EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

In allen Tageszeitungen ist es zu lesen, in politischen Magazinen, Illustrierten und auch im Fernsehen wird es berichtet und diskutiert: Die Kosten im Gesundheitswesen laufen davon. Alle Versuche der Vergangenheit, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen einzudämmen, haben so gut wie nichts gebracht. Auf Veranlassung von Bundesarbeits- und Sozialminister Blüm trafen sich die am Gesundheitswesen unserer Republik Verdienenden, nämlich die gesetzlichen Krankenkassen, die Ärzte, die pharmazeutische Industrie und die Krankenhausgesellschaften, um über Maßnahmen zur Kostendämpfung zu diskutieren. Jeder kam mit dem gleichen Sparkonzept, nämlich, daß die anderen, was die Kostensteigerung anbetrifft, zurückhaltend sein sollten und lediglich man selbst davon ausgenommen sei. Logischerweise führte der Meinungsaustausch unter dieser Voraussetzung zu keinem Ergebnis, die Diskussion war ebenso lang wie unergiebig. Das ganze nennt sich völlig unverständlicherweise »konzertierte Aktion«.  

Konzertiert nämlich wurde auf eine höchst eintönige Weise, indem jede Interessengruppe die seit Jahren altbekannte Leier herunterspielte, daß man nämlich zu keinem finanziellen Zugeständnis bereit sei, sondern im Gegenteil auch in Zukunft weiterhin kräftig zulangen möchte. Das Wort »Aktion« konnte man denn auch nur so verstehen, daß es sich um eine Versammlung von Aktionären handelte, die ihre Geldinteressen massiv vertraten, wobei die Sache, mit der das Geld verdient wird – wie bei Aktionären üblich – in den Hintergrund trat: In diesem Falle die Gesundheit. Es war mehr als auffällig, daß bei dem gesamten Handel um das Gesundheitssystem und die Möglichkeiten der Finanzierung etwas überhaupt keine Rolle spielte – und das war der Patient. Er tauchte nur an der Peripherie der Diskussion auf und zwar in bezug auf die Frage, ob man eventuell die Schraube der Krankenkassenpflichtbeiträge noch eine halbe oder ganze Umdrehung weiter anziehen könne, wenn schon keiner der an der sogenannten »Konzertierten Aktion«  Beteiligten nachgeben würde?

Wie ohnmächtig muß sich der Patient oder der pflichtversicherte Mitbürger mit seiner inzwischen ohnehin strapazierten Einsicht in die Pflichten zu unserer Solidargemeinschaft fühlen, wenn die Diskussion über das Gesundheitswesen in eine so eiskalte Geldverteilungsschlacht von mächtigen Interessenverbänden ausartet?

Wie vielen Belastungen soll eigentlich das ohnehin ruinierte Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient noch ausgesetzt werden, wenn dem Patienten durch solch eine Diskussion gezeigt wird, daß es im Gesundheitssystem um ihn zu allerletzt geht und man lediglich an sein Geld heran will in Form von prozentual steigenden Zwangsabzügen? Ich appelliere an die an der sog. »Konzertierten Aktion« beteiligten Interessengruppen, in den Mittelpunkt ihrer Diskussion den Patienten zu stellen und wenigstens den Versuch zu unternehmen, sich mit ihm in Form einer gewissen Opferbereitschaft und einem Zurückstellen der eigenen Interessen zu identifizieren, um damit zu signalisieren, daß sie begriffen haben, dass unser Geld in allen Bereichen etwas knapper geworden ist, daß sie – angesichts der zweieinhalb Millionen Arbeitslosen und der allgemein eher geringen Steigerung der unteren und mittleren Einkommen – bereit sind, ihren Beitrag zum sozialen Frieden in unserem Lande zu leisten.

Um des wichtigsten Gutes willen in der Behandlung von Kranken, nämlich dem Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Behandler und um unserer gemeinsamen Patienten willen appelliere ich an die Einsicht in diese Zusammenhänge und rufe dazu auf, die Materialschlacht zu beenden und auf einer anderen Grundlage weiter zu diskutieren.

Die im Gesundheitssystem verdienenden Ärzte, Pharmaindustrie, Krankenhausgesellschaften und gesetzlichen Krankenkassen sind ohnehin nicht die Schlechtestgestellten in unserem Lande. Wenn man bedenkt, daß des Bundesdeutschen Durchschnittseinkommen um ca. zwei Prozent gestiegen ist, so sprechen die Steigerungen der am Gesundheitswesen Verdienenden zwischen sechs und sieben Prozent eine deutliche Sprache. Dennoch verschleiern Prozentzahlen natürlich auch etwas: nämlich die wahren Beträge in Mark und Pfennig. Wenn man das deutsche Durchschnittseinkommen einmal ganz grob mit 2000 Mark ansetzt, so sind zwei Prozent davon DM 40,-. Da das Einkommen der deutschen Ärzte aber fünf bis zehnmal höher als das Durchschnittseinkommen des Bundesbürgers ist, sind zwei Prozent gleich 200,- DM. Und die Einkommenssteigerung zwischen sechs und sieben Prozent sind dann immerhin fast schon eine vierstellige Summe, mit der man in diesen schlechten Zeiten recht zufrieden sein könnte. Angesichts eines solchen ausgesprochenen Wohlstands kann man sich sicher ein wenig Opferbereitschaft für den Kranken, der einen so großzügig finanziert und auch für das gesamte soziale System leisten.

Wenn man diese beklagenswerte Angelegenheit allerdings noch einmal von einer anderen Seite beleuchtet, kommt man nicht umhin, daß diese Zustände systembedingt sind oder zumindest dadurch ermöglicht werden. Der Gesetzgeber legt die Grundlage, indem er überprozentuale Pflichtabzüge von Krankenkassenbeiträgen den gesetzlichen Kassen das Geld für das Gesundheitssystem zu Verfügung stellt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil bleibt dort für die Verwaltung desselben, das weitere geht über die Verordnung der Ärzte zunächst an diese selbst, dann in die medikamentöse und technische Therapie (Pharmaindustrie) und auch an die Krankenhäuser usw.

An sich ist es ja ganz menschlich und logisch, dass bei dem Dialog der Gruppen, die alle von dem Geld leben, keine Kostenersparnis erzielt wird. Keiner ist wirklich daran interessiert zu sparen. Die Kassen müssten einen Teil ihres Verwaltungsapparates eliminieren. Das kann nicht in ihrem Interesse liegen. Die Ärzte müssten freiwillig weniger Geld verdienen wollen. Die Pharmaindustrie müßte freiwillig kleinere Gewinnspannen erzielen und die Krankenhausgesellschaften müßten eventuell die Hälfte ihrer Krankenhäuser schließen.  Denn nach wie vor liegt der Deutsche doppelt so lange mit einer Krankheit im Krankenhaus als der Amerikaner, obwohl man eigentlich davon ausgehen kann, daß er in seiner ganzen Konstitution nicht so unterschiedlich ist.

Das Gesagte zeigt deutlich, daß sich unter den Interessengruppen so eine Art Syndikat gebildet hat, das die Deckung seiner finanziellen Bedürfnisse und die Verdienststeigerungsmöglichkeiten immer wieder in einem stetigen prozentualen Anheben der Pflichtbeiträge sieht. Was passiert dadurch? Bei dem Pflichtversicherten, der monatlich die etwa 12 Prozent für die Krankenkasse als Negativbetrag auf seinem Lohnstreifen ausmacht, bildet sich einmal ein Gefühl der Ohnmacht, nichts dagegen unternehmen zu können, und zum anderen ein unvernünftiges Anspruchsdenken, daß er damit nämlich alle gesundheitlichen Belange dem Staat übertragen hat und dieser für jegliche – auch die selbstverschuldete – Krankheitsreparatur zuständig sei. Mitverantwortung für die eigene Gesundheit zahlt sich für ihn anscheinend nicht aus.

Eine prozentuale Beteiligung an den ambulanten Behandlungskosten wie auch an den verordneten Medikamenten würde einerseits das Bewusstsein wecken, wie teuer heute Krankheitsreparatur ist und andererseits noch einen Anreiz bieten, sich gesund zu erhalten durch eine vernünftige Lebensweise und es möglichst nicht zur Krankheit kommen zu lassen.

Diese Einsicht könnte noch gefördert und gesteigert werden, wenn man die Pflichtabzüge zu den gesetzlichen Krankenkassen um die gleiche Prozentzahl senkte, mit der man zur Selbstbeteiligung auffordert. Wenn man diese prozentuale Mitverantwortung an den eigenen Krankheiten mit einer ausreichenden und plausiblen Aufklärung über Gesunderhaltung begleitete, würde es sicher möglich sein, den Stand des Verantwortungsbewußtseins für die eigene Gesundheit jeweils der prozentualen Mitbeteiligung anzupassen.

Freilich müssen der Not- und Risikofall hiervon ausgeschlossen bleiben und voll von der Solidargemeinschaft getragen werden. Aber sicher würde mit der Möglichkeit der prozentualen Mitbeteiligung an den normalen ambulanten Behandlungskosten das Gesundheitssystem immer bezahlbar bleiben.

Eine Einsparung in der Form, daß man je nach Kostendruck immer mehr Krankheiten zu Bagatellerkrankungen erklärt und aus der Erstattung herausnimmt ist – abgesehen davon, daß das sehr gefährlich für die Volksgesundheil werden kann – nicht beliebig steigerbar, was in der Natur der Sache liegt. Dieses System der Kostenersparung würde in seiner Konsequenz dahin führen, daß wir eines Tages hochtechnisierte und ebenso hochbezahlte Spezialisten hätten, die sensationelle Gehirnamputationen vornehmen könnten, aber das gesamte Volk ansonsten bagatellerkrankt herumliefe.

Es gibt sicher nur einen Weg: Den der Aufklärung zur Gesunderhaltung und der Mitbeteiligung des Bürgers für seine Gesundheit bzw. wenn nötig – Krankheitsreparatur. Es muß sich wieder lohnen, auch für die vielen, die das heute schon freiwillig tun, Mitverantwortung zu tragen. Wenn die Diskussion auf dieser Ebene geführt würde, bekäme der mehr und mehr mitverantwortliche Patient auch wieder ein normales · Vertrauensverhältnis zu seinem Behandler. Der Heilpraktiker erlebt täglich in seiner Praxis, wie groß das Non-Compliance-Problem mit den vom Arzt verordneten Medikamenten ist, weil das Vertrauensverhältnis so brüchig ist, daß der Patient sich nicht einmal seinem Arzt zu sagen getraut, daß er auch noch beim Heilpraktiker in Behandlung ist. Was hat diese Erscheinung mit einem freien mitverantwortlichen Menschenbild zu tun? Hier stimmt doch etwas nicht!

Herzlich


Naturheilpraxis 04/1985