philosophisch formulieren wolle, so ist Verpackung zur Begrenzung von Inhalten da und auch, um unerwünschten Kontakt mit dem Inhalt zu vermeiden. 

Nun feiert die moderne Industrie wahre Verpackungsorgien. Die Beseitigung des Verpackungsmaterials wirft inzwischen nicht nur räumliche Probleme in unserer Welt auf, längst ist sie das Krebsgeschwür einer Großstadtgesellschaft geworden. Wir bauen uns zu, wir schirmen uns ab gegen Kontakte mit dem sozialen Umfeld, wir verpacken uns, wir schachteln uns ein, wir führen ein richtiges Schachtelleben. Aus der Bettnischenschachtel seiner Einzimmerappartementschachtel steht der Großstädter morgens auf, geht in die Badeschachtel, dort meist in die Duschkabinenschachtel, anschließend in die Küchenschachtel, dann durch einen langen Gang in die Fahrstuhlschachtel, fährt zehn oder zwanzig Stockwerke abwärts in die Tiefgaragenschachtel, besteigt seine Autoschachtel, fährt durch die Stadt, inmitten anderer Schachteln, in denen auch Leute – Mitmenschen? – irgendwohin fahren, steuert die Tiefgaragenschachtel seiner Bürohausschachtel an, besteigt wiederum die Fahrstuhlschachtel, liftet in seine Büroschachtel, dort arbeitet er den ganzen Tag, ordnet Vorgänge in Schachteln ein. Am Abend nimmt er denselben Weg zurück, um dann wieder in seiner Einzimmerappartementschachtel, Essen und Knabberzeug auf den Knien, aus seiner Fernsehschachtel ein mutwillig seicht gesteuertes Programm zu konsumieren, das ihn auch für den Rest des Tages erfolgreich vom Nachdenken über Inhalte ablenkt. 

Nun kann eine Gesellschaft nicht etwa mit einem revolutionären Knall zurück ins Paradies gelangen. Aber wir können einen Bewußtseinsprozeß einleiten, nämlich den, daß wir heute ohne Inhalte sind und alles, auch uns selbst nur verpacken. Wir müssen über das Erkennen »hintenherum« ins Paradies gelangen, wie Kleist es in seinem Aufsatz »Über das Marionettentheater« gesagt hat. Lang ist dieser Weg und schwierig. Er muß voller Hoffnung beschritten werden. Alles Miesmachen und nur Kritisieren ließe eine Hoffnungslosigkeit entstehen, aus der Willkür und Ausweglosigkeit folgen. 

Ohne gleich parteipolitischen Gruppierungen und Bewegungen das Wort reden zu wollen, wird ein Wandel dieser Gesellschaft zum Bewussten sicher kein unpolitischer Vorgang sein. Jedes noch so lautstark verkündete Programm wird von Mißerfolgen beschieden sein, wenn nicht das Bewußtsein und verantwortungsvolle Handeln jedes einzelnen einen solchen Wandel zum Besseren abstützt. 

Da unsere freie Marktwirtschaft nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage abläuft, hätten wir doch als Nachfragende eine Regulationsmöglichkeit, die wir allerdings viel zu wenig nutzen. Wir sind zu leicht überredet von der Verpackung, ganz abgesehen von der allzu häufigen Schädlichkeit derselben. Die Kritik an genau dieser Verpackung wäre ein Anfang. Kritik auch an der Verpackung von uns selbst, hautnah unsere Kleidung betreffend und etwas weiträumiger unsere Wohnung. Muß unsere Kleidung aus Kunststoff sein? Muß unsere Wohnung mit Kunststoff isoliert sein? Wie können wir unsere Schachteln durchlässiger machen, um mit der Natur und dem Kosmos in Verbindung zu treten? Wenn ich mir über meine Verpackung bewusst werde und versuche, sie im Sinne einer biologischen Natürlichkeit zu verändern, dann habe ich eigentlich schon ein wenig den Inhalt meiner Verpackung, nämlich mich selbst, zu verändern begonnen. Ein erster Schritt zur Veränderung von Inhalten. 

Wenn jeder einzelne seinen Bewußtwerdungsprozeß fördert, so wird das nicht ohne Einfluß auf das kollektive Bewußtsein bleiben. Das Kollektiv kann über den Steuerungsmechanismus von Angebot und Nachfrage einen wirklich starken Einfluß nehmen. Die Manipulation des Anbieters über die heute noch manipulierten Nachfragenden wird zurückgedrängt werden. Der mündig gewordene Bürger ist der Manipulation nicht einfach ausgeliefert, wenn er sich stärker seiner kollektiven Macht bewußt wird. Der Mensch wird aus seiner Vereinsamung heraustreten und das von der Natur gewollte Gemeinschaftswesen werden. Wir müssen dann vielleicht auch keine kasernierte Gesellschaft mehr sein: Kinder in die Kindergärten, Alte in die Altenheime, Kranke in die Krankenanstalten, jeder in einer bestimmten Weise »auffällig« gewordene, in einen bestimmten Gewahrsam. Und alles, damit der Rest der sogenannten freien Gesellschaft ungetrübten Blickes seinen Geschäftigkeiten nachgehen kann, noch immer mit ungebrochenem Glauben an unbegrenztes Wachstum.

Um kein schlechtes Gewissen zu haben, wird das Unbequeme kaserniert.  Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, wann in unserer Gesellschaft die Mehrheit kaserniert sein wird und die sogenannte freie Gesellschaft eine Minderheit. Es ist höchste Zeit umzukehren. Auch Schlagworte wie »alternativ«, »Subkultur« und anders politisch eingefärbte Formulierungen sollten uns nicht abschrecken, den Weg des Erkennens zu beschreiten. Wir sollten unsere Hoffnung nähren, daß es diesen Kleistschen Weg hintenherum ins Paradies doch noch gibt.

Es wäre schön, wenn wir die Schachtel, die bei uns zu so hohem Ansehen gelangt ist, durchlässiger machen könnten oder sie sogar hinter uns ließen, wenn wir dieses alte Schimpfwort in ganz neuem Sinne benutzen könnten, erleichtert: Du alte Schachtel.  

Liebe Leserinnen und Leser, ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich bedanken, daß Sie uns die Treue gehalten und uns, wie wir aus zahlreichen Zuschriften ersehen, auch gelesen haben. Wir werden uns weiter bemühen, alle uns berührenden Fragen ungeschminkt anzusprechen. 

Ich möchte Ihnen im Namen der Redaktion ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und ein erfolgreiches, gesegnetes neues Jahr wünschen. Wie immer herzlichst  


Naturheilpraxis 12/1984