EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Nächstes Jahr in Jerusalem...« – Worte, die man nicht ohne einen Anflug von Abschiedsschmerz in seinem Herzen bewegt, wenn man nach einer einwöchigen Reise das Gelobte Land verlassen muß. Die Dimension biblischer Geschichte sozusagen mit der eigenen Erlebniselle nachzumessen, macht auf eine tiefbewegende Art nachdenklich. Tendenziöse Berichte als Nachrichtenfüller nach den Prinzipien von Parteiideologien und fast abstrakt anmutenden Strukturen einer sich als ausgewogen gerierenden globalen Politmedienlandschaft unseres Veröffentlichungs- und Vervielfältigungszeitalters, ja selbst die als relativ objektiv geltende Berichterstattung müssen erblassen vor der Gewalt und dem Realitätsanspruch des persönlichen Erlebnisses. Hier überwältigt uns ein Land, seine Geschichte, die Realitätssuche seiner Religionen und vor allen Dingen die Kraft und Lebensfreude seiner Menschen. Statt förmlicher Höflichkeit im Umgang mit dem Besucher – vital gelebte Gastfreundschaft, in deren Armen man sich geborgen fühlt, ohne Angst, erdrückt zu werden. – Israel, ein einziger Tag der offenen Tür.

Wenn Naturheilkunde heißt, daß die Natur heilt, so findet sich in diesem Land einiges Staunenswerte. Die Natur hat mit der Jordansenke, die im Bereich des Toten Meeres auf 400 m unter den Meeresspiegel abfällt, wohl auf dieser Welt einmalige Heilbedingungen geschaffen: eine gleichmäßig sehr warme und ebenso trockene Luft mit einem der tiefen Lage entsprechenden Mehrgehalt an Sauerstoff. Der Verdunstungsschleier des Toten Meeres – mit seiner entsprechenden mineralischen Zusammensetzung von hauptsächlich Magnesium und Brom – filtert aus dem ultravioletten Spektrum der Sonnenstrahlen auf ihrem erheblich längeren Weg bis tief unter den Meeresspiegel die als schädlich geltenden B- und C-Fraktionen. Das so gefilterte Licht hat eine einmalig heilende Wirkung auf die Haut der Psoriasiskranken. Zusätzlich führt der Magnesium- und Bromgehalt der Luft zu einer psychischen Beruhigung und Entspannung der Patienten, läßt sie ihren Streß, den eine solche Krankheit mit sich bringt, leichter ertragen. Man kann dort nach vier Wochen völlige Abheilungen der Schuppenflechte, selbst bei besonders schwer betroffenen Patienten, beobachten. Sie geben Auskunft, daß sie bis zu einem Jahr Ruhe haben. Wenn man bedenkt, was für eine ungeheure Steigerung der Lebensqualität dieser beschwerdefreie Zeitraum für einen ansonsten juckenden und schuppenden Körper bedeutet; kann man sich einem solchen Aufenthalt in Israel aus therapeutischer Erwägung kaum entziehen. Die Notwendigkeit wiederholter Aufenthalte kann für einen Naturheilkundler kein ernsthaftes Gegenargument sein, für den es im Bereich von Krankheit und Gesundheit – speziell bei einer zum Teil erblich bedingten Krankheit – nichts Endgültiges gibt.

Auch die Rheumatiker haben bei vergleichbaren therapeutischen Maßnahmen von Schlamm- und Schwefelbädern durch die über die Kurdauer gleichmäßige trockene Hitze des Klimas Erleichterungen, die man mit den gleichen Therapien in unseren Breiten mit hoher Luftfeuchtigkeit und stets wechselnden Wetterfronten nie erreichen kann.

Die trockene staubfreie Luft des Asthmazentrums von Arad in der Wüste Negev hat so manchem von der Erstickung bedrohten Menschen, der selbst unter schwersten Medikamenten kaum noch vom Stuhl aufstehen konnte, beschwerdefreie Intervalle ohne Medikamente! – bis zu einem Jahr gebracht. Man kann nur hoffen, daß die gesetzlichen Krankenkassen unserer Republik diese Heilungsmöglichkeiten in ihren Erstattungsrahmen aufnehmen. Aber selbst wenn man auf eigene Kosten dorthin fährt, ist ein vierwöchiger Aufenthalt für die eigene Gesundheit nicht teurer, als der von den Bundesbürgern einmaljährlich wahrgenommene Ferienaufenhalt anderswo. – Vielleicht eine Möglichkeit zur in letzter Zeit immer häufiger beschworenen Eigeninitiative im gesundheitlichen Bereich. –

Was Israel sonst noch alles bietet, kann man in so kurzer Zeit kaum bewältigen: Die Festung Masada hoch über dem Westufer des Toten Meeres, an deren Ausgrabungsüberresten und sinnvollen Restaurierungsversuchen die Wellen der Geschichte, die über sie hinweggegangen sind, ablesbar werden – und es war eine Geschichte von Kriegen, Zerstörung und Wiederaufbau. Die kleine arabische Stadt Jericho, Kapernaum, weiter nördlich der See Genezareth, der immer noch 200 m unter dem Meeresspiegel liegt, im Jordan die Taufstelle, an der Johannes der Täufer Jesus Christus, den Stifter unserer christlichen Religionen, taufte, womit eine heute 2000 Jahre alte Religionsgeschichte des Abendlandes eingeleitet wurde. In Galiläa die Stadt Nazareth ... und immer wieder Jerusalem mit dem Ölberg, dem Garten Gethsemane, in dem Simon Petrus so liebenswert menschlich eingeschlafen war, als sich sein Herr ein Stück weiter bereits auf seinen göttlichen Weg vorbereitete, aber noch einmal bat, wenn möglich, den Kelch seines Kreuzweges an ihm vorübergehen zu lassen. Die Grabeskirche in Jerusalem, in der sich die Würdenträger der unterschiedlichsten christlichen Religionsgemeinschaften wie der Kopten, der Griechisch- und Russisch-Orthodoxen und der Armenier weihrauchschwenkend abwechseln, während man von draußen den Ruf des Muezzin vernimmt, der die Mohammedaner zum Gebet gen Mekka bittet.

Das Nebeneinander der unterschiedlichen Religionen, die alle von verschiedenen Seiten den gleichen Berg anzubeten scheinen, entspricht der Völkervielfalt des jüdischen Staates; amerikanische Juden, mitteleuropäische, osteuropäische, russische, armenische, arabische, abessinische, die in friedlichem Miteinander an der Zukunft ihres gelobten Landes bauen.

Was wäre Israel ohne seine Kibbuzim, diese Urgemeinschaften. Es sind Zusammenschlüsse in überschaubaren Einheiten, die die Belange des menschlichen Lebens in ihrer Gemeinschaft lösen, ohne sich nach außen abzukapseln. Im Gegenteil, ihre Produktivität macht es möglich, daß sie an andere abgeben und verkaufen, davon für sie Notwendiges erwerben und auf diese Weise nicht nur zu Oasen menschlicher Gemeinschaft, sondern auch zu recht komfortablen »Kleinstaaten« im Staat heranwachsen. Hier werden Urtugenden menschlichen Zusammenlebens kultiviert, die sich vor Augen zu führen – gerade für den Berufsstand der Heilpraktiker – sehr lehrreich sein kann. Es ist zunächst die Naturnähe, die Tatsache, daß eine kleine Gruppe von Menschen mit Hacke und Schaufel irgendwo in der Wüste beginnt – selbstverständlich mit Hilfe des großen Projekts der nationalen Wasserleitung – das Land urbar und fruchtbar zu machen, ohne daß hier die Siedlermentalität der rauchenden Colts aus dem amerikanischen Western entsteht. Keine Gemeinschaft der Eroberung, sondern der Brüderlichkeit und des friedlichen Aufbaus. Es ist eine Gemeinschaft, die die Grenzen ihres Kibbuz kennt, respektiert, aber auch verteidigt. Sie ist nur existenzfähig, wenn sie darauf achtet, daß allein Menschen in ihr leben, die der gemeinsamen Idee des Kibbuz dienen und nicht an erster Stelle fragen: »Was kann die Gemeinschaft für mich tun?«, sondern: »Was kann ich für die Gemeinschaft tun?«

Wer in solch einer Gemeinschaft mitleben möchte, wird zunächst nur zur Probe aufgenommen. Danach wird in demokratischer Form entschieden, ob das neue Mitglied ein sinnvolles in dieser Gemeinschaft sein kann oder nicht. Wenn man sich mit diesen Menschen unterhält, so fällt zunächst ihre Fröhlichkeit und Vitalität auf, ihre Ausstrahlung und Überzeugungskraft, daß der friedliche Aufbau keine Fronarbeit ist, sondern in begeisterter Freiwilligkeit für eine friedliche Zukunft geschieht. Nichts ist bei diesen Menschen zu spüren von dem, was uns in unserer Republik schon so sehr zu schaffen macht: das schlappe Sich-fallen-lassen ins soziale Netz, das falsche und unberechtigte Anspruchsdenken, das nicht mehr fragt, was kann ich für den Staat tun, sondern, was kann der Staat für mich tun – und was Shakespeares Hamlet mit der wohl passenden Sentenz belegt: »Das ist das Krebsgeschehn von zuviel Wohlergehn.« Wir können lernen aus dieser Gemeinschaft, insbesondere wir Heilpraktiker, die wir auch eine Gemeinschaft sein wollen, die sich am Aufbau eines vernünftigen Gesundheitsbewußtseins versucht. Wir sollten uns mit dem Ziel unserer Idee identifizieren, wie der Bogenschütze, wir sollten unsere Grenzen kennen, respektieren, auch verteidigen in Übereinstimmung mit unseren Möglichkeiten – und wir sollten auch eigentlich in unsere Gemeinschaft – wie im Kibbuz – nur Personen aufnehmen, die sich dieser Idee verpflichtet fühlen.

Sehr nachdenklich hat mich der Satz eines Kibbuzleiters gemacht, der sagte: »Ein oder zwei falsche Elemente können eine ganze Kibbuzgemeinschaft vergiften.« Ich dachte mir, man muß höllisch aufpassen, wenn man himmlischen Frieden haben will.

Shalom Ihr


Naturheilpraxis 11/1986