EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie könnte es anders sein? Es liegt in der Natur der Sache, daß Stationen einer Entwicklung, kaum daß sie beschrieben sind, der Vergangenheit anheimfallen; bestenfalls einer schönen Erinnerung angehören. Unser diesjähriger Spätsommer war so ein Glücksfall, aus dessen Schatztruhe man gerne noch einmal einige Momente an der dafür empfänglichen Seele vorüberziehen läßt.

Der Spätsommer – selten war er so ausgiebig wie in diesem Jahr, so stabil – fast, als wollte er einen besonders schönen Zustand der Natur konservieren, festhalten: ein Paradoxon, das sich in den Zaubermantel einer verführerischen Illusion gehüllt hat – einer Illusion, der wir Menschen nur allzu gerne erliegen, nämlich Schönes festzuhalten, zu verweilen, zu verharren. In kaum einer anderen Jahreszeit spürt man die verlangsamte Entwicklung und die Tendenz zum Stillhalten deutlicher als im Nachsommer. Man wird an Fausts Pakt mit dem Satan erinnert, in dem Faust sein Leben an eine Bedingung knüpft, die er in einem geradezu verwegenen Angebot postuliert: »Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön, so sei es gleich um mich geschehen.«

Der Spätsommer hat solche Augenblicke, in denen es auf wunderbare Weise um uns geschehen wäre. Im Gegensatz zu der atemberaubenden von Tag-zu-Tag Entwicklung des Aufbrechens von Blüten und Blättern im Frühling, werden die Bilder scheinbar angehalten. Alles ist einprägsamer und fordert zu besinnlicher Betrachtung heraus. Morgens, wenn der Nebel sich langsam hebt, läßt er Millionen von Netzen zurück, die aus kleinsten und feinsten Wassertröpfchen gewebt, zwischen den Halmen der nun schon gelblich gefärbten Gräser gespannt sind, bis die Sonnenwärme auch diese auflöst in eine würzig frische Morgenluft. Die Tage sind hell in dieser Jahreszeit. Die Zeit der großen Ernten geht langsam zu Ende. Schon wechselt das Gelb der Felder mit einem trockenen Braun, und über allem spannt sich ein weiter tiefblauer Himmel.

Im I-Ging zeigt sich der Spätsommer im Zeichen der Fülle, der Größe, in der Dschen (das Erregende) und Li (das Haftende) zusammenfinden. Fülle und Größe stellen einen erreichten Höhepunkt dar, nach dem es allerdings auch wieder abwärts gehen wird: »Sei nicht traurig; du mußt sein wie die Sonne am Mittag.«

Die Chinesen haben den Spätsommer dem Element Erde zugeordnet und den Körperschichten, dem Muskel, also dem Fleisch. Die Organe Magen, Milz-Pankreas mit dem Mund stehen für einen Verdauungsprozeß, für den Bereich der Umwandlung. Die geschmackliche Sinneswahrnehmung ist süß, die der Augen gelb.

Der Spätsommer ist die Mitte, der Höhepunkt – die Wandlung zur Abwärtsbewegung. Schon gehört auch die Sorge zu diesem Bereich der Assoziationen. Hölderlin hat es treffend ausgedrückt in seinem Gedicht »Hälfte des Lebens«:

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Und schon befällt ihn Besorgnis in dieser Fülle:
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Aber Gott sei gedankt, die Sorge ist nicht der vorherrschende Gedanke in dieser Jahreszeit, sondern die eher genießende Besinnlichkeit. Die Stabilität dieser Jahreszeit überträgt sich auf den Menschen. Der Behandler spürt es in seiner Praxis: Seine Patienten zeigen eine gesundheitliche Stabilität, machen Fortschritte oder scheinen sich in sehr schweren Fällen ein wenig leichter mit der schicksalhaften Entwicklung ihrer Krankheit auszusöhnen. Die Gespräche sind noch intensiver. So wie man auch die Sonnenstrahlen in dieser Jahreszeit bewusster und intensiver auf der Haut spürt, wahrscheinlich, weil das Unterbewußtsein schon warnt, daß es für längere Zeit die letzten sein könnten.

Für den Naturheilkundler ist es immer wieder eine große Bestätigung und schöne Genugtuung, die äußeren Einflüsse auf Krankheit und Gesundheit, die in allen Krankheitslehren der Alten eine so vorrangige Rolle spielen, so hautnah und so deutlich zu erleben. Und der Spätsommer, der im Zeichen der Fülle einen Höhepunkt darstellt, zeigt so überaus deutlich, dass diese Krankheitslehren zugleich auch immer eine Gesundheitslehre waren. Das macht sie so wertvoll und unverzichtbar für uns.

Der Spätsommer ist sicher die Jahreszeit, die dem Behandler am weitesten entgegenkommt, wenn er seinen Patienten etwas davon vermitteln möchte, daß wir Menschen im Einklang mit den Entwicklungen der Natur leben, dass das so richtig und sinnvoll ist und im Zusammenhang von Krankheit und Gesundheit eine große Rolle spielt.

Das Wohlgefühl bei langanhaltendem, stabilem, sonnigem Spätsommerwetter läßt uns einen Dank dafür leichter empfinden. So daß wir eventuell aus eigener Einsicht in die Entwicklungen der Natur mit Rilke sagen können:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Ich möchte uns wünschen, daß das Novemberwetter nicht dergestalt ist, daß die Erinnerungen an den diesjährigen Spätsommer allzu wehmühtig ausfallen.

Herzlichst


Naturheilpraxis 11/1985