EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Medien haben ihre eigenen Gesetze. Das Normale ist für die Berichterstattung kaum von Belang, wenn ihm nicht wenigstens der Hauch des Ungewöhnlichen anhaftet und der Stoff sich nicht durch Andeutungen und Hinzufügungen zumindest ein wenig ins Sensationelle drängen läßt. Wiederholte Berichterstattung über das gleiche Thema verlangt denn auch jeweils neue Superlative des Sensationellen. Da aber nichts beliebig steigerbar ist, kommt der Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht. Wenn man sich dennoch weiterhin an demselben Stoff festhalten und ihn weiter ausschlachten will, so muß man das zuvor kunstvoll Hochgepäppelte zu demontieren beginnen. Wenn man sich zuvor aber im blindwütigen Bedienen eines zweifellos vorhandenen Sensationsbedürfnisses der Menschen in seiner Berichterstattung weit von der Realität entfernt hatte, genügt manchmal ein Fünkchen Wahrheit und Realität, um auch der Berichterstattung nicht etwa ein Mehr an Wahrheit und Realität zu geben, sondern um sie aus den höchsten Höhen in die tiefste Katastrophe zu stürzen. Danach verebbt das Thema langsam und gilt von Medienprofis als für den Moment abgehandelt. Man sucht einen neuen Stoff, der dann durch das gleiche Schema gedrückt wird.

Das Thema »Waldsterben« hat offensichtlich als sehr willkommene Alibifunktion für das Gesamtunbehagen an unserer Umwelt die Raster dieser Berichterstattung in allen Varianten durchlaufen. Es fällt uns auf, dass das Thema langsam verebbt. Es hatte sich ja auch in der täglichen Presse und in den Medien in allen Schattierungen präsentiert: unsere – ach so verständliche – Empörung hervorgerufen und seine Alibifunktion für unser schlechtes Gewissen im Umgang mit unserer Umwelt eine Zeitlang brav erfüllt. Zunächst hatte man ganz normal gedacht, daß das Waldsterben mit der Gesamtbelastung unserer Umwelt zusammenhinge, mit Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden und daß die empfindlichen Nadelhölzer die ersten Indikatoren dieser Belastung seien. Da diese Wahrheit aber Gesamtmaßnahmen auf allen Gebieten unseres industriellen Lebens verlangt hätte, was zweifellos nicht einfach ist, hat man den Weg gewählt, nach ganz besonders Schuldigen zu suchen. Zunächst war die schmutzige Luft schuld, das Kohlenmonoxyd, das Schwefeldioxyd, letztlich sogar das Ozon (wo kam das bloß her?). Dann war es der Regen und der war sauer, dann der Boden und der war auch sauer, Blei und andere Schwermetallbelastungen. Expertenrunden, Forschungsinitiativen, Diskussionen und gegenseitige Schuldzuweisungen. Der Tempolimitgroßversuch, bei dem der gewöhnlich mit 180 bis 220 daherbrausende Bundesbürger auf die Bremse tritt und den Fuß vom Gas nimmt, um für einige Kilometer eingedenk des Waldsterbens mit einem »Jeden-Tag-eine-gute-Tat-Gefühl« dahinzugleiten. Tempo 100 als Buße, als kniendes Gebet mit dem Ziel, Ablaß zu erkaufen für vorangegangene Sünden und gleich auch ein wenig Ablaß in die Zukunft für das Wiederdurchstarten, wenn in der Ferne das Schild »Freie Geschwindigkeit« schimmert.

Es deutete sich dann schließlich an, daß das traurige Waldsterben in der Realität zwar unverändert fortschreitet, aber für die Berichterstattung zunächst einmal zu einer Art Abschluß kommt, als nämlich die Politiker, die diese Entwicklung überhaupt erst zuließen und gesetzliche Vorschriften nicht etwa in dem nötigen Umfang zu ändern gedachten, sondern sich mit Vorliebe zu Vorsitzenden von gemeinnützigen Vereinen wie »Gegen das Waldsterben« oder »Zum Schutz des deutschen Waldes« wählen ließen. Vom Podium der Gründungspressekonferenzen solcher Vereine läßt sich trefflich gegen das Waldsterben wettern, ohne daß etwas geschieht. Damit war denn dieses Alibithema zunächst einmal abgehandelt – zumindest pressemäßig.

Da wir Menschen aber nach dem Willen der Medien nicht ohne Katastrophenmeldungen leben dürfen, wir andererseits auch schlecht die ganze Wahrheit ertragen, auf die wir Naturheilkundler schon seit jeher aufmerksam gemacht haben, noch bevor das Mode war, daß nämlich die gesamtökologischen Zusammenhänge auf tiefgreifende Weise gestört sind und daß alles miteinander zusammenhängt – und weil dieses Gesamte wohl auch nicht so sensationell zu sein scheint, wie ein gut aufgemachtes Alibiteilgebiet, hat man sich wieder so ein neues Gebiet gesucht.

Es bot sich förmlich an: AIDS. Statt, wie es vernünftig wäre und was man als Bürger eines zivilisierten Landes irgendwo verlangen zu können glaubt, nämlich, daß der Staat aufklärt, wird dieses heiße Eisen einer sog. pluralistischen Presse- und Medienlandschaft überlassen. Für die war es ein gefundenes Fressen, da der Ansteckungsmodus dieser Krankheit gewöhnlich unterhalb der Gürtellinie liegt und hier das Patentrezept der Massenblätter zur vollen Entfaltung kommt, nämlich Sex and Crime. Mit Vorliebe wird AIDS als Lustseuche bezeichnet, und diese Formulierung allein eröffnet schon ein breites und vielversprechendes Feld journalistischer Betätigung. Da läßt sich trefflich im Sexualleben von Stars herumschnüffeln, zumal der Ursprung auf die Gruppe der Homosexuellen beschränkt zu sein schien mit ihren – wie man es mit augenzwinkernden Andeutungen gern nannte – »besonderen sexuellen Praktiken«. Längst aber hat der AIDS-Virus seinem Namen alle Ehre gemacht und ist überaus virulent. Längst hat er den Sprung aus den Ghettos von »Schwulen und Fixern« zu Mitbürgern mit heterosexuellen Gewohnheiten geschafft. Die Dunkelziffer der mit dem AIDS-Virus in Berührung Gekommenen ist sicher sehr viel größer als wir denken. Die Aufklärung der Bevölkerung durch die Behörden mit allem, was man über AIDS weiß, sollte nicht der Presse überlassen werden, die mit ihren Sex-and-Crime-Stories letztlich nur Horror verbreitet. Es wäre ein verheerendes Mißverständnis, wenn man eine Seuche, nur weil ihre Übertragung vorwiegend in den sexuellen Bereich fällt, von offizieller behördlicher Seite totschweigt. Die leichte Schamröte, die man oft beobachtet, wenn über Geschlechtskrankheiten gesprochen wird, über die man lieber schweigt, ist völlig unangebracht. Die Tendenz, diese Probleme in den Bereich des Unanständigen abzuschieben und ihre Benamungen dem Straßenjargon zuzuschreiben, ist nichts anderes als Verklemmtheit. Was zur Aufklärung nötig ist, muß geschehen und ausgesprochen werden. Nicht, daß wir eines Tages eine Situation haben, auf die zutrifft: über AIDS redet man nicht, AIDS hat man. Nicht daß sich eines Tages die Grabsteine häufen, auf denen die Inschrift steht: »Gestorben, weil meine Regierung sich aus mißverstandenem Schamgefühl, Prüderie und Verklemmtheit nicht entschließen konnte, in einer zu meinem Schutz gegen AIDS dringend notwendigen Aufklärungsschrift das Wort ‚KONDOM’ zu benutzen.«

Was können wir nun aus unserer Sicht zu dem gesamten Problemkreis beitragen? Nennen wir einen unserer wichtigsten Behandlungsgrundsätze und das ist zweifellos der »aufgeklärte Patient«. Die sachliche und gründliche Aufklärung wäre eine Minimalforderung des Steuerzahlers an seinen Staat. Sie würde erstens – wie gesagt – die Zusammenhänge genau klarlegen und verständlich machen – die Forschung über dieses Thema ist längst viel weiter, als es die Diskussion vermuten läßt – und sie würde zweitens unbegründeten Angststreß mindern oder gar ganz nehmen können, der ja bekanntlich eine starke Belastung der Abwehrsysteme darstellt, was bei einer Krankheit, die mit dem Zusammenbruch derselben zu tun hat, sicher nicht ohne Bedeutung wäre.

Eine andere Domäne unserer Behandlung ist sicher die individuelle Beratung zur Gesunderhaltung, in deren Blickfeld die Erhaltung und Stärkung der Abwehrkraft des Menschen an vorrangiger Stelle steht. Wir können uns in diesem Bereich auf die gute Tradition auch anderer Heilsysteme berufen. Denken wir nur an die in unseren Praxen so beliebte und gern geübte Akupunktur. Sie war nur eine von mehreren Sparten der traditionellen chinesischen Medizin. Ebenso große Aufmerksamkeit galt auch schon damals bestimmten Vorschriften der Lebensführung. Auch damals schon kannte man – und vor allen Dingen sprach man offen darüber – den Begriff der sexuellen Überreizung oder die Problematik sexueller Betätigung im Zusammenhang mit Alkoholgenuß, obgleich damals noch kein Diäthylenglykol im Wein war. Sicher stand dahinter das Wissen oder die Erfahrung um die allzu starke Beanspruchung der Abwehrsysteme. Es erscheint also nicht aus moralisierenden, sondern aus Erkenntnisgründen als durchaus sinnvoll, seine Lebensweise in diesem Sinne zu gestalten oder wenigstens zu beeinflussen, damit zumindestens die Chancen steigen, daß ein Infizieren – und sei es nur durch eine Bluttransfusion oder »ein Küßchen in Ehren, das niemand verwehren kann« – nicht gleich zum Ausbruch dieser tödlichen Krankheit führen muß, sondern unsere gesunden Abwehrsysteme und unsere Robustheit eventuell eine Chance bieten, damit fertig zu werden. Es wäre doch jammerschade, wenn wir eines Tages unserem Mitmenschen zur Begrüßung nicht mehr die Hand geben könnten, ohne vorher seinen Gesundheitspaß gesehen zu haben oder, wenn wir es dennoch spontan täten, von quälenden Zweifeln überfallen würden, ob das wirklich der Händedruck eines Freundes war oder etwa – wie die Amerikaner das nennen – der von »Mr. Wrong«. Schriftlich sind den zwischenmenschlichen Kontakten jedenfalls vorläufig noch keine Grenzen gesetzt.

In diesem Sinne

Ihr


Naturheilpraxis 09/1985