EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Theoretisch wäre es natürlich auch möglich, daß das Jahr in jedem anderen Monat zu Ende ginge und danach neu begänne. Es handelt sich ohnehin um eine immer wiederkehrende Folge von sich abwechselnden Jahreszeiten, kalendarisch nach Monaten, Wochen und Tagen und uhrzeitlich nach Stunden, Minuten und Sekunden eingeteilt, wobei die gesamte Einteilung erst sinnvoll wird durch das wie ein Perpetuum mobile Sich-Fortbewegen. Ja, vielleicht ist der Zeitablauf überhaupt das einzige Perpetuum.

Nichts ist so sehr Ausdruck des Lebendigen wie das sich Bewegende, das sich Entwickelnde. In keiner Zeit des Jahres aber scheint diese unaufhörliche Entwicklung so sparsam mit ihren Äußerungsformen umzugehen, die unserer sinnlichen Wahrnehmung diese Entwicklung signalisieren, wie im Winter.

Riechen wir im Frühjahr den betörenden Duft des Frühlingswindes und bestaunen das stürmische Aufbrechen der jungen Knospen, ist die Luft erfüllt vom Blütenstaub, der die Bienen lockt. Treibt die Hitze des Sommers das Reifen der Früchte voran, deren saftige Süße wir im Spätsommer genießen, wenn alles noch einmal durchfeuchtet wird, bevor die trockenen heftigen Herbststürme die Blätter von den Bäumen reißen und wir – wehmütig zurückblickend – durch das tiefe Laub schlurfen, so kommt dann im Winter die Kälte, die die Natur erstarren läßt, die die Entwicklung scheinbar anhält und alles mit einem weißen schweigenden Mantel zudeckt.

Auch im Weltbild der antiken klassischen chinesischen Medizin ist der Winter bestimmt von der Energie der Kälte, die sich in dem irdischen Element des Wassers materialisiert. Der Winter bedeutet Stagnation, Erstarrung, Tod. Im Bereich der seelischen Qualität wird die Angst assoziiert. Angst und Kälte haben beide die gleichen Äußerungsformen: nämlich das Zittern. So ist der Winter eine schwere Zeit für Patienten, denen ohnehin immer kalt ist und die sich in ganz besonderem Maße hüten müssen vor Krankheiten, die durch Kälte ausgelöst werden oder mit Kältegefühl verbunden sind.

Bei den Chinesen spielten die äußeren Faktoren eine wichtige Rolle in der Krankheitsfindung und -behandlung. Und sowohl die subjektiven Empfindungen des sich sorgfältig beobachtenden Patienten wie auch die Befunderhebung durch den Behandler auf dem Wege einfacher direkter Wahrnehmung waren wichtige Mosaiksteinchen im Gesamtbild des Krankheitsgeschehens. Es verwunderte nicht, daß der Ort subjektiven Krankheitsempfindens wie auch der Ort der »objektiven« Wahrnehmung der Krankheitssymptome übereinstimmten und als einer erkannt werden konnte, der den auslösenden äußeren Einflüssen besonders ausgesetzt war.

Für die Kälte gelten der Rücken wie die Füße als Prädilektionsstellen, und so werden auch die Meridiane von Rücken und Bein/Fuß außen mit der Kälte in Beziehung gesetzt und deren Punkte bevorzugt durch Kälte befallen.

Einerseits empfindet der Patient die Wirkung in Form von Kältegefühl oder Frösteln vorwiegend am Rücken und an den Füßen, andererseits werden diese Körperabschnitte auch im Sinne einer induktiv-synthetischen Betrachtungsweise als geeignete Orte für eine Reiztherapie bei Kältekrankheiten angesehen. Am Rücken und in den Füßen spürt man die Kälte zuerst, besonders im Bereich des Blasenmeridians. Volkstümliche Redewendungen belegen dies sehr bildhaft: »... es läuft einem kalt über den Rücken« oder »... da kann man sich kalte Füße holen«.

Kältekrankheiten haben allerdings im Bereich der bildhaften Assoziationen und Zuordnungen in der chinesischen Medizin-Philosophie eine reiche Verwandtschaft, und zu ihnen zählen nicht nur Krankheiten, die durch Kälteeinwirkung ausgelöst (wie Verkühlungen) oder solche, die durch Kälteeinwirkungen schlechter werden (wie Myalgien) oder die mit einem Kältegefühl einhergehen (wie Frösteln bei Grippe), sondern auch solche, deren Symptome dem Charakteristikum der Kälte ähnlich sind – wie z. B. die peripheren Durchblutungsstörungen.

Kälteeinwirkungen über ihre besonderen Reizorte Rücken und Füße haben in erster Linie Krankheiten der dem Element Wasser zugehörigen Organe Niere und Blase zur Folge, und die spontan als wohltuend empfundenen Maßnahmen an den bevorzugten Eindringstellen, wie ein warmes Fußbad oder eine Einreibung mit einer hyperämisierenden Salbe auf den Rücken, sind auch tatsächlich wirksame therapeutische Ansatzpunkte.

Auch die den Elementen Kälte und Wasser zugehörige Gefühlsqualität Angst kann einem »im Nacken sitzen«, und der frierend zusammengekauerte Mensch ähnelt in seiner Haltung einem angstvoll eingerollten Tier. Die Körperoberfläche wird verringert und bietet weniger Eindringmöglichkeiten für die Kälte, auch die Angst wird besänftigt in dieser kauernden Schutzhaltung. Man ist praktisch nur noch Rücken und Füße, und das sind eben die physiologischen Angriffsflächen für die pathobioklimatische Energie der Kälte.

Zum Funktionskreis der Niere gehört bei den Chinesen auch die Sexualität. Was heißt Frigidität im wahrsten Sinne des Wortes anderes, als eine auf Gefühlskälte beruhende sexuelle Störung, der wiederum die Angst zugrunde liegt.

Angst hat etwas Lähmendes und gehört in den großen Funktionskreis der Elemente Kälte – Wasser – Winter. Alles verlangsamt sich, alles kommt zum Ruhen, führt zum Stocken – im Tierreich z. T. zum Winterschlaf.

Tod und Erstarrung gehören in diese Jahreszeit, das Dunkle, die Farbe Schwarz und die Himmelsrichtung Norden. Der Geschmack des allgegenwärtigen Wassers ist salzig. Von den Körperschichten werden die festen – sozusagen erstarrten – Bestandteile assoziiert: nämlich die Knochen und die Zähne.

Und ganz entsprechend dem ruhenden, erstarrten Leben, das unseren Sinnesorganen so wenig Anregung gibt – keine schwelgende Blütenfülle, keinen betörenden Duft, keine Geschmacksdelikatesse einer süßen, saftigen Frucht – ist in der Stille des Winters das zum Funktionskreis gehörige Sinnesorgan das Ohr, das diese Stille belauscht und die spärlichen Unterbrechungen derselben durch das Knacken eines gefrorenen Zweiges oder das Einbrechen einer Eisschicht unter einem schweren Stiefeltritt registriert.

Der Winter ist die Zeit des zusammengekauerten Sich-nach-innen-Wendens, die Zeit des Kaminfeuers, das Kälte und Dunkelheit durchbrechen und das lange Warten verkürzen soll. Es ist die Zeit des künstlichen Lichts in warmen Stuben, die Zeit erwärmender Mahlzeiten und Getränke, die die Ungeduld auf den ersten warmen Frühlingswind betäuben mögen.

Der Winter – die große Zeit des  Wartens, von dem es in »I GING« heißt: »Wenn Du wahrhaftig bist, so hast Du Licht und Gelingen. Beharrlichkeit bringt Heil. Förderlich ist es, das Wasser zu durchqueren.« Und weiter: »Das Warten ist kein leeres Hoffen. Es hat die innere Gewißheit, sein Ziel zu erreichen.«

In diesem Sinne, verehrte Leserinnen und Leser, möchte ich Ihnen eine besinnliche und heilbringende Zeit wünschen.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 12/1986