EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

AIDS - und kein Ende. Was Wunder, daß man bei der allgemeinen Ratlosigkeit, was zu tun sei, auch die in letzter Zeit in ihrer Bedeutung zweifellos wieder erstarkende Naturheilkunde mit dieser sicherlich nicht in einem Satz zu beantwortenden Frage konfrontiert. Und da die Naturheilkunde ohnehin selten etwas in einem Satz beantwortet, weil sie eine respektvolle Ahnung von der Komplexität naturgesetzlicher Zusammenhänge hat, sollen hier einige Aspekte – nicht die unwichtigsten, hoffe ich – herausgegriffen werden.

Zunächst einmal sollte vom Standpunkt der Naturheilkunde klargemacht werden, daß, wenn es denn mal so ist, wie es ist, die Erforschung und Bekämpfung des AIDS-Virus eine Sache der wissenschaftlichen Medizin ist. Hier hat dieselbe Gelegenheit, ihren so oft beschworenen und mit Stolz herumgezeigten Erfolgen in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten einen neuerlichen und bedeutenden und spektakulären hinzuzufügen. Daß ihr dies gelingen möge, sei ihr ohne jeden Neid und voller Bewunderung gegönnt, und es ist uns allen nur von Herzen zu wünschen.

Da es sich bei AIDS um eine Immunerkrankung handelt, die Naturheilkunde aber für jedwede Erkrankung niemals nur einen mit kriminalistischer Akribie aufzuspürenden und abzutötenden Virus verantwortlich macht, sondern immer auch die Konditionen, die ein Virus oder ein anderer Erreger im Organismus vorfinden, ist es – ohne den vielzitierten Satz überzustrapazieren, daß das Bakterium nichts sei, das Milieu hingegen alles – doch berechtigt, zu fragen, was wohl die Naturheilkunde in bezug auf diese Immunerkrankung leisten könnte. Da die Naturheilkunde bei allen ihren Vorstellungen von Vitalität zum Zwecke der Anpassung an wechselnde Lebensbedingungen – vom gesunden bis zum kranken Menschen – das Abwehrsystem ins Zentrum rückt, ist es durchaus berechtigt, die Ratschläge der Naturheilkunde zur Stärkung des Abwehrsystems zu erfragen.

Und da steht ganz obenan die Standardantwort der Naturheilkunde auf alle Fragen menschlicher Existenz: die Führung eines natürlichen Lebens in bezug auf Ernährung, Bewegungsausgleich und Ausgleich auch von Anspannung und Entspannung im geistig-seelischen Bereich. Da unsere technisch-industrielle Lebensweise dieses zweifellos nicht durchweg gewährleistet, ist es durchaus erlaubt – sogar angezeigt –, sich nach therapeutischen Maßnahmen umzusehen, die das Abwehrsystem stärken helfen. Und die Naturheilkunde bietet hier vieles an, hat sie doch im Blickwinkel jeder therapeutischen Bemühung auch – und in erster Linie – eine unspezifische Stärkung dieses Abwehrsystems.

Hier bieten sich die Homöopathie an zur Konditionierung des Individuums, die Pflanzenheilkunde, unspezifische Reiztherapien mit dem Ziel des Trainings der Immunsysteme, nicht zuletzt auch die Zelltherapie und hier wohl vorrangig die der Thymusdrüse.

Da die Naturheilkunde aber nicht nur eine Krankheitslehre, sondern eine zielgerichtete Gesundheits- und Lebenslehre ist, versucht sie Krankheitserscheinungen auch im Gesamtzusammenhang unserer biologischen Existenz zu verstehen. Und daß hier mit der AIDS-Erkrankung etwas aus dem Ruder zu laufen scheint, dürfte überdeutlich sein.

Unsere – durch die explosionsartige Entwicklung der Technik – veränderten Lebensmöglichkeiten scheinen von den Bedingungen unseres biologischen Entwicklungsstandes stark zu divergieren. Wir sind ganz offensichtlich als biologische Wesen in unserer Evolution (noch) nicht soweit, daß wir uns alles heute schon technisch Machbare zumuten können. Oder ist vielleicht alles technisch Machbare zu machen, überhaupt eine Zumutung?

In der Einsteinschen Relativitätstheorie, in der endgültig das dreidimensionale mechanische Weltbild verabschiedet wurde, ist die Zeit als eine vierte Dimension enthalten. Das ist unverzichtbar für die Richtigkeit dieser Formel – das läßt sich rechnen –, aber unser Gehirn ist offensichtlich in seiner biologischen Entwicklung noch nicht so weit, daß wir uns diese vierte Dimension in irgendeiner Weise vorstellen könnten.

Vielleicht hält ebenso das Abwehrsystem im Bereich unserer Schleimhäute den technisch durchaus machbaren und möglichen weltweiten Schleimhautkontakten eines internationalen Geschlechtsverkehrstourismus (noch) nicht stand?

Die Naturheilkunde hat den Menschen immer als ein offenes System im Abtausch mit seiner natürlichen Umwelt betrachtet. Die primäre Abgrenzung nach außen dürfte die Haut unserer Körperhülle sein. Doch eine ebenso rege Kontaktstelle mit der Umwelt ist der Magen- und Darmtrakt, dem wir alles, dessen wir so um uns herum habhaft werden können, einverleiben und dann umarbeiten zu Vitalzündstoffen, um selbst möglichst glänzend zu leben. In diesen beiden Berührungsstellen mit der Umwelt hat uns die biologische Evolution in Jahrmillionen offensichtlich recht robuste Abwehrmechanismen aufgebaut, die dafür sorgen, daß gefährliche Erreger nicht so leicht die Schranke zu unserem Blut- und Lymphsystem überspringen.

Sicher gibt es auch schon, solange der Mensch existiert, den Schleimhautkontakt zum Zwecke der Arterhaltung, und – Gott sei's gedankt – ist dieser an das Lustprinzip gekoppelt. Wäre es anders, müßten wir uns sicher nicht mit AIDS herumschlagen, allerdings aus dem traurigen Grunde, daß es uns überhaupt nicht gäbe.

Im Bereich unserer Schleimhäute also, die mit den hochdifferenzierten und wunderbaren Vorgängen von Zeugung und Geburt zusammenhängen, scheint die Natur bisher nicht gleichzeitig auch noch eine Robustheit entwickelt zu haben, die einen im beliebigen Ermessen lediglich an der Lust orientierten Gebrauch so ohne weiteres erlaubte, wiewohl hier keineswegs kirchlichen oder kleinbürgerlichen Moralvorstellungen das Wort geredet oder etwa ein Plädoyer gegen die Befreiung des Menschen (auch seine sexuelle) gehalten werden soll.

Abseits jedes Anflugs von Moralisieren – obgleich auch Religionen in ihre Moralvorstellungen oft Dinge aufgenommen haben, die ohnehin vernünftig und natürlich sind, wie z. B. das Fasten im Frühjahr zwar auch eine religiöse Handlung sein kann, aber in erster Linie doch von unbeschreiblichem gesundheitlichen Wert –, abseits also jeglichen Moralisierens muß man in Erwägung ziehen, ob wir uns mit unseren sexuellen Gewohnheiten und Praktiken vielleicht nicht so ganz im Einklang mit dem befinden, was die Natur damit meint.

Hier soll auch gar nicht pauschal das Ping-Pong-Spiel sexueller Kontakte etwa gebrandmarkt werden, in diese Erwägungen gehört auch unsere Einstellung zur Sexualität überhaupt mit hinein, die Überbedeutung, die diesem Thema heute in den Medien aller Schattierungen »verliehen« wird, und der Leistungsstreß, der durch eine profitable Vermarktung dieses Themas verbreitet wird, wobei Streß sowie gedankliche und emotionelle Missverhältnisse zu den Phänomenen unseres Daseins sicherlich auch stark zum Ramponieren unserer Abwehrsysteme beitragen.

Es darf keineswegs zu einer Diskriminierung von Minderheiten und Risikogruppen kommen, denn jede Diskriminierung macht die Divergenzen größer. Über Verständnis und Verständigung führt der Weg zu der Pforte, auf der das Wort »Einsicht« steht – Einsicht in die natürlichen Gegebenheiten zu einem aufgeklärten selbstverantwortlichen Handeln des erwachsenen Menschen möglichst im Einklang mit der Natur. Diese Pforte gilt es aufzustoßen. Hinter ihr wird sicher auch nicht das Patentrezept für einen paradiesischen Zustand ausgehändigt werden, sondern lediglich der Hinweis auf andere Türen, die es noch zu öffnen gilt. Jeder Schritt in diese Richtung ist ein Schritt hin zum Respektieren und Erhalten unseres Überlebensprinzips, eines Gesetzes der Evolution durch Mutation und Adaption, das bestimmt weiter fortleben wird – auch ohne uns! Aber wär' doch schade, oder?

Herzlich


Naturheilpraxis 01/1986