EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Ironie des Schicksals: Eines der ältesten Wortdokumente, das man auf unserer Erde gefunden hat, ist eine Tontafel, in die die schmerzvolle und verzweifelte Klage eines Dichters eingeritzt ist, daß er nicht mehr wüßte, was er schreiben sollte, da alle Stoffe schon behandelt seien. Nicht, daß der Schreiber dieser Zeilen sich in irgendeiner Weise mit irgendeinem Dichter vergleichen wollte, so hat er doch einmal im Monat für ein paar Stunden einiges mit diesem Poeten gemeinsam – und zwar was dessen Klage auf der Tontafel anbetrifft. Bei dem harten Termingeschäft des monatlichen Erscheinungsdatums unserer Zeitschrift und nach zweieinhalb Jahren mit dreißig Artikeln an dieser Stelle, hinter denen immerhin zumindest das Bemühen stand, Themen aufzugreifen, die uns berühren, schleicht sich zugegebenermaßen dann und wann dieses oben erwähnte Gefühl ein. Oder, um es andersherum zu sagen, Ideen zu diesen Leitartikeln sprudeln nicht mehr so quellfrisch und unbedenklich. Manchmal meint man einen ersten entfernten Schrei nach einer sog. schöpferischen Pause zu vernehmen.

So manches Thema mußte es sich gefallen lassen, hier abgehandelt zu werden – mal ernsthaft, mal sarkastisch zugespitzt –, aber der geneigte Leser darf die Versicherung entgegennehmen, daß es dem Schreiber immer um unsere Sache ging und auch in Zukunft gehen wird. Natürlich haben wir aus unserer Sicht zu allen Vorgängen des täglichen Lebens – und das nicht nur im Gesundheitswesen – eine Menge zu sagen, ohne in die Alltagsgründe exzessiver Berichterstattung hinabzusteigen, die ganze Gebirge von Papier zu Makulatur entwertet und damit nicht nur uns, nein, Gott sei Dank auch sich selbst zudeckt, wie es wohl ganz treffend mit der tröstlichen Spruchweisheit umschrieben wird: »Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.« So sind wir eigentlich ganz froh, daß wir uns diese liebenswürdige Bosheit nur einmal im Monat gefallen lassen müssen und dann wohl auch als Fachzeitschrift in einem etwas anderen Sinn.

Die Klage des Dichters ist menschlich allzuverständlich, und er hat sicher unser ganzes Mitgefühl, aber »objektiv« gesehen kann der Stoff gar nicht ausgehen, da in jedem Augenblick eine neue unverwechselbare Realität geschieht, die sich auch ebenso unverwechselbar und neu in Wort und Bild festmachen ließe.

Man könnte über so vieles noch schreiben, z. B. eben darüber, wie unsinnig es ist, diese unverwechselbare Realität subjektiven Erlebens – wie es heute immer üblicher wird – über Erhebungen und Befragungen per Computerauswertung zu statistischen Durchschnittslügen zu verarbeiten, die nichts (aber auch gar nichts!) aussagen und die dennoch als eine Art objektiver Maßstab zur Beurteilung der Gegenwart herangezogen werden und, was noch schlimmer ist, zur Planung unserer Zukunft.

Man könnte darüber schreiben, wie unsinnig – nein, widersinnig – es ist, unkritisch und um jeden Preis alles zu machen, was technisch machbar ist, wenn der Einsatz der Technik z. B. nicht Fortschritt, sondern Rückschritt bedeutet. Und damit dieses nicht nur eine behauptete Abstraktion bleibt, hier ein Beispiel, das ich neulich auf einer Wanderung mit Erstaunen und Verwunderung erleben mußte.

Mitten in einem schönen alten Buchenwald war das Donnern eines schweren Dieselmotors zu hören. An einem recht steil abschüssigen Hang machte sich ein Traktor zu schaffen, der nicht etwa eine Arbeit verrichtete oder eine Last transportierte, nein, er war nur damit beschäftigt, selbst voranzukommen und sich aus dem eigenen Steckenbleiben wieder herauszuwühlen. Ein beträchtlicher Teil des Waldhanges war bereits durch das ständige Durchdrehen der Räder im wahrsten Sinne des Wortes »in Grund und Boden« zerstört – und das bis in beträchtliche Tiefe. Die beiden Traktorfahrer leisteten Schwerstarbeit. Der eine schwitzte vom hektischen Kurbeln am Lenkrad, der andere räumte Felsbrocken aus dem Wege. Zunächst mußte man bei diesem gewaltigen Aufwand den Eindruck haben, daß es hier um die schwierige Bewältigung eines Transportproblems ging, das nur so und nicht anders zu bewerkstelligen sei. Der Traktor hatte aber auch nach einer halben Stunde noch lediglich mit sich selbst zu tun und konnte sich endlich bis zu einem Waldweg durchwühlen. Und nun geschah etwas Erstaunliches: Die beiden Männer taten mit ihren Händen, was der Traktor hätte tun sollen, wenn er vorangekommen wäre. Es ging nämlich um das Zusammentragen von mittleren bis leichten Zweigen und Ästen an einen bestimmten Platz, an dem sie dann verbrannt werden sollten. Das war in gut 10 Minuten getan. Hier hatte der unkritische und unverhältnismäßige Einsatz von Technik erstens den Waldboden ruiniert, zweitens das Waldstück bis unter die Kronen mit Dieselqualm verpestet, drittens die menschliche Arbeit gewaltig erschwert statt erleichtert, denn das Zusammentragen der Zweige war zweifellos weniger mühevoll als das Traktorfahren und viertens war zudem noch der Zeitaufwand des menschlichen Arbeitseinsatzes mindestens vervierfacht.

Auf solchen Gebieten gäbe es beliebig viele Beispiele über die man sich erregen könnte. Man könnte sich auch fragen, ob es sinnvoll ist, daß der Wegebau in den deutschen Wäldern derart vorangetrieben wird, nur weil jedes Jahr der Etat dafür verbraucht werden muß und man sonst nach dem kameralistischen Geldverteilungssystem im nächsten Jahr mit einem kleineren Etat auskommen müßte. Es gäbe sicher beliebig viele Themen, über die man sich in der oder dieser Weise auslassen könnte, wobei – durch die Umstände bedingt selbst die realistischste Schilderung immer mehr die unverkennbare Tendenz zur Glosse hat.

Man könnte z.B. auch mal die statistische Aussage durchleuchten, mit der die wissenschaftliche Medizin sich immer wieder brüstet, daß wir nämlich ihrem Verdienst eine um Jahrzehnte höhere Lebenserwartung zu verdanken haben, die, wenn man die durch verbesserte Hygienemaßnahmen verminderte Säuglingssterblichkeit abzieht, wie ein Kartenhaus zusammenfällt, so daß bei genauem Hinsehen lediglich die Tatsache übrigbleibt, daß wir in den letzten 30 Jahren mit weit über tausend Milliarden Mark eine höhere Lebenserwartung von 0,9 Jahren »erkauft« haben – und noch ein wenig genauer hingeschaut: Man ist 0,9 Jahre länger chronisch krank.

Es wäre aber durchaus auch möglich, wenn man nicht so in die Niederungen des Alltags herabsteigen, sich vielleicht lieber ein wenig heraushalten und auch nicht anecken möchte, sich auf der etwas philosophischen abgehobenen Ebene z.B. über die Frage zu verbreiten: »Wie wirklich ist die Wirklichkeit?«, für deren geradezu brillante und tiefsinnige Nichtbeantwortung der Österreichische Autor Watzlawick ein ganzes Buch aufwendete. Oder man könnte die Dinge, über die täglich überall ernsthaft berichtet wird, als Blödelvorlage verwenden, etwa wie: »Wer spricht schon noch von Skandalnudeln, wo wir doch einen Nudelskandal haben.« Oder: »Immer mehr Autofahrer machen sich über ihr Kühlwasser her, seit sie durch den Genuß einer Trockenbeerenauslese auf den Geschmack gekommen sind.«

Ja, wir haben es selbst in der Hand. Mit der Art, wie wir die Dinge sehen und welchen Rang wir ihnen in der Bedeutungsskala zuerkennen, damit schaffen wir Realität – glauben wir. Solange uns die Stoßstange mehr ins Auge stößt als das gequetschte Pflänzchen, verleihen wir der Technik den Rang der Realität, hinter der die Natur bescheiden zurückzustehen hat. Der Natur erkennen wir einen gewissen Erholungswert zu und das wiederum nicht ohne einen fast kitschig-romantischen Touch. Keiner hat es uns klarer und unverblümter ins Stammbuch geschrieben als der Irokesenphilosoph John Mohawk:

»Eine Gesellschaft, die die Erde vergessen hat, weil ihr Realitätsbegriff die Natur ausklammert, ist ein Fall von Schizophrenie. Ihr seid unfähig, klar zu denken. Ihr habt Euer Verhältnis zur Erde verloren und Ihr lauft trotzdem frei herum und besitzt Positionen der Macht – ein erschreckender Gedanke. Es ist schwer, mit Euch zu sprechen. Eine Kultur ohne Bindung zur Erde ist das Verrückteste, was ich mir vorstellen kann.«

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Herzlichst


Naturheilpraxis 10/1985