EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.«

Mit diesem allseits bekannten Sprichwort wird nicht selten eine Situation apostrophiert, in der jemand einen anderen nach der Uhrzeit fragt und dieser auf die Frage antwortet, er könne es ihm auch nicht sagen, da er keine Uhr besitze. Wenn es sich um einen höflichen und vielleicht noch gewitzten Frager handelt, so wird er diese Situation auflösen mit dem ebenerwähnten Sprichwort: ,,Ja, dem Glücklichen schlägt keine Stunde.«

Niemand wird ernsthaft behaupten, daß jemand, der keine Uhr besitzt, nicht wie jeder andere objektiv gesehen in die Zwänge des Fortlaufs der Zeit eingebunden sei oder diese Dimension im Koordinatensystem menschlicher Existenz einfach überspringen könnte.

Hinter diesem Sprichwort steckt hingegen die Beschreibung eines subjektiven Empfindens, daß Glücksgefühle all unsere Sinne in ihrer Gesamtheit so gefangennehmen, daß für die Wahrnehmung des Zeitablaufs als Einzeldimension kein Platz mehr ist. Es ist sogar so, daß der Verlust der Zeitwahrnehmung als Indiz dafür gilt, daß der Mensch in seiner Gesamtemotion durch etwas ganz Außergewöhnliches bewegt wird. Und nicht selten greift man in der späteren Beschreibung solcher außergewöhnlicher Situationen, sozusagen zur Unterstreichung ihrer Erlebniseinmaligkeit zu dem Satz: »Es war, als stünde die Zeit still. « Solche Augenblicke sind göttlich, und Stillstand der Zeit bedeutet eigentlich nichts anderes als Ewigkeit.

Die göttlichen Augenblicke im Angesicht der Ewigkeit sind der Erkenntnis nahe. Nicht zuletzt mußte auch das ganze Augenmerk Mephistos in der Wette mit Faust darauf gerichtet sein, daß letzterer diese Augenblicke nie erlebt, und Faust mußte im Pakt mit dem Teufel versprechen: »Werd' ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön, so sei es gleich um mich geschehn.« Und das Kongeniale im Ausgang von Goethes Faust II zeigt sich, nachdem Faust diesen Augenblick erlebt und die Wette eigentlich verloren hat – in der göttlichen Rettung, die dennoch erfolgt. Das bedeutet doch nichts anderes, als daß man in einem solchen Erlebnisaugenblick, in dem die Zeit stillsteht – im Angesicht der Ewigkeit - in eine neue, eine göttliche Dimension eintritt, die sich dem Machtbereich des Teuflischen entzieht, dem nichts anderes übrigbleibt, als uns durch kleinliches und hektisches Hin- und Herhetzen möglichst immer in einer Situation zu halten, die uns unfähig macht, für das Erlebnis solcher göttlichen Augenblicke.

Wir schauen heute wie selbstverständlich mehrmals täglich auf unsere Armbanduhr und fragen die Zeit ab. Wir haben längst vergessen und wir interessieren uns im allgemeinen auch nicht dafür, wie sehr sie unser gesamtes Denken organisiert und kontrolliert, und wir machen uns dabei auch nicht klar, welche Vorstellung von der Welt die Uhr uns nahelegt.

Wir wollen wissen, wie spät es ist, und es interessiert uns wenig, wie die Uhr die Vorstellung von einem Moment oder einer Abfolge von Momenten hervorbringt. Auch die Uhrmacher können wenig zu diesem Thema beitragen. »Die Uhr ist ein Antriebsmechanismus, dessen Produkt Sekunden und Minuten sind« sagt Lewis Mumford in seinem genialen Buch »Technics and Civilization«.

Wie wir zu Beginn gesehen haben, gibt es Erlebnisse, die – je intensiver, desto mehr – durch den Verlust des Zeitgefühls bestimmt sind. Die Uhr nun mit ihrem Produkt der mechanischen Zeiteinteilung löst die Zeit aus unserem Erlebniszusammenhang heraus und macht uns glauben, daß unsere Welt nicht in natürliche Gesamtzusammenhänge eingebettet ist, sondern sich als eine unabhängige Welt mathematisch meßbarer Sequenzen sehen läßt. Die mechanische Gliederung der Zeit in eine Abfolge messbarer Zeiträume steht dem natürlichen Erlebensrhythmus wie auch dem allgemeinen Rhythmus der Natur divergent gegenüber.

Die Erfindung der mechanischen Zeitmessung ist sicher ein viel tiefgreifenderer Einschnitt in die mit der Natur harmonisch übereinstimmenden Lebens- und Erlebniszusammenhänge, als wir das annehmen möchten. Der Mensch hat sich in gewisser Weise aus diesem Gesamtzusammenhang abgekoppelt und sich mit der Uhr eine Maschine geschaffen, mittels derer er sich beständig mit sich selbst unterhält. Die Erfindung der Uhr hat uns zunächst zu pünktlichen Zeitmessern, dann zu Zeitsparern und heute schließlich zu Dienern der Zeit gemacht. Im Lauf dieser Entwicklung haben wir den natürlichen Rhythmen wie Tag und Nacht oder auch den Jahreszeiten zunehmend unseren Respekt entzogen und in unserer Welt der Sekunden und Minuten die Autorität der Natur sozusagen abgeschafft. Mit der Erfindung der mechanischen Uhr hört die Ewigkeit auf, Maßstab und Fluchtpunkt menschlichen Erlebens und Handelns zu sein. Und diese Entwicklung hat eben auch unsere Erlebnisfähigkeit so verändert und eingeschränkt, daß wir nur noch selten von solchen Augenblicken sprechen können, in denen die Zeit stillsteht. Und das ist ganz im Sinne Mephistos, der mit uns Heutigen einen für ihn recht aussichtsreichen Pakt geschlossen zu haben scheint.

Was hat das nun mit naturheilkundlicher Behandlung zu tun, wird hier zu Recht gefragt? Nun – da das eigentliche Substrat naturheilkundlicher Behandlung nicht die »Sache Krankheit« ist, auf die der Behandler sein Augenmerk richtet, sondern der Akt der Mitmenschlichkeit zwischen Behandler und Patient (zum Leid des Patienten gehört das Mitleid des Behandlers}, ist die naturheilkundliche Behandlung also im wesentlichen bestimmt von einem möglichst intensiven Erlebnis zwischen Behandler und Patient. Die mechanische Zeitmessung aber muß – wie zu Beginn dargelegt – der Intensität des gemeinsamen Erlebnisses in der naturheilkundlichen Behandlung diametral entgegenstehen.

Wir leben im 20. Jahrhundert, und ein Behandler kann diesen Teufelskreis nicht durchbrechen, indem er eine lebenslange Erlebnisbrücke mit dem Patienten aufbaut und all sein übriges Leben, Zeit und Raum vergißt. Aber es muß ein Kompromiß gefunden werden, der einerseits dem Bedürfnis des Behandlers Rechnung trägt, sein eigenes Leben zu leben und ihm die berufsmäßige Ausübung naturheilkundlicher Behandlung ermöglicht, ein Kompromiß, der aber auch dem Bedürfnis des Patienten Rechnung trägt, indem die Zeit der Behandlung von vornherein so bemessen wird, daß sie das gemeinsame Patienten-Behandler-Erlebnis als unverzichtbaren Teil der Heilbehandlung ermöglicht und nicht vom Diktat der Zeit zerschlagen wird.

Hieraus ergibt sich, daß der 3-Minuten-Takt einer Kassenpraxis so hart und brutal ist und auch so unmenschlich, daß der Behandler sich weder den Möglichkeiten seiner sinnlichen Wahrnehmungen im Zusammenhang mit der Diagnose seines Gegenübers überlassen kann, noch daß der bedrängte und gehemmte Patient ausführlich von sich berichten kann; und schon gar nicht kann sich ein gemeinsames mitmenschliches Erlebnis entwickeln.

Nun haben wir Menschen die glückliche Eigenschaft, wenn wir uns von vornherein für solch eine Behandlung einen großen Spielraum lassen – mit dem Gefühl, viel Zeit zu haben und vorläufig nichts anderes erledigen zu müssen –, daß wir dann genügend Lockerheit besitzen, um von vornherein für das Sich-Entwickeln eines solchen gemeinsamen Behandler-Patienten-Erlebnisses so offen zu sein, daß es auch eintreten kann. Wir sind zu Beginn des Gesprächs ohne Druck, wir haben Zeit zuzuhören, sind offen genug, mit dem Leid des Patienten mitzufühlen, wir sind geöffnet genug, so daß unsere Assoziationen frei und ungehemmt durch unseren Erfahrungsschatz fahren können. Wir können auch das, was in uns anklingt, dem Patienten gegenüber aussprechen und schon damit eventuell ein wenig helfen. Und wir haben die Zeit, ein solch gemeinsames Erlebnis in Ruhe ausklingen zu lassen, damit das so richtig begonnene gemeinsame Behandlungserlebnis nicht zum Schluß abgebrochen und der Erfolg verspielt wird.

Wir wären schlecht beraten als Menschen, wenn uns Technisierung, Organisation und mechanische Zeiteinteilung ein Diktat der Unmenschlichkeit aufzwingen würden. Wir als Naturheikundler sollten ganz bewußt dem Satz »time is money« entgegenwirken und uns so viel Zeit lassen, daß das gemeinsame Behandlungserlebnis mit dem Patienten nicht durch Zeitnot aus dem gesamten Erlebniszusammenhang herausgerissen wird. Das sollte auch in Zukunft unsere Stärke bleiben.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 07/1986