EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Kein Sinnesorgan steht so im Zentrum unserer Aufmerksamkeit wie das menschliche Auge. Kein zweites unserer Sinnesorgane signalisiert auch eine derartige Zuverlässigkeit, wenn es um die Wahrheit geht oder zumindest um das, von dem wir annehmen, daß es die Wahrheit sei. Was taugt schon die Zeugenaussage jemandes, der etwas gehört hat, gegenüber der, die sich darauf beruft, daß er es mit eigenen Augen gesehen habe. Welcher Dichter hat nicht die Augen seiner Liebsten besungen. Man hört auch nicht etwa etwas mit den Ohren der Liebe, sondern man sieht es mit den Augen der Liebe. Wenn Menschen einander ansehen, so erblickt man zwar die ganze Gestalt des Gegenüber, aber es ist sicherlich kein Zufall, daß man ganz vorrangig das Sehorgan des anderen sucht, und wenn man sich in die Augen sieht, so glaubt man darin mehr zu sehen und zu erfahren über die Persönlichkeit des Gegenüber als vom bloßen Anschauen.

Im Bereich der Wissenschaft gilt das Sehen als die Grundvoraussetzung für die wissenschaftliche Objektivierbarkeit schlechthin. Was man sieht, ist objektiv gesehen vorhanden und dadurch in seiner Existenz bewiesen. Wenn man etwas mißt oder wiegt, so liest man mit den Augen an der Skala die Größe oder das Gewicht ab. Niemand wird leugnen, daß man nicht so gut hören kann, wie groß ein Gegenstand ist oder welches Gewicht er hat. Kein anderes Sinnesorgan und seine Funktion sind auch im übertragenen Sinne so vorrangig in alle unsere Lebensbereiche eingedrungen. Wenn man in einer Diskussion gegenteiliger Meinung ist, so sagt man nicht, daß man anders darüber denke, sondern: „Das sehe ich anders.“ – Oder: Wenn jemand etwas überhaupt nicht „einsehen“ will, so sagt man von ihm, daß er mit Blindheit geschlagen sei.

Unser gesamtes Denken, Empfinden, ja sogar Hören, Riechen, Schmecken, Sprechen ist vom Sehen durchdrungen. Gegen die Selbstverständlichkeit einer Brille ist ein Hörgerät vergleichsweise ungewöhnlich und wird bereits in den Bereich der „Krankheit“ eingeordnet.

Wenn man den Sehvorgang einmal aus seiner bedeutungsvollen Komplexität und Verwobenheit herauslöst, so handelt es sich hierbei zunächst um die Aufnahme und Verarbeitung von Lichtreflexen, die von Oberflächen unterschiedlicher Art und Beschaffenheit auf unser Auge treffen. Und eigentlich können wir mit dem Auge nur die Oberflächen abtasten. Zu allem Trotz aber ist ausgerechnet in diesen lichtoptischen Vorgang sinnlicher Wahrnehmung in ganz besonderem Maße die unstillbare Sehnsucht des Menschen eingebettet, die Oberfläche zu durchdringen und zu durchschauen. Und hier ist es wiederum das Sehorgan selbst, das wir für die Eingangspforte in das Innere eines Menschen ansehen. Liebende sind von dem Wunsch beseelt, in die Augen des Geliebten einzutauchen.

Man sagt, das Auge sei der Spiegel der Seele. Und sicher erscheint diese bedeutungsvolle Wechselbeziehung auch durch die physikalische Tatsache abgesichert, daß man dort, wo man herausschauen – auch hineinschauen kann.

All diese Tatsachen sollten eigentlich die letzten Zweifel beseitigen, daß der Augendiagnostik zur Erkennung der Gesamtzusammenhänge einer Persönlichkeit eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Und wer diese über Jahre hinaus anwendet, kann dies nur dankbar bestätigen. Das Auge als besonders stark strukturgenetisch geprägtes Sinnesorgan – und mit seinen Reflexverbindungen zu allen Organen – bahnt uns ebendiesen Weg ins Innere einer Persönlichkeit. Hier gerade gibt es diese Möglichkeit, Vorgänge im Menschen aufgrund bestimmter Erscheinungsbilder zu durchschauen. Und jeder Irisdiagnostiker wird auch bestätigen, daß der Blick durch das Mikroskop in das Auge eines Patienten nicht nur ein Sehvorgang mit dem Registrieren von einzelnen Zeichen ist, sondern daß es dabei bewegende „Augenblicke“ geben kann, in denen man sich dem Gegenüber enger verbunden fühlt, weil man es in seiner genetischen Schicksalhaftigkeit, wie auch durch die erworbenen Zeichen in seiner ganzen Lebensart tiefer und deutlicher begreift.

Natürlich gibt es auch im Bereich des Sehens Sinnestäuschungen, und sicher gehört die Oberflächlichkeit unseres kosmetischen Zeitalters in letzter Konsequenz zu einer solchen Sinnestäuschung. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Die Werbung nutzt diese Tatsache, daß wir uns durch eine schöne Oberfläche bestechen lassen, in ganz besonderem Maße aus. Wir sollen zu durchschauen verlernen. ln Zeiten einer solchen Einengung des Sehvorgangs auf die rein physikalische Funktion der Oberflächenabtastung tut es uns sicher gut, ab und zu die Augen zu schließen vor dieser Reizüberflutung, um unsere anderen Sinnesorgane nicht verkümmern zu lassen, um einmal in etwas hineinzuhören, um einmal einen Duft zu genießen, um einmal eine Oberfläche zu ertasten, um uns letztlich selbst zu erfühlen.

Die Meditation mit geschlossenen Augen, die für die östlichen Kulturen eine so vorrangige Rolle spielt, ist sicher auch daraus zu erklären, daß dort das Sinnesorgan Auge nicht so allein im Vordergrund steht, wie bei uns. Die Wahrheit beruht mehr auf einer Erfahrung aller Sinnesorgane. Man glaubt auch einmal etwas, was man nicht gesehen hat. Wir können lernen. – Sehen Sie.


Naturheilpraxis 02/1986