EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wo steckt eigentlich die medizinische Wahrheit? In der Anwendung der durch naturwissenschaftliche Labortestergebnisse erhärteten Tatsachen auf den Menschen mit dem Ziel der Ergebniswiederholung an ihm? Oder im Einsatz von bewährtem Erfahrungsgut, das, gespeist vom Überlebenstrieb, die an wechselnde Bedingungen erforderliche Adaption ermöglichen soll und dessen Tradition sicher auf dem ehemals rein instinktiven Handeln fußt und das seine Wurzeln ebenso sicher dort hat, wo vor Hunderten von Millionen Jahren hochmolekulare Eiweißketten (die sog. Biopolymere) und Nukleinsäuren die Geburtsstunde organischen Lebens einläuteten? 

Oder steckt die Wahrheit in einem bisher unbekannten Dritten? Oder gar ein wenig in jedem? Und was ist überhaupt hier die Wahrheit? Für die Praxis ein unerheblicher Theorienstreit mit sehr unterschiedlichen Ausgangspunkten. In der Praxis kann es einzig und allein darauf ankommen, dass der Patient gesund wird oder bleibt.  Aber dennoch sind wir hier an einem Punkt, an dem sich ganz bestimmte »Geister« scheiden.  Diejenigen, die die Medizin als angewandte Naturwissenschaft verstehen, postulieren, daß alles, was sich nicht messen, wiegen oder durch ähnlich unbestrittene Begrifflichkeilen quantifizieren läßt, nicht existent sei. Die Beschäftigung damit sei nicht nur unwissenschaftlich, sondern gehöre streng genommen in den Bereich des Okkulten; zumindest aber müsse es mit der Vorsilbe »PARA-« belegt werden, und wer sich dennoch damit befasse, dem fehle einfach der wissenschaftliche Durchblick.

Eine – wenn auch langweilige – aber sauber geordnete Welt, deren Schutzschild die Arroganz der Mittelmäßigkeit bildet. In aller Regel nimmt die praxisausübende Basis von den Spitzenentdeckungen ihrer Forscher gar nicht oder nur mit einer tragischen Verspätung von bis zu 50 Jahren Kenntnis – von unbequemen, d. h. zum Umdenken zwingenden oder gar revolutionierenden, Entdeckungen womöglich noch später; es sei denn, eine Erfindung wird vom Interessenspartner – der Pharmaindustrie – durch deren Referenten in einer leichter verständlichen Form, einer Art technisch-wissenschaftlichen Märchenstunde, verbunden mit kleinen – die Freundschaft fördernden – Beigaben an die vielbeschäftigte tätige Basis weitervermittelt.  Die anderen, die sich auf die Erfahrung berufen, haben ein Recht auf ihrer Seite, das der Begriff der Erfahrung grundsätzlich immer beinhaltet als Ergebnis eines im Verlaufe langer Anwendung entstandenen Selektionsprozesses, der Erfolgloses ausmustert, Erfolgreiches beibehält und der Wiederanwendung empfiehlt. Allerdings hat auch der Erfahrungsheilkundler nur ein Gehirn, das ihm eine lediglich dreidimensionale Vorstellungsmöglichkeit erlaubt, aber er neigt im Gegensatz zum sog. Naturwissenschaftler nicht dazu, alles, was sich dieser Vorstellung entzieht, etwa abzulehnen und als nicht existent zu negieren, sondern gerade im Gegenteil eher zu mystifizieren und in den Bereich der Ahnungen und Wunder zu rücken, die gerade dadurch erst so schön werden, weil sie unverständlich bleiben; wobei allerdings der Bereich der Ahnungen – als aus den Bezirken des Unterbewußtseins stammend – in der Form sensibler und intuitiver Intelligenz gerade für einen Heilberuf besonders wertvoll erscheint.

Beide gegensätzlichen Standpunkte verbissen zu vertreten, kann sich als gefährlich erweisen: Wie oft muß sich ein Wissenschaftler nach einer Entdeckung revidieren und seine zuvor gemachte Behauptung zurücknehmen, das jetzt vor aller Welt ganz offensichtlich Entdeckte sei überhaupt nicht existent. Wie oft aber auch wird dem anderen durch eine neue Entdeckung ein Wunder entrissen, und das nur, weil es jetzt erklärbar geworden ist. 

Da diese beiden gegensätzlichen Standpunkte möglicher Krankheitsbekämpfung auch noch fast deckungsgleich von zwei konkurrierenden Berufsständen vertreten werden, ist es bisher immer verborgen geblieben, dass die Gegensätze eventuell überbrückbar wären, wenn jeder von seinem Vorurteil ein wenig abbaut – und daß das scheinbar sich gegenseitig Ausschließende in ein wechselseitiges sich Ergänzen einmünden könnte und dabei durchaus nicht zufällig noch die Zielvorstellung beider getroffen würde: nämlich das Wohl des Patienten. 

Man sollte zunächst aufhören, für die gegenteiligen Standpunkte mehr oder minder wirksame Schlachtrufe mit dem Ziel der Vernichtung des Gegners auszustoßen. Man könnte sich sicher auf einen gemeinsamen Grundnenner einigen, der der Wahrheit recht nahe kommt, wenn es nicht überhaupt zufällig die Wahrheit ist: Es gibt in unserem Universum so viele Erscheinungen, die die dreidimensionale Begriffswelt unserer gehirnlichen Vorstellungsmöglichkeiten überschreiten, die aber nur, weil sie unverständlich und unvorstellbar sind, dennoch weder inexistent sind, noch auch zu Wundern erhoben werden müssen, außer daß sie die Folge des großen Wunders, nämlich der Existenz des Kosmos und des hinter ihm stehenden geistigen Gesetzes und seiner Urschöpferkraft sind.  

Man kann doch die Artenvielfalt auf unserem Stern bewundern – und auch die Genialität jeder einzelnen – obwohl man weiß, daß die Natur mit der durch Basentriplets gesteuerten unterschiedlichen Zusammensetzung von lediglich 20 Aminosäuren mehr Arten entstehen lassen könnte, als die Gesamtzahl der Atome im Universum ausmacht.

Was ist praktisch zu tun? Zunächst und zuvörderst das Eingeständnis der gemeinsamen Anerkennung der als richtig erkannten Grundwahrheiten. Die sich als angewandte Naturwissenschaftler Verstehenden sollten schneller und mehr von den Forschungsergebnissen ihrer Spitzen Kenntnis nehmen, die seit langem schon nicht nur materielle Entdeckungen hervorbringen, sondern zunehmend Ergebnisse enthalten, die existenzphilosophische Aspekte berühren, die unser Weltbild verändern. Aber auch die sich auf Erfahrung Berufenden sollten um Unerklärtes auf keinen Fall einen zusätzlichen Dunstkreis ziehen oder es gar mystifizieren, sondern über die so unverzichtbare und verdienstvolle praktische Anwendung hinaus noch stärker danach streben, das Unerklärte erklärbar und verständlich zu machen. Die Anwendung in der Praxis leidet bekanntlich nicht darunter. Wenn wir uns darauf verständigen und uns noch dazu mit Toleranz begegnen, wären wir einen Schritt zu einem wirkungsvollen Miteinander vorangekommen. 

Herzlich


Naturheilpraxis 01/1985