EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

So spektakulär, abrupt und dynamisch, wie er sich in seiner Entwicklung zeigt, so fast unauffällig ist sein Beginn: der Frühling. Wenn der Schnee geschmolzen ist, bleibt alles zunächst in stumpfem Graubraun. Nichts Augenscheinliches geschieht. Aber eines Morgens riecht die Luft anders – eine Luft, die die sinnliche Wahrnehmung schärft. Wenn man genau hinhört, so gibt es Vogelstimmen, die am Tag zuvor noch unhörbar waren. Über Nacht hat sich etwas eingeschlichen, das uns die untrügliche Gewißheit vermittelt – nein, nicht, daß der Frühling nun da sei, keineswegs – aber daß der Winter verloren hat.

Im ewigen Kreislauf der Natur vom Werden und Vergehen ist die Geburtsstunde des Neuentstehens eingeläutet. Oder, um es im Bild der chinesischen Vorstellung der fünf Wandlungen auszudrücken: Die Kälte hat das Regiment abgegeben und die Macht dem Wind überlassen müssen. Der Wind, der sich in dem irdischen Element Holz materialisiert, ist in einen Wandlungskreislauf der fünf Elemente eingebunden, deren hervorstehendstes Merkmal einmal das Erzeugen und das Erzeugtwerden und andererseits unter dem wiederum zweifachen Aspekt des Zerstörens und Zerstörtwerdens zu betrachten ist.

Das Holz des Frühlings wird vom Wasser des Winters erzeugt und erzeugt selbst das Feuer des Sommers. Das Holz zerstört aber wiederum die Erde und wird selbst vom Metall zerstört. Alles sehr einleuchtende und plausible Bildhaftigkeiten von den Beziehungen der Elemente zueinander: Die von der Schneeschmelze übermäßig durchfeuchtete Erde als Nährboden für das neue Aufkeimen und Ergrünen des Holzes, welches, wenn es verbrannt wird, das Feuer ernährt. Gleichzeitig aber laugt das Holz in diesem Keim- und Wachstumsprozeß die Erde übermäßig aus. Das Metall ist in bezug auf Festigkeit und Beständigkeit ein dem Holz überlegenes Element. Einen im wahrsten Sinne des Wortes »pikanten« Beigeschmack findet dieses Bild in der Tatsache, daß unser Industriezeitalter, was abgesehen von der Energiegewinnung in erster Linie ein metallisches ist, leider auch die Grundfesten natürlichen Wachstums vor allem in Form der Zerstörung der Wälder erschüttert.

Die Chinesen assoziieren mit dem frühlingshaften Holz das saure Geschmackselement – im Gegensatz zum Süßen der reifen Früchte des Spätsommers. Ohne Erstaunen nehmen wir zur Kenntnis, daß die Farbempfindung »Grün« ist. Ebenso steht in dieser Assoziationsreihe die Leber, das zentrale Regenerations- und Reinigungsorgan mit ihrem dazugehörigen und anhängigen Arbeitsorgan, der Gallenblase.

Im So Quenn heißt es »Der Mensch hat fünf Organe, die seine fünf Energien erzeugen«. So erzeugt die Leber den Zorn, eine Gefühlsqualität, die dem Frühling bis ins Ungestüme, launenhaft Cholerische hinein entspricht.

Von den Körperschichten gehören in diesen Bereich die Muskeln, sozusagen als materialisierte Bewegung – die Muskeln, in denen die Möglichkeit, sich in der Bewegung zu verwirklichen, bereitgestellt wird.

Was anderes als das Auge als Sinnesorgan könnte in diesen Bereich gehören, wo der Frühling ohne Zweifel die Jahreszeit ist, in der man sich an dem täglichen Keimen, Aufsprießen, Knospen und Entblättern kaum sattsehen  und schweigerisch verlieren kann.

Nun sind allerdings diese Assoziationen nicht nur um ihrer Bildhaftigkeit willen oder, um uns zu erfreuen und anzurühren, erdacht worden, sondern mit ihnen, ihren Beziehungen untereinander und ihrem gesetzmäßigen Wechselspiel sollten Erscheinungen und Erfahrungen unseres alltäglichen Lebens verständlich und erklärbar werden – auch und vor allen Dingen Erscheinungsformen der Krankheiten.

Das Nei King erklärt, die Krankheit sei die Folge des Sieges des Klimas über die Organenergie des Menschen. Krankheiten des Frühlings sind in allererster Linie Windkrankheiten – einmal die Krankheiten durch Windangriff, die über die Luftwege in den Organismus gelangen (Husten, Asthma u. a.) und zum anderen Krankheiten durch Wind »der direkt ins Ziel geht«, also ein direkter Angriff auf die Hauptmeridiane, die Organe und Hohlorgane.

So hat alles Schöne der Jahreszeit auch seine Schattenseiten. Zum Positiven gesellt sich das Negative. Die pathogenen bioklimatischen Energien der Jahreszeit erzeugen ihre Krankheiten. Sicher gilt auch für diesen Aufbruch und Neubeginn der Natur die Binsenweisheit: Aller Anfang ist schwer.

Im I GING, diesem genialen Buch der Wandlungen, erscheint DSCHUN – die Anfangsschwierigkeit – als ein Zeichen, dessen Bedeutung ein aus der Erde hervorsprießendes Gras ist, das auf ein Hindernis stößt. Diese erste Begegnung zwischen Himmel und Erde ist mit Schwierigkeiten verbunden. DSCHUN ist zusammengesetzt aus DSCHEN, dem nach oben gerichteten Erregenden und aus KAN, dem Abgründigen, Gefährlichen, dessen Bewegung nach unten geht. Geburt und Werden ist immer mit Schwierigkeiten verbunden, Schwierigkeiten, die nicht zuletzt auch aus der Fülle all dessen entstehen, was in dieser Zeit heftigen Empordringens nach Gestaltung ringt. Der Erfolg in diesem Gestaltungsprozeß wird mit dem Maßstab der Beharrlichkeit gemessen.

Auch im Bild der Jugendtorheit – MONG – wird vor der ratlosen Torheit des Zögerns gewarnt und wiederum das Recht eines Werdeprozesses beschworen, dem Ausdauer und Beharrlichkeit zum Erfolg verhelfen: »Wenn die Quelle hervorbricht, so weiß sie zunächst freilich nicht wohin. Aber sie füllt durch ihr ständiges Fließen die tiefe Stelle, die sie am Fortschritt hindert, aus, und dann ist der Erfolg da.«

Das Empordringen – SCONG – ist mit Anstrengung verbunden und den Lebewesen, die dieser Anstrengung zu einem neuen Aufbruch und Empordringen nicht mehr gewachsen sind, droht die Gefahr, mit der wir Behandler im Frühhjahr bei hauptsächlich älteren Patienten in unserer Praxis konfrontiert werden.

Wer diesen Neu-Aufbruch aber durchleben und erspüren kann, dem bringt dieser Prozeß des Wachsens und Werdens eine schier unerschöpfliche Quelle der Vitalität und Kraft. Er wird in das tiefe Erlebnis dieses Geheimnisses eingebunden, das – wie Hugo von Hofmannsthal es in seinem wunderbaren Gedicht „Vorfrühling“ ausdrückt – was der Wind über Nacht mit sich bringt:

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten.

Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern nacht.

Herzlichst


Naturheilpraxis 04/1986