EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Spurenelemente – die lexikalische Auskunft lautet: »Spurenstoffe sind bestimmte chemische Elemente, die für das pflanzliche und tierische Leben unentbehrlich sind. Sie brauchen nur in kleinsten Mengen zugeführt zu werden.« Es sind also diese kleinsten und doch so unverzichtbaren Teile, damit das große Ganze überhaupt leben kann. Oft haben sie Katalysatorfunktion, d. h. sie begünstigen den Ablauf lebendiger Prozesse und machen ihn überhaupt erst möglich, ohne sich aber selbst zu verändern. Sie sind das sprichwörtliche »Salz in der Suppe«, und jeder weiß, wie eine Suppe ohne Salz oder eine versalzene Suppe schmeckt: nämlich gar nicht.

Wenn wir dieses Bild nun in bezug auf Krankheit und Gesundheit in den gesamtstaatlichen Rahmen unserer Republik übertragen, so wird schnell deutlich, daß die Vertreter der Naturheilkunde in diesem Zusammenhang schon immer so etwas waren wie das Salz in der Suppe. In dieser Zeitschrift wurde bereits vor 25 Jahren, da das Wort »Umweltverschmutzung« noch niemand kannte, vor den Folgen der Vergiftung unserer natürlichen Lebensgrundlagen gewarnt, die damals noch völlig unbedenklich auf der ideologischen Grundlage eines blinden und arroganten Glaubens an unbegrenztes Wachstum und die ebenso grenzenlosen Möglichkeiten technischer Machbarkeit betrieben wurde. Damals hatte die Naturheilkunde ihre berechtigte Mahnerfunktion, auch wenn sie im allgemeinen Aufschwungstaumel gern in die fanatisch-sektiererische Ecke gedrängt wurde.

Unseren Älteren und Altvorderen, die damals »das Fähnlein der Sieben Aufrechten« für die Naturheilkunde bildeten, gilt auch heute noch unser Respekt und Dank, nicht weil sich klangvolle Dankesworte an die Vergangenheit immer gut machen, sondern weil wir von ihrer Unbestechlichkeit und Konsequenz lernen können und müssen – für die durch das raffinierte Verschleiern der Grenzen undurchschaubarer gewordenen Auseinandersetzungen um die Wahrheit der natürlichen Existenz.

Heute ist alles ganz anders. Die Tatsachen liegen auf dem Tisch: Ernährungsbedingte Krankheiten verursachen in der Bundesrepublik jährlich direkte oder indirekte Kosten von über 45 Milliarden Mark. Der Staat, der unter dem Prägestempel der sog. freien Marktwirtschaft jahrzehntelang eine Entwicklung begünstigt hat, die den Bürger täglich rund um die Uhr in Funk und Fernsehen zu immer mehr Genußmittelkonsum in jeder Form leider erfolgreich aufforderte, dieser selbe Staat betreibt heute Elternschelte dafür, daß diese das tun, was ihnen anempfohlen ward, nämlich täglich stundenlang vor dem Fernsehgerät zu sitzen, Alkohol zu trinken und kräftig zu rauchen. Die Eltern müssen sich heute sagen lassen, daß sie solcherart ein schlechtes Vorbild für ihre Kinder seien.

Auch die Medizin ist den gesundheitlichen Problemen unserer Bevölkerung in den letzten Jahren eher durch Spitzfindigkeiten als Vernunft begegnet. Ständig neuen Detailerkenntnisse und -maßnahmen kamen im Kampf gegen den Verfall der Volksgesundheit in Mode, wurden wieder verworfen und von ebenso nutzlosen anderen abgelöst.

Um nur einmal einen solchen Risikofaktor in Erinnerung zu rufen: der Cholesterinspiegel. Was wurde getan? Er wurde ständig und regelmäßig mit bedenklicher Miene gemessen und registriert, dem Patienten Gefahr suggeriert, um ihm dann lediglich Lipidsenker zu verpassen, die, wie jedermann weiß, inzwischen teilweise mächtig in Verruf geraten sind. Von gesünderer Lebensweise war kaum einmal die Rede oder aber nur als Floskel, und kaum ein Patient hat von seinem Behandler konkrete Vorschläge zu dieser gesünderen Lebensweise in bezug auf Ernährung, Bewegung und andere Lebensgewohnheiten erhalten. Heute weiß man warum, und es ist kein Geheimnis, das man ausplaudert: Die Behandler selbst hatten – bis auf wenige streng diätetische Vorschriften bei speziellen ernsthaften Erkrankungen – selbst keine Ahnung von den Kriterien einer gesunden Ernährung.

Wo stehen wir nun heute nach so viel Unvernunft und Fahrlässigkeit? Das berühmte Kind spielt nicht mehr am Brunnen oder auf dem Brunnenrand, sondern ist längst hineingefallen. 30% der Schulanfänger leiden unter Verfettung und 90% haben schlechte Zähne, abgesehen von den bereits auftauchenden koronaren Herzerkrankungen bei Kindern und den vielen Haltungsschäden. Allerdings spricht man heutzutage mehr von Gesundheit und gesunder Lebensweise als je zuvor. Wer aber meint, daß dieses einer ebenso gesunden und vernünftigen menschlichen Einsicht entspringt, muß sich getäuscht sehen. Viele sprechen davon, aber jeder aus völlig anderen Motivationen. Der Staat muß davon reden, weil er die Kosten für die zunehmend schlechter werdende Gesundheit nicht weiter tragen kann und ihm beileibe nichts anderes mehr einfällt. Andere aber sehen die sog. »Grüne Welle« mit mehr Umwelt- und Naturbewußtsein, einer gesünderen Lebensweise – sie sehen die Gesundheit als eine willkommene Wachstumsbranche an, aus der man mit den geübten Marktstrategien, nur eben diesmal auf einem anderen Sektor, seine gewohnten, in anderen Bereichen nicht mehr zu erreichenden Gewinnspannen erwirtschaften kann.

Wer nun meint, daß in unseren Zeiten, da die Worte »Umweltschutz, natürliche Lebensweise und Gesundheit« in aller Munde sind – aus welcher Motivation auch immer – das echte naturheilkundliche Gewissen als Mahner überflüssig sei, irrt gewaltig. Im Spannungsfeld zwischen Ratlosigkeit und Vermarktung verkommt der Aufruf zu einer gesünderen Lebensweise allzuleicht zum Trend, zur Mode, ähnlich wie die Trimmpfade oder das Jogging.

Mehr als je zuvor müssen wir Naturheilkundler das mahnende Gewissen sein und nicht müde werden zu sagen, daß ein gesundes natürliches Leben keine Problematik darstellt, die nur einen Teilbereich des menschlichen Lebens betrifft, wie z. B. die Ernährung, indem man durch kleinliches Wiegen und Messen von Gramm und Kalorien zu einem allumfassenden gesundheitlichen Erfolg gelangen könnte. Gesundheit ist ein Ganzheitsbegriff wie das Leben selbst. Dazu gehören ein gesundes Denken und die Möglichkeit zu einer offenen seelischen Wahrnehmung und deren verantwortungsbewussten Verarbeitung mit dem Ziel eines seelischen Gleichgewichts; dazu gehören Einsicht in die Gegebenheiten der Natur und nicht der nagende Ehrgeiz, diese gegen die bessere Einsicht verändern zu wollen. Im Bereich des Körpers gehören dazu das Gleichgewicht von Nahrungsaufnahme und Bewegung.

Wenn man heute die Presse aufschlägt, da wimmelt es nur so von Gesundheitsratschlägen und Patentrezepten, die gesundheitliches Heil bis an die Grenze der Unsterblichkeit versprechen. Die präzise Einhaltung all dieser gesundheitlichen Pauschalratschläge würde wohl kaum ein Mensch überleben, abgesehen davon, daß für die anzuwendenden Maßnahmen auch 24 Stunden eines Tages nicht ausreichten.

Gesundheit ist kein statischer Begriff. Der Wechsel von gesund, noch gesund und  schon krank ist unlösbar mit dem Geschehen eines individuellen Lebens verbunden. Auch an diese Differenziertheit müssen wir Naturheilkundler in Zeiten so vieler undifferenzierter Gemeinplätze mahnen. Auch daran, daß die Gesundheitswelle – die Gesundheitsmode – nicht einen allgemeinen Streß erzeugt, der uns auch nicht einmal die kleine gesunde Pause »Krankheit« mehr gönnt, aus der wir ins gesundheitliche Gleichgewicht zurückpendeln, und die selbstverständlich ebenso wichtig ist wie die Gesundheit selbst, denn sie ist ein Teil von ihr. In einer Zeit der Verallgemeinerung, Pauschalierung, Massenpublizierung, in einer Zeit der Trends und kurzfristigen Moden sind die verantwortungsbewussten Naturheilkundler als strenge Hüter der natürlichen Grundwahrheiten mit ihrer Unbestechlichkeit und Konsequenz um so mehr gefordert und dürfen sich nicht in einer allgemeinen Trendwelle mit wegschwappen lassen. Das biologische Leben braucht die Spurenelemente, wenn auch in winzigen Dosen, aber ohne – geht gar nichts.

Nicht zuletzt, um sich über diese aktuelle Entwicklung im Gesundheitswesen Klarheit zu verschaffen, steht der diesjährige Deutsche Heilpraktikertag vom 31. Mai bis 1. Juni 1986 in Hannover unter dem Motto »Naturheilkunde in der Diskussion«. Wir alle sind dringend aufgerufen, in diese Diskussion einzusteigen.

Herzlichst


Naturheilpraxis 05/1986