EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Manchem unserer geneigten Leser ging ich mit dem Hervorheben des Sehens als eines absolut dominanten und alles durchdringenden Vorganges sinnlicher Wahrnehmungen zuungunsten und auf Kosten der anderen Sinnesorgane ein Stück zu weit. Natürlich sind auch das Gehör, der Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn wichtige Bausteine im Mosaik unserer Wahrnehmung und Kommunikation. Dem Ohr kommt dabei wieder eine besondere Bedeutung zu, wiewohl ich für die überaus vorrangige Stellung des Auges eine in deutschen Landen kaum zu überbietende Autorität nämlich den Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe ins Feld führen kann, der schrieb:

"Was dem Auge dar sich stellet,
Sicher glauben wir's zu schaun.
Was dem Ohr sich zugesellet,
Gibt uns nicht ein gleich Vertraun.
Darum Deine lieben Worte
Haben oft mir wohlgetan,
Doch ein Blick am rechten Orte
Übrig läßt er keinen Wahn."

Auch in der Sinnestäuschung durch das Auge erkennt Goethe eine durch die anderen Sinne unbesiegbare Kraft, die alle Sinne fesselt und aus der eine Macht fließt, der wir uns weder verstandesmäßig noch gar argumentativ entziehen könnten. Man möchte meinen, Goethe habe die folgenden Verse gegen das Fernsehen und seine Auswüchse gerichtet. Ich zitiere gern, auch wenn Schadenfrohe die ersten Zeilen genüßlich gegen den Schreiber selbst verwenden möchten. Goethe sagt:

»Dummes Zeug kann man viel reden –
Kann auch schreiben.
Wird weder Leib noch Seele töten –
Es wird alles beim alten bleiben.
Dummes aber vors Auge gestellt,
Hat ein magisches Recht:
Weil es die Sinne gefesselt hält,
Bleibt der Geist ein Knecht:"

Vielleicht ist die Frage aber nach dem vorrangigen Sinnesorgan auch nur eine, die uns Menschen interessiert, weil wir im Gesamtprogramm der Natur solcherart ausgestattet worden sind. – Letztlich ist alles eine Frage von Schwingungen, Wellenlängen ·und Frequenzen. Und so wie unsere Welt sichtbar ist, wird sie ebenso ein Klangkörper sein – in einzelnen Teilen wie auch im Zusammenspiel der Teile als Ganzes.

Der Kieler Ozeanograph Bäuerle hat mathematische Verfahren entwickelt, mit denen er die verschiedensten möglichen Schwingungen von Seen im Computer berechnen kann. Durch die Eigenart eines Körpers und die Art, wie er angestoßen wird, ergeben sich typische und unverwechselbare ,Schwingungsmuster; d. h. eine ganz bestimmte Verteilung von sog. Schwingungsbäuchen, wo die Schwingungen am stärksten sind, und sog. Schwingungsknoten, wo der Körper unbewegt bleibt. Große Seen schwingen, vom Wind und von Luftdruckschwankungen bewegt, hin und her. Bäuerles Schwingungsberechnungen von Wasserbewegungen, auf elektronischem Wege über einen Synthesizer in Töne umgesetzt, ergaben einen fremden, geheimnisvollen und faszinierenden Klang, der an Sturmgebraus, Orgelspiel und Glockenklang erinnert.

Für die mehr oder weniger harmonischen Schwingungen der Seen sind einmal ihre Form und ihr Bodenprofil maßgebend, andererseits die Art, wie die Seen angestoßen und bewegt werden. Wasserspiegelabsenkungen, Formveränderungen am »Klangkörper See« sowie Motorbootbetrieb statt des Windes als bewegende Kräfte muß man unter diesem Aspekt kritisch werten. Auch die Verschmutzung der Gewässer verzerrt des reinen Wassers reinen Klang zum Geräusch. Sicher hat sich in Jahrtausenden in so einem See – an den natürlichen Schwingungen orientiert – eine gesamte Ökologie entwickelt.

Diese Ökologie ist Ausdruck auch einer Harmonie ineinandergreifender natürlicher Vorgänge, in die letztlich auch wir eingebettet sind. Nichts anderes als diese Verwandtschaft meint Goethe auch, wenn er in seinem Gedicht »Gesang der Geister über den Wassern« sagt:

„Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.
Seele des Menschen
wie gleichst Du dem Wasser!
Schicksal des Menschen
wie gleichst Du dem Wind!“

Man kann nur hoffen, daß dem alten Verlangen der Natur- und Heilkundigen, die Natur erst zu verstehen und nicht unverstanden zu verändern, Gehör und Beachtung geschenkt wird. Wir müssen den Ruf der Natur hören und ihren Klang spüren und dürfen unsere ästhetischen Dimensionen nicht an korrigierten Landschaften und begradigten Flußläufen ausrichten.

Was sollen wir tun, wenn die Natur erst ganz „Verstimmt“ ist? – Wo doch ein Dichterwort – nein diesmal nicht Goethes, sondern Eichendorffs –, so wir den Schlüssel (das Gespür) dafür haben, den Klang der Natur zu hören verheißt:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort
und die Welt hebt an zu singen,
triffst Du nur das Zauberwort.“

Herzlichst


Naturheilpraxis 03/1986