EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die CDU rief – und alle, alle kamen. Am 10. September 1986 lud die CDU ins Konrad-Adenauer-Haus nach Bonn zu ihrem gesundheitspolitischen Kongreß ein, der unter dem Motto stand »Gesund leben – Gesundheitspolitik in einer freien Gesellschaft«. Schon zwischen 9 und 10 Uhr herrschte Betriebsamkeit in den Foyers, gegen Quittung von DM 30, – die Eintrittskarte und eine Ansteckplakette als Kontrolle für die Saalordner – für den mit Anstecknadeln, Plaketten und Abzeichen ungeübten Träger ein wenig ein Fremdkörper an der Krawatte.

Gewiß, man möchte engagiert mitarbeiten am Thema Gesundheit, doch mancher hat mit Parteiabzeichen jedweder Couleur so ein klein wenig seine Problemchen. Letztlich aber gab es auf dieser Veranstaltung nur Abzeichenträger und alle der gleichen Couleur, man war schließlich unter sich und auch noch sozusagen »exterritorial«. Positive Fröhlichkeit, Lachen bis zum Zähnezeigen, hier ein Handkuß, dort ein fast zu lautes »Wie geht's?«. Überall hoffnungsfrohe Menschen – von der Jugend bis ins hohe zu verehrende Alter. Dennoch ging es hier nicht um eine spektakuläre Vernissage, auch nicht um einen fröhlichen Frühschoppen, sondern um die Sache – und zu der kam man denn auch, als alle Platz genommen hatten, pünktlich um 10 Uhr – und die Sache hieß: Gesundheit.

Generalsekretär Geißler begrüßte und brachte es tatsächlich fertig, in seiner knappen Begrüßungsansprache sehr klar die detaillierten gesundheitspolitischen Zielvorstellungen seiner Partei zu umreißen. Kurz, aber vollständig, so daß die nachfolgenden Redner ihre bedeutenden Beiträge mit den Sätzen einleiten mußten, daß Sie an sich den Worten des Generalsekretärs kaum etwas hinzuzufügen hätten und daß er ihnen in gewisser Weise »die Schau gestohlen« hätte. Daß in Zeiten beginnender Wahlkämpfe Positives der eigenen Partei immer noch ein wenig positiver dargestellt wird und auch kein Seitenhieb auf die Vorstellungen der Gegenseite ausbleibt, hält sich im Erwartungshorizont der Zuhörer.

Geißler erinnerte noch einmal an den solidarischen Grundgedanken der hochbetagten, über 100jährigen Dame mit Namen Reichsversicherungsordnung: »Alle für einen, der krank ist und sich nicht selbst helfen kann«, bestand aber mit leicht angehobener Stimme auch auf der Verantwortung des einzelnen an der Gesellschaft. Er markierte sehr präzise zwei Übeltäter: Einmal den, der sich krank schreiben läßt, ohne es zu sein, und zum zweiten den, der dabei wissend mithilft und krank schreibt. An die allgemeine Mitverantwortung der Bevölkerung an den Kostenentwicklungen im Gesundheitswesen appellierte er mit eindrucksvollen Zahlen, mit Kosten, die durch Fehlernährung und Genußmittelabusus sozusagen hausgemacht sind, wobei allein die Krankenkosten 41 Mrd. jährlich ausmachen, dazu 21 Mrd. Pflegekosten und 12  Mrd. Krankheitsfolgekosten in Form von Arbeitsausfall, Kuren und ähnlichem.

Der Berliner Gesundheitsstaatssekretär Hasinger, der .im folgenden die Moderation übernahm, kündigte dann als nächsten Redner Prof. Dr. Dr. med. Hans Schäfer aus Heidelberg an, der, wie Hasinger sagte, auch diesmal dabei sei – wie schon immer – und dem man im gesundheitspolitischen Bereich schon viel zu verdanken habe durch seine ideenreichen Beiträge. Wenn man sich allerdings heute die Realität im Gesundheitswesen betrachtet, fragt man sich natürlich, was das wohl für Ideen gewesen sein könnten oder aber, ob man sich vielleicht nur seine schönen Reden angehört, aber nichts in politische Wirklichkeit umgesetzt habe.

Der erstaunlich rüstige Prof. Schäfer begann seine Rede mit der sehr gebildeten Feststellung, daß das wünschenswerte Euangelicon bedauerlicherweise dem Dysangelicon gewichen sei. Wir müßten zurückkehren zu frohen Botschaften und von der Überbetonung des Negativen ablassen. Dieser Aufruf wurde mit bekannten Tatsachen begründet wie, daß der Krebs weltweit und im Durchschnitt zurückgehe, wenn auch einzelne Krebsarten stiegen, was aber schließlich die Gesamttendenz eines Krebsrückganges nicht beeinflussen könne. Selbstverständlich durfte hier das berühmte Beispiel nicht fehlen, wonach 1880 die Lebenserwartung 35 Jahre war und heute über 70 Jahre ist. Also kann unsere Industriegesellschaft eigentlich nicht krank machen. Unerwähnt blieb allerdings, daß diese Statistik in erster Linie so beeindruckend ist, weil die Säuglingssterblichkeit in der Bundesrepublik Deutschland, die noch lange eine der höchsten in der zivilisierten Welt war, sich heute doch deutlich verringert, wenn auch noch nicht das Niveau der DDR erreicht hat – aber immerhin. Verständlicherweise fehlte auch der Hinweis, daß es sich bei den Menschen, die heute älter werden, also über 70 sind, um solche handelt, die durchaus keine Wohlstandskinder sind, sondern Entbehrungen zweier Kriege und Nachkriegszeiten durchgestanden haben, mit viel Arbeit und Schmalhans als Küchenmeister. Ihnen wurden die Segnungen des Wohlstandes erst im späten oder mittleren Alter zuteil. Man kann sich gut vorstellen, daß es sich bei diesen Menschen, die diese Entbehrungen überstanden haben, um eine gewisse abgehärtete Auslese handelt, die ihre Kinderkrankheiten noch durchmachen durften, um ihr Abwehrsystem für die Ernstfälle und Engpässe des Lebens zu trainieren. Man braucht wohl kein Prophet zu sein, um seine Zweifel zu äußern, daß eine Generation, die heute aufwächst und der man von Anfang an alles leicht macht, schwerlich diese Lebenserwartung haben wird, denn das hat sich inzwischen herumgesprochen, daß ein wenig Lebenskampf, Härte und Training, sowohl im geistigseelischen Bereich in bezug auf die Eigen- oder mindestens Mitverantwortung für das eigene Leben wie auch im Bereich der körperlichen  Gesundheit für das Gleichgewicht von Nahrungsaufnahme und Bewegung nützlich ist.

Wenn man – wie Prof. Schäfer - die Segnungen dieser Wohlstandsgesellschaft betonen möchte, müssen solche kritischen Bemerkungen selbstverständlich unterbleiben, und er war hier konsequent. Seine Kritik galt nicht der Gesellschaft oder gar ihrer Struktur, sondern dem einzelnen, und hier traf er den Nagel auf den Kopf, indem er das Gleichnis vom Fischer und seiner Frau heranzog, der einen goldenen Butt gefangen hatte und den Verlockungen der Maßlosigkeit nicht widerstehen konnte. Die Industriegesellschaft an sich und ihr Wohlstand seien segensreiche Erscheinungen, die nur vom Individuum richtig benutzt sein wollen. Die Zusammenhänge zwischen Smog und dem Pseudokrupp der Kinder im Ruhrgebiet sei wissenschaftlich noch nicht erwiesen, und überhaupt seien die gesundheitlichen Risiken durch Umwelt und Arbeitsplatz gering gegenüber denen, die durch freiwilligen und maßlosen Gebrauch des Wohlstandes hervorgerufen würden. Die Zahlen geben ihm recht, wiewohl es mir schwierig erscheint, wie Kleinkinder im Ruhrgebiet einen sparsameren Gebrauch der schlechten Luft machen sollten.

Schäden aufgrund von chemischer Umweltverschmutzung gab er zu, schließlich kann man Chemie riechen und sehen, wies jedoch schädliche Auswirkungen im Bereich der Strahlen wie Radar und Störungen des erdmagnetischen Feldes schlicht und einfach zurück und betonte noch dazu, daß er auf diesem Gebiet sachkompetent sei, wobei er unversehens im Bereich der Selbsteinschätzung selbst der  Maßlosigkeit verfiel. Im ganzen malte er ein hoffnungsfrohes Bild der Industriegesellschaft für die Zukunft nach dem Motto: Immer bessere Technik wird die Fehler der schlechteren Technik der Vergangenheit beherrschen lernen. Der letzte Satz verriet endlich die Brüchigkeit und Inkonsequenz seines Gedankengebäudes, indem er seine Hoffnung in die Zukunft auf die Möglichkeit einschränkte, daß uns nicht ein atomarer Supergau das Leben nähme. Er rückte also die Atomtechnik und ihre Beherrschung in den Bereich des Metaphysisch-Schicksalhaften. Als hätten wir keinen Einfluß darauf. Und dabei ist gerade die Atomenergiegewinnung ein Bereich, der besonders nüchtern als Technik begriffen werden muß und bei dem man vor allen Dingen nicht vergessen darf, daß Technik immer auch unzulänglich sein kann. Mit dem Bereich des Religiösen hat das wahrhaftig nichts zu tun.

Danach sprach unsere Bundesministerin Frau Prof. Süssmuth. Auch sie machte Mut, verbreitete Hoffnung, aber doch sehr viel glaubhafter als ihr Vorredner. Natürlich hat sie ein wenig Recht, wenn sie sagt, daß wir die Begabung hätten, alles zu unlösbaren Problemen hochzustilisieren. Wir sollten das Leben wieder als ein Geschenk betrachten, wohlwissend, daß es endlich ist, aber solange es uns geschenkt sei, dankbar gelebt werden soll. Auch in der medizinischen Versorgung solle der Mensch wieder in all seinen Aspekten gesehen werden – arbeitsteilig ja, aber eben vollständig und nie ohne den Aspekt der Seelsorge. Sie hat klar gemacht, daß Krankheit-Reparatur nur ein Teil der Behandlung ist und daß sich unverzichtbare Fragen daran anschließen, z. B.: Wie gehe ich mit wiederhergestellter Gesundheit um? Oder: Wie gehe ich mit beeinträchtigter Gesundheit um? Welche Verantwortung wächst für den einzelnen daraus – im Umgang mit seinem Mitmenschen? Wie steht es mit der Verantwortung des einzelnen als ethischer Grundlage einer Gesellschaft? Der Verlust unserer Glaubensbindungen könne nicht durch Psychologie ersetzt werden, sondern nur durch eine neue Art, Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Prävention nicht nur eine durch Vorsorgeuntersuchungen angebotene Leistung in der Struktur des Gesundheitswesens, sondern als eine Frage der Solidarität der Gesellschaft.

Was kann ich tun, daß ein anderer leben kann? Unsere Gesundheitsministerin  hat diese Fragen alle sehr tiefgreifend behandelt und aufrichtig dargeboten. Sie ist ein Glücksfall. Die gedankliche Klarheit ist nicht Ausdruck losgelöster Intellektualität, sondern beseelt und empfunden. Man glaubt ihr. Ihre moralische Aufrüstung ist eindringlich, überzeugend und ansteckend. Man möchte aufstehen und neu beginnen mit der Hoffnung im Herzen, daß es gelingt.

Erst einige Zeit danach, wenn sie aufgehört hat zu reden, kommt einem der Gedanke, daß die Regierung eines Landes ja eigentlich nicht nur moralisch aufrüsten, sondern auch eine politische Realität gestalten soll, in der sich dieses Gedankengut widerspiegelt. Es ist richtig: Der Mensch muß mit- und eigenverantwortlich sein, aber das System, in das er eingespannt ist, darf dem nicht zu stark widersprechen. Und hier hapert es. Das System der schmerzlichen monatlichen Zwangsabzüge für die Krankenversorgung, besonders der niederen Lohngruppen, belohnt nicht das Sich-Gesund-Erhalten in Eigeninitiative, sondern bestraft es in gewisser Weise. Wir Bürger dieses Landes lassen uns gerne einmal wachrütteln, aber die gestaltete Realität, in der sich unser Alltag abspielt, muß so sein, daß wir die Gedanken der moralischen Aufrüstung auch im Alltag durchhalten können. Wenn man den Finger in die Wunde legt, kann man erfahren, daß in der nächsten Legislaturperiode irgend etwas gemacht werden soll. Das ist  unbefriedigend und wirft die Frage auf, warum man es nicht längst getan hat. Schließlich befindet man sich am Ende einer vierjährigen ordentlichen Legislaturperiode, in der man sich vor nötigen Strukturveränderungen gescheut hat und die Flickschusterei mit der sogenannten konzertierten Aktion hat weiter gewähren lassen. Man hat es schwer zu glauben, daß es besser wird. Die Hoffnungen sind kurzfristig. Ob sie auch berechtigt sind, wird sich zeigen. Wieder mal ein Scheck auf die Zukunft?

Die anschließende Diskussion zeigte dann sehr deutlich, wie missverstanden hohes Gedankengut in der niederen Ebene der Interessenlagen der unterschiedlichen Berufsverbände verschoben wird. Jeder sprach für seinen Berufsstand als dem wichtigsten Anliegen. Die Zahnärzte nützten zweifellos die Stunde am besten, indem sie schlicht und einfach das Hickhack der konzertierten Aktion fortsetzten und – da alles von Sparmaßnahmen sprach – mehr für sich verlangten. Sie schämten sich nicht, in diesem Zusammenhang ihren Berufsstand als einen verarmten und gegängelten darzustellen. Schnell war man wieder in die Niederungen hinabgestiegen, wo mit hochgekrempelten Ärmeln gekämpft wird und jeder seinen Vorteil sucht.

Dennoch meine ich, es ist lohnend, immer wieder über einen Neuansatz nachzudenken, sich aufrütteln zu lassen und sich zu fragen: Was kann ich tun, daß der andere neben mir leben kann.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/1986