EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Wir hatten uns an dieser Stelle seit einigen Monaten über das Behandler-Patienten- Verhältnis unterhalten. Dabei haben wir gesehen, daß die auf  die »Sache Krankheit« bezogene Behandlung der sog. Schulmedizin ein Behandler-Patienten-Verhältnis entstehen läßt, das einer Subjekt-Objekt-Beziehung entspricht mit einem wissenden, überlegenen Behandler sowie  einem unwissenden, unterlegenen Patienten, dem aufgrund des Wissens- und Machtvorsprunges des Behandlers eine Therapie verordnet wird, die er zu befolgen hat. Dieser sachbezogenen Krankheitsbehandlung widerspricht es durchaus nicht, wenn sie je nach Lage des Falles in ein bestimmtes festes Zeitkorsett eingebunden ist, das aus wirtschaftlichen Gründen eher eng als weit gefaßt sein wird. Dem hatten wir in der naturheilkundlichen Behandlung gegenübergestellt das Behandler-Patienten-Verhältnis, das von Gleichberechtigung bestimmt ist und eine Subjekt-Subjekt-Beziehung darstellt mit dem Ziel des einsichtigen, aufgeklärten und mitverantwortlichen Patienten. Das im Mittelpunkt der Behandlung stehende gemeinsame Behandler-Patienten-Erlebnis, das immer auch eine emotionale Wechselbeziehung zwischen zwei Mitmenschen darstellt (Leid und Mitleid), dieses Behandlungserlebnis verschließt sich, damit es sich effektiv und auf die jeweilige individuelle Persönlichkeit bezogen entwickeln kann, einem vorher festgelegten Zeittakt. Die Zeit, die man sich für eine Behandlung läßt, ist also nicht zuletzt eines der wichtigen Kriterien, an denen sich die unterschiedlichen Behandlungsweisen einmal der sog. Schulmedizin und das andere Mal der naturheilkundlichen Behandlung festmachen lassen.

Da es sich bei einer Krankenbehandlung zweifellos auch um ein Phänomen menschlicher Kommunikation handelt, gibt es sicher noch weitere Kriterien, an denen  sich der oben erwähnte Unterschied abspiegeln läßt. Von der Natur wurden wir Menschen zunächst mit Kommunikationsmedien in Form all unserer sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten ausgestattet. Es macht schon einen Unterschied, ob man sich bei einer Begegnung zunächst anschaut, die Hand drückt, beobachtet, empfindet, vielleicht auch den Geruch eines Patienten wahrnimmt, seine Gestik auf sich wirken läßt, die Farbe seiner Haut und auch den Turgor beurteilt oder ob man den Patienten aus Kabine 7 lediglich als durchleuchteten Brustkorb betrachtet. Wie gesagt, verschiedene Medien bieten verschiedene Informationen, und sowohl das eine wie auch das andere kann je nach Notwendigkeit seine Berechtigung haben. Die Gefahr und das Problem unserer Zeit liegen lediglich darin, daß wir die Möglichkeiten neuer technischer Medien auch in den Bereichen einsetzen; in denen der kranke Mitmensch zunächst einmal als solcher mit seinem ganzen sozialen Umfeld als Gesamtpersönlichkeit begriffen, empfunden und verstanden werden will. Das Urkommunikationsphänomen der als intelligentes Wesen gemeinten Spezies Mensch, das ihn auch vom Tier unterscheidet, ist die Sprache, das Wort. Erst sehr viel später entstand das Medium der festgehaltenen Sprache in Form der Schrift. Erst neueren Datums ist die schnelle Übermittlung der Schriftsprache in Form der Telegrafie und sozusagen brandneu ist die Visualisierung der Geschehnisse auf unserem Stern in Form von Foto und Film und neuerdings deren schnelle Übermittlung rund um die Welt in Form von Fernsehen.

All diese Medien – also Sprache, Schrift, die Übermittlung von Schrift, Bild, Film und wiederum deren schnelle Übermittlung in Form von Fernsehen – enthalten auch eine ganz spezifische Charakteristik der Kommunikationsinhalte. Es steht außer Frage, daß ganz bestimmte Medien bestimmte Inhalte begünstigen und dadurch auch eine Kultur entscheidend prägen.

Ohne den Anflug einer konfessionellen Einengung unserer Gedanken ist doch der Beginn des Johannes-Evangeliums von einem tiefgreifenden und erschütternden Wahrheitsgehalt: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Nichts kann so sehr Ausdruck von Kommunikation sein wie das gesprochene Wort. Kommunikation kann nie allein und vereinzelt existieren, sondern muß immer zielgerichtet sein auf den Nächsten, den Mitmenschen. Kommunikation ist etwas, was immer mindestens zwischen zwei Menschen geschehen muß. Nichts anderes als das gesprochene Wort hat diese Zielgerichtetheit. Nicht zuletzt deshalb ist das ausführliche Gespräch zwischen Behandler und Patient, wenn man die Kommunikation als Grundlage einer naturheilkundlichen Behandlung akzeptiert, unentbehrlich, und auf keine andere Weise kann man etwas erfahren über das Befinden des Patienten, das man dann als Behandler durch seine Erfahrungen strukturiert und in eine sinnvolle Therapie umsetzt.

Dieses »ausgesprochene« Befinden ist das haargenaue Gegenteil von dem geschriebenen Befund. Das Geschriebene läßt Sprache sozusagen erstarren, ihm fehlt absolut die zielgerichtete Kommunikation der gesprochenen Worte, noch dazu, wenn man das überdeutliche Bild des Patienten heraufbeschwört, der von einem Behandler einen geschlossenen Umschlag mit sich führt, dessen Inhalt er als Unwissender nicht kennen darf – wiewohl Entscheidendes über sein Schicksal darin stehen kann – den er aber verschlossen an einen anderen Fachbehandler seiner Wahl übergeben muß. Die schriftliche Befundniederlegung des einen ist durchaus nicht kommunikativ zielgerichtet, abgesehen davon, daß sie über das Befinden des Patienten nichts enthält. Sie ist auch nicht nur Information und Gedächtnisstütze für den eventuellen Nächsten, sondern sie schafft in der »Objektivierung« der Schriftsprache eine eigene Realität, die aber nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern auch eine dem Medium Schrift eigene Faszination hat. Nicht umsonst war der ägyptische Gott Thot, der dem König Tammuz die Schrift gebracht haben soll, auch der Gott der Magie. Das geschriebene Wort ist ein Austausch mit niemandem und zugleich mit jedem. Die zur Schrift erstarrte Sprache formt auch eine bestimmte Denkweise und natürlich den Inhalt. Aus all dem Erörterten ergibt sich klar, daß das kommunikative Gespräch im Zentrum naturheilkundlicher Behandlung absolut unverzichtbar ist und weder allein durch das geschriebene Wort, noch auch weitergehende technische Kommunikationsmedien ersetzt werden kann.

Wenn die Tendenz zu mehr Technik statt mitmenschlicher Krankheitsbehandlung – wie es in der sog. Schulmedizin teilweise den Anschein hat – anhält, so zeigt sich hierin einmal die Mißachtung einer Grundwahrheit, daß nämlich der Mensch als biologisches Wesen in seiner Evolution die Schwelle ursprünglicher Natürlichkeit, was die Kommunikation anbetrifft, noch nicht übersprungen hat und zum anderen, daß man bereit ist, die mit dem gesprochenen Wort beschreibbaren Realitäten natürlicher Vorgänge der Darstellung von durch Medien wie Schrift und Visualisierung aufbereiteten und entsprechend veränderten Inhalten zu opfern oder man ist sich über die Konsequenzen nicht klar.

Sicher war das zweite Gebot nicht nur restriktiv gemeint, sondern hatte die eben besprochene Problematik schon erahnt, als es formulierte: »Du sollst Dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen...« Der Respekt vor der Realität natürlicher Vorgänge, wie sie durch das Spektrum natürlicher und ursprünglicher Kommunikationsmöglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung wie auch der Sprache erfaßt wird, muß, besonders im Bereich der Krankheitsbehandlung bei aller Anerkenntnis neuentwickelter technischer Medien im Notfall- und Risikobereich, doch Zentrum der allgemeinen Krankenbehandlung mit ihrer notwendigen individuellen Kommunikation und dem ebenso notwendigen individuellen Eingehen auf die einzelne Persönlichkeit bleiben. Dies wird auch in Zukunft unverzichtbar sein für eine realitätsnahe Behandlung des kranken Mitmenschen.

Die Weiterentwicklung technischer Kommunikationsmedien scheint mit dem Fortschritt auf Teilgebieten uns gleichzeitig in eine Sackgasse und weg von der Wirklichkeit zu führen. Ernst Cassirer bemerkt dazu: »Die unberührte Wirklichkeit scheint in dem Maße, in dem das Symbol-Denken und -Handeln des Menschen reifer wird, sich ihm zu entziehen. Statt mit den Dingen selbst umzugehen, unterhält sich der Mensch in gewissem Sinne dauernd mit sich selbst. Er lebt so sehr in sprachlichen Formen, in Kunstwerken, in mythischen Symbolen oder religiösen Riten, daß er nichts erfahren oder erblicken kann, außer durch Zwischenschaltung dieser künstlichen Medien.«

Herzlichst


Naturheilpraxis 08/1986