EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am 8. und 9. Juni, also in wenigen Tagen, findet in Karlsruhe der große »Deutsche Heilpraktikertag 1985« statt, zu dem unabhängig von ihrer Verbandszugehörigkeit alle Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker herzlich eingeladen sind: Mit einer begleitenden Ausstellung der biologisch-pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie von über 230 Ausstellungsständen und den zu erwartenden über 3000 Heilpraktikern dürfte der »Deutsche Heilpraktikertag« in Karlsruhe die größte Veranstaltung dieser Art nach dem Krieg sein. Ausgerichtet wird dieser Heilpraktikertag von der »Kooperation Deutscher Heilpraktikerverbände«, in der durch die kooperierenden drei großen Verbände in der Bundesrepublik Deutschland über 7000 Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker berufs- und standespolitisch gemeinsam vertreten werden.

Als führende politische Kraft bemüht sich die Kooperation seit Jahren um Einigkeit und Gemeinsamkeit im Berufsstand. Sie will nach innen wirken durch eine gründliche berufsständische Aus- und Fachfortbildung, um den hohen Anforderungen an unseren Heilberuf gerecht zu werden.

Nach außen kämpft die Kooperation für eine gebührende Anerkennung des Heilpraktikerberufsstandes als eines wichtigen und unverzichtbaren Teils unseres Gesundheitswesens und für eine vorurteilsfreie Zusammenarbeit mit allen anderen in diesem Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen zum Wohle der Patienten.

Die Kooperation ist also im besten Sinne eine politische Zweckgemeinschaft, die dem Berufsstand nach innen und außen dienen soll. Sie will aus ihrem Gewicht nicht den Anspruch ableiten, kleinere Gruppierungen der Heilpraktiker zu übergehen oder gar zu bevormunden. In den häufigen Diskussionen der Kooperationsführung geht es keineswegs um die Absprache von taktischen Maßnahmen, wie man andere Verbände überlistet, sondern stets um die Lösung der den gesamten Berufsstand betreffenden und bedrängenden Probleme und um die Frage, wie man diese weitervermittelt und so klar macht, daß es zu einer allgemeinen Einsicht in bestimmte  Problemlösungsversuche kommt.

Die Kooperation möchte sich um Verständnis und Toleranz untereinander bemühen und empfindet sich – bei aller Sachdiskussion um berufs- und standespolitische Probleme – als überzeugte Vertreterin der unverbrüchlichen ethischen Grundlagen und Tugenden unseres Heilberufes. Auch die zahlreichen politischen Gespräche und Kontakte haben die Vertreter der Kooperation darin bestärkt, dass das Aufbauen auf diesen Tugenden die Voraussetzung einer wirkungsvollen naturheilkundlichen Behandlung unserer Patienten ist und daß, wenn wir uns weiterhin konsequent an den individuellen gesundheitlichen Bedürfnissen des kranken Mitbürgers orientieren, unser Berufsstand für alle Zukunft, nicht nur de facto, sondern auch politisch seinen wichtigen und unverzichtbaren Platz in unserem Gesundheitswesen haben wird.

Um dieses Ziel, das nur erreicht werden kann, wenn auch die Grundlagen stimmen, geht es der Kooperation. Sie will keineswegs Reglementierungen und Vorschriften, die den einzelnen an seinem Arbeitsplatz einengen und gängeln. Die Kooperation steht fest auf dem gesetzlichen Boden unseres Berufsstandes als eines in Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit, und sie kämpft für die Erhaltung der Freiheit in Vielfalt – Freiheit, selbstverständlich nicht in der hemmungslosen Anbietung von Heilung, sondern Freiheit und Vielfalt zum Wohle des Patienten beim Ausüben der Heilkunde in der täglichen Praxis.

So wie die Kooperation andere Berufsgruppierungen nicht übergehen möchte, sondern das verständnisvolle Gespräch sucht, kann dieses natürlich nur sinnvoll sein, wenn nach diesem Gespräch ein mehrheitlich abgestimmter Kompromiß auch von allen eingehalten und getragen wird und nicht kleinere Gruppierungen allzu deutlich machen, daß sie eigentlich die Mehrheit dominieren möchten. Und entsprechend der Toleranz anderen Verbänden gegenüber hat die Kooperation auch keineswegs das Ziel, das eigene Verbandsleben der in der Kooperation organisierten Verbände auszulöschen. Dieses soll es weiterhin in größtmöglicher Freiheit geben. Die Kooperation möchte nur die Türen öffnen zu mehr Gemeinsamkeit auf allen die Verbände betreffenden Gebieten, wie z. B. auch der Fachfortbildung, um den weitverbreiteten Wunsch der Mitglieder nach mehr kollegialer Gemeinsamkeit zu respektieren und dafür gewisse organisatorische Voraussetzungen zu schaffen. Die Kooperationsführung wünscht sich, daß dieser Prozeß vorurteilsfrei angegangen wird, aber gleichzeitig mit Verständnis dafür, daß es sich um einen lebendigen Prozeß des Zusammenwachsens von Verbänden, Bezirken, Gruppierungen und letztlich Individuen handelt, der weder mit übertriebener Mutwilligkeit vorangetrieben werden darf, noch mit eben der Mutwilligkeit gebremst werden sollte.

Auf jeden Fall ist die Zeit reif, daß sich letzte Konflikte entpersönlichen und auf versachlichter Ebene beigelegt werden. Die Zeit, wo sich  Funktionärspersönlichkeiten feindlich gegenüberstehen und die Mitglieder ihrer Verbände sozusagen in Sippenhaft nehmen und daraus Verbandskonflikte konstruieren, diese Zeit sollte endgültig der Vergangenheit angehören. Die einzelnen Mitglieder in den Verbänden sollten deutlich und lautstark ihrem Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit unter den deutschen Heilpraktikern Ausdruck verleihen und eventuelle Konflikte der Funktionäre unmöglich machen. Die Verbände der Kooperation haben seit geraumer Zeit alle prozessualen Schritte gegenüber anderen Verbänden gestoppt und suchen die Aussöhnung. Wenn auch eine liebevolle Umarmung nicht gleich möglich zu sein scheint, sollte doch ein tolerantes Nebeneinander erreicht werden. Wenn prozessuale Schritte gegen die Kooperation oder einen ihrer Verbände von außen her unternommen würden, so wäre das bedauerlich, wird aber sicher von den Verbänden der Kooperation nicht zu einer neuen Verschärfung der Lage benutzt.

Ich möchte von dieser Stelle zu einem Friedensfest der deutschen Heilpraktiker in Karlsruhe aufrufen, zu einer Demonstration kollegialer Gemeinsamkeit, die einzig und allein unsere berufspolitischen Forderungen nicht nur glaubhaft macht, sondern ihnen dann auch den Nachdruck verleiht, der es unserer politischen Öffentlichkeit ermöglicht, diesen Forderungen nicht nur widerwillig, sondern verständnisvoll nachzukommen. Dieses würde unseren Heilpraktikerberufsstand als Bestandteil unseres Gesundheitswesens für lange Zeit festigen.

Herzlichst


Naturheilpraxis 05/1985