EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Wie geht's denn Otto eigentlich?« – »Ach, der macht doch jetzt in Naturheilkunde.« – Zugegeben, ein frei erfundener Dialogfetzen, aber ein durchaus denk- und vorstellbarer. Möglich geworden durch die wöchentlich in Illustrierten und Magazinen erscheinenden Anzeigen, in denen zum Teil über ganz Deutschland verstreute sog. Ausbildungsstätten für die Ausbildung zum Heilpraktiker – neuerdings auch zum Tierheilpraktiker – werben, mit dem Hinweis, dessen Wahrheitsgehalt ich der Beurteilung der tätigen Kolleginnen und Kollegen überlasse, daß nämlich dringend immer mehr Heilpraktiker gebraucht würden. Nach glaubhaften Aussagen sollen dort auch Tausende sog. »Anwärter« eingeschrieben sein, die ihren nicht gerade geringen Obolus entrichtet haben, von dem allerdings ein beträchtlicher Teil sofort für neue Annoncen in die Werbung zurückfließt. Nun müssen einem darüber nicht gleich die Tränen kommen, denn noch scheint sich der Geldesel kräftig zu strecken, und wen dann der berühmte »Knüppel aus dem Sack« trifft, ist noch nicht entschieden.

Vielleicht gar nicht einmal die, die das Ganze aus rein wirtschaftlichen Interessen heraus angezettelt haben, sondern wenn wir uns einmal dem Gedankenspiel hingeben, daß diese Tausende tatsächlich per Überprüfungsschlupfloch in den Berufsstand hineingeraten könnten, ist unschwer zu erraten, auf wessen Rücken der Knüppel niedersaust: nämlich auf den Berufsstand als ganzen und im besonderen ungerechterweise auf die tätigen Kolleginnen und Kollegen. Man kann sich unschwer vorstellen, daß sich aus wirtschaftlichen Gründen Durchsetzungspraktiken einschleichen, die dem Image des gesamten Berufsstandes irreparable Schäden zufügen würden.

Wenn man der Frage nachgeht, warum eine solche Entwicklung überhaupt möglich ist, so kommt man bei deren Beantwortung an der Tatsache nicht vorbei, daß sich bei so viel Aufwind für die Naturheilkunde aus allen Himmelsrichtungen (besonders im publizistischen Bereich) ein Grundirrtum eingeschlichen hat, den die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu Beginn der naturheilkundlichen Welle nicht aufgedeckt haben, wiewohl sie um das eigentliche »Geheimnis« naturheilkundlicher Behandlung wußten. Die in Sachen Heilpraktikerausbildung Gewerbetreibenden haben diesen Grundirrtum freilich aus allzu verständlichen Gründen auch nicht ausgeräumt, falls sie überhaupt soweit in die Naturheilkunde und ihre Hintergründe eingedrungen sein sollten, daß sie den Grundirrtum hätten erahnen oder gar begreifen können.

Sprechen wir also von diesem Grundirrtum, und der drückt sich in der Frage aus: Kann man überhaupt in Naturheilkunde machen? Gibt das einen Sinn? Hat man sich da nicht gewaltig verrechnet?  Hat man nicht mit Sicherheit vergessen, daß man sich selbst zu allererst in das Grundkonzept der Naturheilkunde mit Haut und Haar, mit Leib und Seele und mit seiner ganzen Persönlichkeit hineinbegeben muß? Hat man vielleicht nicht daran gedacht, daß man als Behandler, unverzichtbarer Bestandteil der naturheilkundlichen Therapie ist, daß man sich da nicht raushalten kann, sondern sich ganz und gar verschreiben und ausliefern muß, und – um es schließlich auf den Punkt zu bringen – daß man Naturheilkunde nicht »machen« kann oder aber die Grundidee derselben haargenau verfehlt?

Das Behandler-Patienten-Verhältnis ist in der Naturheilkunde ein grundsätzlich anderes, als in der sog. wissenschaftlichen Medizin. Der Arzt ist in erster Linie der Sache Krankheit verpflichtet, d. h. er wird seinen Blick und seine ganze Aufmerksamkeit dem Substrakt widmen, an dem sich das Wesentliche, nämlich die Krankheit, festmachen läßt. Was der Kranke als Individium fühlt, könnte den Arzt eventuell von der sachlichen Ebene ablenken. Bei einer lediglichen Konzentration aber auf die Maschine Organismus kann die Person nicht als Ganzes wahrgenommen werden, und wenn der Behandler seelische Regungen und Symptome bemerkt, wird er sie in aller Regel als Folgeerscheinungen von Problemen des Körpers deuten, dessen Strukturen er wiederum kennt. Er wird verleitet, in diese Strukturen einzugreifen (auch zerstörend – was ist schon ein Eingriff sonst?), um die Symptome zu lindern. Seine medizinischen Detailkenntnisse versetzen ihn gegenüber dem »unwissenden« Patienten in eine Machtposition. In dieser Richtung liegt zweifellos in letzter Konsequenz die Versuchung zu einer Überheblichkeit, dem Schöpfer »Natur« seine Fehler nachzuweisen und ihn seiner Unzulänglichkeit zu überführen, indem man sein Werk korrigiert (zerstört). – Nekromedizin reinsten Wassers –.

Solche Behandlerposition macht einsam, da der Patient kein Mitmensch ist. Man arbeitet an einer Sache und kann auch keine Hilfe finden, für die Fragen seines eigenen Lebens, das ja auch, wenn es sinnvoll sein soll, einer Vollendung entgegenstreben muß. Die Tötungstherapie sitzt der fatalen Illusion auf, mit der Tötung des Bösen oder »Unwerten« die eigene Rasse zu erhalten und zu erhöhen. – Wie gesagt: Man wird einsam. Diese Medizin aber – und sie hat im Notfallbereich ihre unbestrittenen Verdienste – kann man immerhin »machen«.

Naturheilkundlicher Behandler muß man »sein«. Der Naturheilkundige sieht zunächst in der Natur eine Leihgabe, die er in Dankbarkeit annehmen und die ihn zu einem Verantwortungsgefühl für das ihm Anvertraute führen soll, besonders für das – wenn auch zum Teil erklärbare – Wunder der leiblichen und seelischen Funktionen. Das Behandler-Patient-Verhältnis ist auf beiden Seiten bestimmt von Mitmenschlichkeit und Gleichberechtigung. Für den Naturheilbehandler ist der Patient nicht unwissend und ahnungslos. Im Patienten ist wichtiges Wissen verborgen, das durch die Hilfe des Mitmenschen »Behandler« strukturiert wird. Dieser kann den Patienten nur verstehen, wenn er sich ihm selbst aussetzt und ihn in sich selber anklingen läßt.

Das Geheimnis der naturheilkundlichen Behandler ist es, den Patienten nicht am eigenen Maßstab zu messen oder gar zu beurteilen, sondern ein Bild zu empfangen, das Wesen des anderen aufzunehmen und darin die richtige Form der Therapie zu entdecken.

Die so verstandene Zwischenmenschlichkeit ist das eigentliche Substrakt der Therapie, auch für den Behandler. Dieser wird für sich Antworten auf die Fragen seines eigenen Lebens finden, mit dessen zunehmender Vollendung seine Hilfe und seine Ratschläge einen Grad von Weisheit erlangen können. Die Identifikation mit der Naturheilkunde ist eine strenge, aber sinnvolle Lebensschule, in der man kaum einmal eine Klasse überspringen kann.

Ob sich Otto wohl gedacht hat, daß das alles so kompliziert und mühevoll ist, als er sich auf eine Annonce hin bei einer sog. Ausbildungsstätte eingeschrieben hat und sein gutes Geld für eine ungewisse, sicher aber schwere Zukunft eingezahlt hat. Vielleicht ist ja auch Otto gar nicht geeignet für diesen verantwortungsvollen Heilberuf. Wenn Sie Otto treffen, warnen Sie ihn, falls es noch nicht zu spät ist.

Herzlichst


Naturheilpraxis 06/1986