EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit der Bundesgesundheitsrat im Oktober 1983 mit dem Vorschlag, die Heilpraktiker aussterben zu lassen, ein brillantes Eigentor geschossen hatte mit seiner ach so sensiblen sinnschöpferischen Unterscheidung zwischen Bedarf und Bedürfnis, war eigentlich relative Ruhe an der Front. Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Prof. Bourmer, sowie der NAV-Ehrenvorsitzende, Prof. Roos, haben ja damals ihren aufgebrachten Ärztekollegen die Frage beantworten müssen, warum sie den Antrag, die Heilpraktiker aussterben zu lassen, nicht unterstützt hatten. Prof. Roos erklärte unverblümt, daß er dieses politisch nicht für machbar halte und es deshalb klüger fände; keine schlafenden Hunde zu wecken, die eventuell zu einem Qualifikationsanstieg der Heilpraktiker führen könnten, was das Schlimmste wäre.

Man muß ihm eine klare Realitätseinschätzung und ein kluges politisches Gespür bescheinigen. Seitdem spielte man drei Jahre lang mit mehr oder weniger verdeckten Karten, bis endlich vor zwei Monaten wieder einmal die Katze aus dem Sack gelassen wurde. ln allen großen Zeitungen war zu lesen, daß die Ärzte ein Verbot der Heilpraktiker forderten. Was war geschehen? ln einem norddeutschen Stadtstaat machte der Vorsitzende dem Namen seines Ärztebundes im wahrsten Sinne des Wortes alle Ehre, indem er sich durchaus nicht als Weichling, sondern als ausgesprochener Hart-Mann gebärdete. Er forderte von der Bundesregierung ein Verbot der ungeliebten Heilpraktiker. Im Vorfeld von Verbands- und Funktionärswahlen werden diese leicht in Versuchung geführt, starke Worte zu gebrauchen: Das macht Stimmung und – unter dem Strich – auch Stimmen. Bei einem Spürbarwerden eines gewissen wirtschaftlichen Drucks an der ärztlichen Basis – selbst wenn sich alles im Bereich des gehobenen Wohlstands in unserer Republik abspielt – macht es sich dennoch gut, wenn man lautstark das Verbot eines konkurrierenden Berufsstandes fordert. Die Ausformulierung dieses Verbotswunsches fiel denn auch entsprechend aus: Weder fehlte der beliebte Vergleich mit den Medizinmännern, noch schämte man sich, die gesamte Naturmedizin des afrikanischen Kontinents im Vergleich mit dem zu verbietenden Heilpraktiker zu degoutieren. Statt vernünftiger und fundierter Argumente härte man denn auch mehr scharfe Formulierungen im Zusammenhang mit dem Verbotswunsch wie »Klar Schiff machen im Gesundheitswesen« – Formulierungen, die aus der unseligen Zeit der jüngsten deutschen Vergangenheit kommen und mit denen man als Demokrat so seine Probleme hat. Für das unglückliche Zusammentreffen dieser rhetorischen Scharfmacherei mit dem Erscheinen des neuesten Buches von Fridolf Kudlien „Ärzte im Nationalsozialismus" kann man niemandem eine Schuld zuweisen. Solche Peinlichkeiten zeigen immerhin: Man kann gar nicht vorsichtig und umsichtig genug sein.

Aber geschehen ist geschehen, und der klugmeinende Ratschlag der beiden Professoren aus dem Jahre 1983 längst vergessen: Die Ware ist auf dem Markt und will gehandelt werden. Das leicht Vorhersehbare geschieht, ebenfalls wie im Jahre 1983: Es hagelt Proteste der Bevölkerung an die Medien, denn Millionen von deutschen Bürgern, die jahraus, jahrein mit steigender Tendenz bei den Heilpraktikern Hilfe in ihren gesundheitlichen Belangen suchen und finden, wollen sich nicht vorschreiben lassen, daß sie jetzt wieder oder ausschließlich zum Arzt gehen sollen.

Das ganze Spektakel fällt zudem noch in das sog. politische Sommerloch und hat gute Chancen, durch alle Facetten der Medien gespielt zu werden. Denn eingestandenermaßen handelt es sich um ein Thema von allgemeinem Interesse. Auch das Fernsehen muß schließlich sein Programm füllen und mit scharfen Augen darüber wachen, daß die Einschaltquoten stimmen. Also bietet sich in diesem Medium ein Streitgespräch der Kontrahenten an. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Gesundheitsredaktionen unserer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten fest in sogenannter »schulmedizinischer Hand« sind. Für einen Moderator stellt sich also die Frage: Wie gestalte ich in unserem demokratischen Staat ein Streitgespräch, das den Anschein von Fairneß hat, und bestätige dennoch meine eigenen Vorurteile gegenüber den Heilpraktikern, daß nämlich nicht sein kann, was nicht sein darf?

Zwangsläufig – das liegt in der Natur der Sache – muß das Fernsehen all seine Darbietungen visualisieren, d. h. Tatsachen aufbereiten, optisch wirksam machen, wobei es nicht ausbleibt, daß veränderte Inhalte entstehen. Die Wahrhaftigkeit und Konsequenz z. B. eines Philosophen, der zwei Stunden nachdenkt, kann das Fernsehen nicht darstellen, ohne langweilig zu wirken. Oberste Devise: Kein Bild darf länger als drei bis zehn Sekunden stehen, dann muß es von einem anderen abgelöst werden, damit der Zuschauer optisch immer angeregt bleibt. So muß man denn auch ein Streitgespräch, bei dem es eigentlich um inhaltliche Wahrhaftigkeit ginge, zu einer Unterabteilung des Showbusineß umgestalten. Das Thema wäre eigentlich, ob es sinnvoll ist, die Heilpraktiker zu verbieten oder nicht. Damit die Einschaltquoten stimmen, kann man das so nicht ausdrücken, sondern es muß unbedingt zu Gericht gesessen, die Spannung eines öffentlichen Tribunals erzeugt werden. Der Titel heißt jetzt: „Naturheilkundler oder Kurpfuscher?“ Der szenische Aufbau entspricht dem üblichen Rezept: Der Moderator – sprich: der allmächtige Wort-Erteiler, und vor allen Dingen: -Abschneider – sitzt im Zentrum. Rechts und links neben ihm gruppiert sind Gesprächsteilnehmer, derer er sich versichert hat, daß sie seiner Meinung sind und zu dem beabsichtigten Ergebnis dieser Diskussion Wesentliches beitragen können – auf Deutsch gesagt, daß sie in die gleiche Kerbe hauen. Die, die man treffen will, um die es aber eigentlich geht, gruppiert man ganz an die Seite nach außen = Außenseiter. Dieses hat den Vorteil, daß die Kamera, die stets darauf bedacht ist, das Zentrum der Diskussion zu erfassen, diese nur äußerst selten überhaupt auf dem Bildschirm erscheinen läßt. Sie sind sozusagen gar nicht richtig da. Weil man sie dennoch aber hier und da zu Wort bitten muß, wenn auch kurz, und auf lange und mit vielen Vorurteilen behaftete Fragen, die der befragte „Außenseiter“ möglichst nur mit ja oder nein beantworten soll, hat die Außenposition zudem den Vorteil, daß die Kamera ihn nur sehr ungünstig im Profil oder Halbprofil erfaßt, da er sich ja beantwortend dem Moderator zuwenden muß, der im Zentrum sitzt. Man verteilt auch empfehlenswerterweise sehr geschickte und gezielte Tiefschläge, deren Wahrheitsgehalt unzweifelhaft darauf hindeutet, daß sie auf Kneipenrecherchen beruhen, aber auf jeden Fall im Rahmen der Gesprächsrunde nicht geklärt werden können und also beeindruckend im Raum stehen. Spätere Dementis liest ohnehin niemand.

Unverzichtbar wichtig ist bei einer solchen Gesprächsrunde, daß man sie so besetzt, daß die Meinung, der man zum Sieg verhelfen möchte, das absolute Übergewicht hat. Da aber der normale Fernsehzuschauer, trotz abendlichen Unterhaltungsprogramms, immer noch bis drei zählen kann, muß man die Gesprächskontrahenten mit gleicher Zahl besetzen. Das beabsichtigte Übergewicht erzielt man durch die Hinzuziehung sogenannter „objektiver Sachverständiger“ – diese sind selbstverständlich handverlesen. ln der Kontroverse zwischen Ärzten und Heilpraktikern ist das besonders einfach, denn Sachverständige im medizinischen Bereich sind prinzipiell Ärzte. Und so heißt es denn in einer Diskussionsrunde zwischen Ärzten und Heilpraktikern schnell 5:1, ohne daß das weiter aufzufallen scheint. ln der Regel äußern sich die Sachverständigen auch nicht objektiv zur Sache, sondern sie setzen mit anderen Worten und neuem Gesicht die ärztliche Seite der standespolitischen Polemik fort.

Die ganze Veranstaltung hat einen großen Nachteil: Sie ist meist - wie man so schön sagt - live, und das bereitet den Veranstaltern immer noch ein gewisses Unbehagen, denn man weiß nie so genau, was alles passieren kann und womit die eigenen Pläne durchkreuzt werden könnten. Manchmal hat man den Eindruck, das Traumziel von Moderatoren wäre die Aufzeichnung der Gesprächsrunde mit anschließender gründlicher Bearbeitung durch die Schere der Cutterin, um ja nichts Ungeliebtes senden zu müssen. Aber immerhin: Noch sind diese Gespräche meist live.

Das heißt aber noch lange nicht, daß der Ungeliebte in diesen Gesprächen machen kann, was er will. Sollte er den zügelnden Rahmen des Moderators in einer Livesendung in einem gewissen Umfang überschreiten, spricht sich das an den bundesdeutschen Sendeanstalten schnell herum, und man kann davon ausgehen, daß er das letzte Mal zu einer Gesprächsrunde eingeladen war. Ungezügelter und blindwütiger Zorn über die zu ungunsten des Schwächeren gestaltete Sendung während derselben ist zwecklos und macht merkwürdigerweise trotz eventueller Berechtigung einen ganz schlechten Eindruck. Dem vermeintlich Schwächeren bleibt die Chance der sachlichen Argumentation, wie wild auch die Gegenseite zuschlägt, und eine gewisse Chance, daß er durch das Mitleid der Zuschauer, das aus einer Art ursprünglichen Gerechtigkeitsgefühls resultiert, seine Punkte sammelt. Allzu klar darf dieses der anderen Seite auch nicht werden, sonst ist wieder die bereits erwähnte Gefahr des „Nichtmehreingeladenwerdens“ im Verzug. Ein ausgesprochener Glücksfall ist es, wenn eine mitdiskutierende politische Persönlichkeit die Zivilcourage besitzt, ihre Meinung klar der beabsichtigten Tendenz der Sendung entgegenzusetzen.

Sich über die sachliche Auseinandersetzung zu unterhalten, lohnt angesichts der visualisierten Fernsehaufbereitung einer Diskussion mit Showbusineßcharakter wahrlich nicht. Die Darlegung der Strukturen ihrer Machart ist dann noch das Interessanteste am Thema. Erst die Einführung einer weiteren Kommunikationsform – wie eventuell der Mitbeteiligung der Zuschauer durch „Tele-Telefon“ an den Diskussionen – würde neue, ungeahnte Möglichkeiten bieten, von deren Turbulenzen man sich einiges Staunen erwarten darf.

Derweilen wird man auch in Zukunft seinen gesundheitlichen Rat von Angesicht zu Angesicht bei seinem Heilpraktiker suchen, und es besteht die berechtigte Hoffnung, daß eine naturheilkundliche Behandlung per Telekommunikation in den nächsten Jahren jedenfalls noch nicht ins Haus steht. Und übrigens: Wenn Sie mit einem Hammer in die Fernsehröhre schlagen, denken Sie daran, daß die Implosion zwar nach innen geht, daß aber dennoch eine Stichflamme entsteht, die Ihre Gardine erfassen kann.

Herzlichst


Naturheilpraxis 09/1986