EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es ist zweifelsfrei: Die »Von-der-Hand-in-den-Mund-Gesellschaft« ist ausgebrochen. Es gibt keine Perspektiven mehr und schon gar keine langfristigen. Wenn überhaupt noch, dann so kurzfristige, daß sie sich schon, während man darüber berichtet, auflösen – oder aber, wenn die Lage ganz verzweifelt ist, so überaus langfristige, daß sie sich unserer noch so gutwilligen und bemühten Phantasie entziehen – vor allen Dingen aber der Kontrolle durch die heute Lebenden, da diese dann längst den Gang alles Irdischen angetreten haben werden. Absolut kein gesundes Eingebundensein mehr in eine Entwicklung, die aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft fortschreitet und auch die Gegenwart erst sinnvoll machen würde. Es gibt nichts Greifbares mehr.

Die steigenden oder aber im Glücksfall leicht sinkenden Arbeitslosenzahlen werden einmal monatlich bilanziert und, wie man uns weismachen will, sollen sie immer wieder mit Spannung erwartet werden. Natürlich weiß man längst, was dort allmonatlich verkündet wird, dennoch wird es sehr wichtig, journalistisch aufbereitet.

Sind die Arbeitslosenzahlen im letzten Monat gestiegen, was eigentlich inzwischen allgemein erwartet wird, so wird dieses einerseits als bedauerlich hingestellt, andererseits aber mit dem Hinweis versehen, daß es durchaus noch kein Anlaß zur Besorgnis sei, was wiederum unterstrichen wird mit dem Hinweis auf positive Zahlen einer fast abstrakt anmutenden wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung, die ohnehin nicht in das Leben des Normalbürgers durchschlägt. Und selbst wenn das Nettoeinkommen mancher Berufsgruppen um einige »Hinter-dem-Komma-Prozente« gestiegen sein sollte, so gibt es doch jetzt in Millionen von Familien oder deren Umkreis einen oder mehrere Arbeitslose.

Sollte es doch einmal in einem Monat zu einer überraschenden leichten Senkung der Arbeitslosenzahlen gekommen sein – und das noch in einem Wintermonat – so wird dieses mit dem gebührenden Stolz verkündet. Allerdings traut man dem Frieden nicht, denn diese positive Nachricht wird grundsätzlich mit einem Hinweis verbunden, der vor allzu großen Hoffnungen und vor Euphorie warnt. So nivelliert man sich – mal_nach oben, mal nach unten – durch den Fernsehalltag unserer Republik.

Schlimmer noch ist die allabendliche Bilanz: eine Mischung aus politisch unbedeutenden Meldungen und Schreckensnachrichten von Katastrophen und Unglücksfällen. Auch wenn mal nichts passiert: Die Viertelstunde muß voll werden.

Nachrichten bestehen schon längst nicht mehr aus Tatsachen, sondern zum großen Teil aus Meinungen und Absichtserklärungen mehr oder minder wichtiger politischer Persönlichkeiten. Die Realität aber rollt unaufhaltsam und unbeeinflußt wie eine Dampfwalze über Absichtserklärer und Kommentatoren hinweg. Und da viele ohnehin kein Profil haben, sehen sie hinterher lediglich genau so platt aus wie schon zuvor. Allzu oft wird das Stehauf-Männchen mit Standfestigkeit verwechselt. Eine Nation hört auf zu leben und schaut sich statt dessen am Fernseher zu, wie sie angeblich lebt.

Alle Vorgänge des täglichen Lebens werden zunehmend von »Oben« organisiert und geregelt. Auch das sog. Sicherheitsnetz wird immer enger geknüpft. Man hat vergessen, daß es nur gespannt war für den Fall, daß jemand bei dem schönen und selbstvergessenen Seiltanz des menschlichen Lebens abstürzen würde.

Wir haben das Tanzen verlernt und können die Spruchweisheit »Das Getanzte kann uns keiner nehmen« nur noch mit einem halbvergessenen, mild-sehnsuchtsvollen Lächeln quittieren. Auf eine tragische Weise unbemerkt ist geblieben, daß wir das Risiko und die Anstrengung aufs Seil des Lebens zu steigen, verlernt haben und uns alle nur noch in diesem Sicherheitsnetz herumräkeln. Und dieses Herumliegen macht träge, antriebslos – letztlich krank.

Dreimal am Tag, wenn die Zeit heran ist, wird abgefüttert – und das allerdings hat sich geändert – nicht mehr mit einer gesunden Ernährung, sondern regelmäßig mit sogenannten »Delikatessen«, die es früher nur eventuell alle zwei Jahre einmal auf einer Hochzeitsfeier gab. Doch das regelmäßig gute Essen löst nicht etwa eine positive Emotion, eine gute Stimmung aus, die den Stoffwechsel anregt durch Lachen und Tanzen, sondern diese »Festmahle« werden mit in aller Regel stumpfsinniger Selbstverständlichkeit täglich konsumiert.

Kaum noch jemand wagt es, aufs Seil zu steigen und wenn, werden ihn die Kameras der Medien begleiten und diese überaus wagemutigen Bilder, daß einer noch sein eigenes Leben lebt, werden uns abends via Television übermittelt. Dieses erstaunliche Bildmaterial hebt beim Betrachter hin und wieder noch einmal den gewölbten Bauch mit einem »Ach-Ja-Seufzer«, der Hemdknopf spannt für einen Augenblick noch ein wenig mehr und schon ist die Emotion wieder vorbei, schon ist wieder die Luft raus.

Es ist kein Wunder, daß wir vom natürlichen, gesunden Leben und der Naturheilkunde Besessenen diese schlaffe Idylle stören. Aber hier ist unsere Aufgabe. Wir dürfen nicht müde werden, die herrschenden Verhältnisse zu sehen, zu analysieren und zur Umkehr zu mahnen. Die Grundlage all unserer naturheilkundlichen Behandlung muß die Aufklärung über die Zusammenhänge eines natürlich-ganzheitlichen Lebens sein. Sie muß den Patienten als Mitmenschen in die Mitverantwortung stellen. All unsere Überzeugungskraft ist gefragt, diesen Emotionsfunken anzufachen. Wir müssen unsere Mitmenschen zu einer vernünftigen, naturbelassenen Ernährung aufrufen, die ihre Gesundheit erhält und die nicht nur abzielt, die Dahinlebensfunktionen gerade so eben zu gewährleisten, sondern im Gegenteil die Vitalfunktionen als Ursprung und unabdingbare Voraussetzung alles Lebendigen.

Wir dürfen diese Grundlagen naturheilkundlicher  Behandlung nie vernachlässigen, denn wenn die zuvor beschriebene Entwicklung weiterhin so aus dem Ruder läuft, werden wir auch eines Tages nicht mehr naturheilkundlich behandeln können – allein schon aus dem Grunde, weil der in seinem Kern nicht mehr vitale Mensch in seiner Therapieblockade auch nicht fähig sein wird, auf einen von uns gesetzten Heilreiz hin in einer Reizbeantwortung einen natürlichen Heilverlauf einzuleiten.

Da wir nicht zum offiziellen System der gesundheitlichen Bedarfsdeckung unserer Republik gehören, sondern unsere Tätigkeiten ausrichten an den individuellen gesundheitlichen Bedürfnissen und Nöten der Bevölkerung, die zu Millionen zu uns kommen, haben wir auch die Aufgabe, dafür zu kämpfen, dass die Entwicklung hin zum Nichtverantwortlichsein für sich selbst und zu einem unberechtigten rechthaberischen Anspruchsdenken gegenüber der Solidargemeinschaft gestoppt wird. Wir müssen durch unseren unverzichtbaren Einsatz in unserem Gesundheitswesen dafür Sorge tragen, daß die Bürger noch wach bleiben für ihre individuellen Bedürfnisse und sich nicht auf dem sehr persönlichen Bereich der Gesundheit mit Haut und Haaren und völlig unkritisch dem für sie vorgesehenen System ausliefern. Das war in der Vergangenheit unser Platz in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung und das muß auch in Zukunft unser Platz in unserem Gesundheitswesen sein. Hier gilt es nicht nur, die Bastion eines Berufsstandes mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern es gilt, im Gesundheitsbereich die persönliche Freiheit des Bürgers zu erhalten, sich sowohl seine Therapie wie auch den Behandler zu seiner Gesundung frei zu wählen.

Unsere soziologische Berechtigung in diesem Land aber leitet sich nicht nur daher, daß wir unsere Patienten ordnungsgemäß behandeln, sondern auch daher, daß wir allgemein für die Verbesserung der Verhältnisse kämpfen, vom positiven mitverantwortlichen Denken bis hin zur Konsequenz einer gesunden Ernährung, die ganz allein eine auf die Dauer wirksame Kostendämpfung sein kann.

Die dann noch übrigbleibenden Notfälle und Krankheitsreparaturen sind allemal teuer genug.

Wenn es normal geworden ist, im Sicherheitsnetz herumzuliegen, bis es reißt, so ist man auf dem Seil nicht weniger sicher, aber man hat einen freieren Kopf.

Herzlich


Naturheilpraxis 03/1985