EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Man kann alles mögliche machen. Natürlich kann man auch das machen. Warum nicht? - Natürlich kann man sich um des Kaisers Bart streiten. Die Frage, wie sinnvoll so etwas ist, beantwortet der Kaiser mit dem Rasiermesser. Worum geht es in unserem Falle? Nicht so sehr um einen Streit, als um die Darstellung gegensätzlicher Meinungen und Standpunkte. Der eigene Standpunkt wird mit überzeugungsheischenden Augen vorgetragen und mit jener emotionellen Schubkraft, die der Stolz verleiht, bei so vielschichtigen und verwirrenden Tatsachen und Umständen eine eigene Meinung gefunden zu haben, in deren ständiger Darstellung und Wiederholung man sich nun auch gefälligst nicht stören zu lassen gedenkt. Den gegenteiligen Standpunkt quittiert man – wie kann es anders sein? – mit  in Falten gelegter Stirn als Ausdruck der Skepsis und mit einer bedeutungsvollen Warnung im Blick, was die weitere Propagierung des gegenteiligen Standpunktes angeht, nämlich in bezug auf die gefährlichen Folgen, die er in sich bergen könnte.

Dabei geht es hier schlicht und einfach um die Frage, ob die Tätigkeit des Heilpraktikers eher mit dem Begriff der »Naturheilkunde« zu beschreiben sei oder eher mit dem Begriff der »Volks- und Erfahrungsheilkunde«.

Außerhalb der Szene Stehende wiederum, die sich selbst und ihre Denkungsweise als den Nabel der Welt betrachten, belegen das, was die Heilpraktiker tun, nicht ohne Mutwilligkeit mit einem Namen, der einer kritischen und stark negativen Begriffseinengung unterliegt: Außenseitermethoden.

Abgesehen von anderen Negativbezeichnungen bis hin zur Skala diskriminierender Verbalinjurien, die hier unerwähnt bleiben sollen, gibt es im Bereich der politischen Öffentlichkeit noch die Benennung: »besondere Therapierichtungen«, wobei die Erfinder dieses Begriffes das Wort »besondere« lediglich im Sinne von »andere« verwenden, während der Heilpraktiker – und das sei ihm als überzeugtem Behandler erlaubt – das Wort »besondere« gern in dem positiveren Lichte im Sinne von »etwas ganz Besonderem« leuchten sehen möchte.

Wieso nun also der Streit um des Kaisers Bart? Kann man überhaupt Begriffe wie »Volks- und Erfahrungsheilkunde« einerseits und »Naturheilkunde« andererseits miteinander vergleichen? – Oder gar die Frage ableiten, was wohl für die Tätigkeit des Heilpraktikers das richtigere Wort wäre? Diese Begriffe liegen doch in ihrer Wertigkeit auf so verschiedenen Ebenen, daß ein Vergleich oder gar eine konkurrierende Wertung kaum in Betracht kommt. Das Wort »Volksheilkunde« gibt Auskunft darüber, wer diese Heilkunde ausübt; nämlich das Volk. Es gibt keine Auskunft darüber, ob etwa eine ganz bestimmte eventuell sogar einheitliche Sicht von Krankheit und Gesundheit dahintersteht oder nicht. Das Wort »Erfahrungsheilkunde« wiederum sagt aus, daß es eine Heilkunde ist, mit der man seine Erfahrungen gemacht hat, schweigt sich aber darüber aus, wer sie anwendet. Das Wort »Naturheilkunde« schließlich sagt weder etwas darüber, wer diese Heilkunde ausübt, noch darüber ob man Erfahrung mit ihr gemacht hat – einmal ganz davon abgesehen, daß man unter Naturheilkunde im strengen Sinne eigentlich nur die gezielte Anwendung der natürlichen Lebensreize Licht, Luft, Wasser, Bewegung und Ernährung versteht.

Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, daß je heftiger die gegensätzlichen Standpunkte vertreten werden, desto weniger offensichtlich darüber nachgedacht wurde, dass man Äpfel, Birnen und Pflaumen nicht vergleichen kann – es sei denn, man begibt sich auf die Ebene des unendlichen Spielchens vom Meinungsaustausch als Zeitvertreib, daß nämlich der eine behauptet, der Apfel schmecke besser und der andere darauf erwidert, dafür sei aber die Pflaume viel blauer.

Damit ich recht verstanden werde: Es soll hier nicht dem völlig gesichtslosen Pragmatismus das Wort geredet werden, es soll hier kein schönes süßes Töpfchen Dreifruchtmarmelade gekocht werden, so nach dem Motto »Egal, was drin – Hauptsache es schmeckt«.

Standpunkte müssen sein, aber dann jeder auf seiner Ebene. Und diese Standpunkte sind auch keineswegs aus rein theoretischen Erwägungen oder aus der Lust an der Diskussion entstanden. Vielmehr haben sie sich aus der ständigen äußeren Bedrohung durch einen konkurrierenden Berufsstand heraus gebildet. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, daß das Geld im öffentlichen Gesundheitswesen immer knapper wird, daß es in Zukunft mehr Ärzte geben wird, die längst nicht alle als Kassenärzte verkraftet werden können und zunehmend in freie Praxen drängen – und was liegt da näher als der Arzt für Naturheilverfahren.

Die einen reagieren mit der Meinung, wir Heilpraktiker dürften uns das Gut der Naturheilkunde, das ja ganz unbestritten zu uns gehört, nicht aus der Hand nehmen lassen. So weit, so richtig.

Die anderen meinen, beim ärztlichen Trend zu mehr Naturheilkunde, wird es sicher auch nicht auszuschließen sein, daß es eines Tages in den medizinischen Fakultäten der Universitäten Lehrstühle für Naturheilkunde geben wird. Was es aber sicher nie geben werde, seien Lehrstühle für Volksheilkunde. Bescheiden wir uns rechtzeitig auf diesen Zweig und überleben umso sicherer.

Beide Standpunkte sind verständlich, aber sie haben beide einen Fehler: Sie sind in gewissem Sinne spekulativ. Im Bereich eines Heilberufs, zu dem Menschen in ihrer Not kommen und der letztlich nur danach bewertet werden kann, ob sie Hilfe finden oder nicht, sind berufsständische Überlebensspekulationen solcher Art nicht ungefährlich. Es geht in unserem Berufsstand um sehr viel mehr, als um die eine oder andere Bezeichnung. Man mag es nennen, wie man will: das Tätigkeitsfeld des Heilpraktikers in seiner  gesamten Vielfältigkeit ist nicht nur sein Besitzstand, den er sich täglich neu verdienen muß, sondern es muß vielmehr in erster Linie um der Millionen von hilfesuchenden Patienten willen erhalten bleiben. Von der Harnschau über die Irisdiagnose bis zum Labor, von der Segmentmassage über Wickel- und Phytotherapie bis zu den – einen gezielten Heilreiz setzenden – Injektionen geht das unverzichtbare Spektrum der Naturheilpraxis. Die Vielfalt ist gerechtfertigt einmal durch die verschiedenartigen Fähigkeiten der Behandler und noch viel mehr durch die noch größere individuelle Vielfalt der zu Behandelnden.

Weder das Geltendmachen von Ansprüchen auf bestimmte Begriffe wie »Naturheilkunde« noch das anscheinend diplomatische Sich-Zurückziehen auf die »Volksheilkunde« können etwas daran ändern, daß die Freiheit der Vielfalt der Therapien für uns unverzichtbar ist und erhalten werden muß. Und wenn in Zukunft neue gezielte Reizsetzungen entdeckt oder erarbeitet werden, die der Natur die Möglichkeit geben, in einen natürlichen Heilverlauf einzumünden, dann werden auch diese Therapien – ungeachtet unter welcher Bezeichnung sie einkategorisiert werden – zum Heilschatz des Heilpraktikers gehören müssen.

Eine Grenze freilich gibt es, die aber auch wiederum in der Natur der Sache liegt, und das ist die Grenze des Risikos. Selbstverständlich gehören Diagnosen und Therapien, die man am besten im Nebenzimmer einer Intensivstation durchführt, nicht zum Heilschatz des Heilpraktikers. Halten wir uns also nicht zu sehr an Worten auf. Der Heilpraktiker macht Naturheilkunde im weitesten Sinne, indem er ihren Auftrag erfüllt, nämlich sich kundig zu machen, wie die Natur heilt. Das sollten wir Heilpraktiker in jedem Falle tun, bevor wir tätig werden. Und darüber, ob unser Berufsstand überlebt, entscheidet nicht, was die anderen machen, sondern was wir unterlassen.

Herzlichst


Naturheilpraxis 02/1985