EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

unsere Kinder sind Ausdruck unserer Hoffnung in die Zukunft und so alt die Welt ist, war es immer die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Unter »besser« verstand man wiederum, daß die Kinder es nicht so schwer haben sollten wie ihre Eltern: also weniger Arbeit und mehr Wohlstand.

Die heute heranwachsenden sogenannten Wohlstandskinder sind im allgemeinen sehr verwöhnt, und man muß ihnen aus der Einsicht in die Folgen heraus fast wünschen, daß sie es nicht allzu leicht haben, um für eventuelle Engpässe und schwere Situationen dieses Lebens besser gerüstet zu sein.

Auch im Bereich der allgemeinen medizinischen Versorgung ist es Usus geworden, Kindern einmal durch vorbeugende Impfungen oder beim Auftauchen von Infektionen durch unterdrückende Antibiotikatherapien das Durchleben von Krankheiten abzunehmen. Das Abwehrsystem wird überhaupt nicht trainiert. Die steigenden Umsatzzahlen von Penicillinsaft lassen berechtigte Zweifel an der beflissenen Aussage der Medizin aufkommen, sie bediene sich neuerdings vermehrt der Naturheilmittel in der Behandlung der Kinder. Hier hat die Naturheilkunde eine ihrer vornehmsten Aufgaben: die Kinder naturheilkundlich zu begleiten, damit sie ihr Abwehrsystem trainieren können, um mit eventuellen Schwierigkeiten gesundheitlicher Art als Erwachsene fertig werden zu können.

Naturheilkundliche Behandlung der Kinder heißt aber noch mehr als beim Erwachsenen, die vielfältigsten Bedingungen und Voraussetzungen zu verstehen, die aus dem Grundunterschied des jüngeren Lebensalters heraus – dem allgemeinen Kindsein – das zu behandelnde individuelle Geschehen herausschälen. Veranlagungen, Temperamente, Konstitutionen, Intelligenzgrad – auch evtl. kosmische und astrologische Einflüsse – gilt es in das Gesamtbild mit einzubeziehen, da für unsere kleinen Patienten Fehler in den frühkindlichen, bildnerischen Phasen schwerwiegende lebenslange Folgen haben können. Aber über das analytische Verständnis der Vorgänge beim Kind und seiner Entwicklung hinaus spielen sicher die Zuneigung, die Liebe und Obhut der naturheilkundlichen Behandlung eine große Rolle.

Auch die kleine Persönlichkeit will als Ganzes betrachtet werden. Zu welcher Grausamkeit die Detail-Reparatur-Medizin im Extremfalle führen kann, hat uns kürzlich erschüttert als ans Tageslicht kam, daß honduranische Adoptivkinder zum Ausschlachten von »Ersatzteilen« herhalten mußten. Ein schreckliches Beispiel dafür, wie das gierige Starren aufs materielle Detail über das, was man Irrsinniges tut, den Überblick verlieren läßt und auf eine perfide Weise den Respekt vor der Unverletzlichkeit des in Zusammenhänge eingebetteten Lebens.

Wir können uns gar nicht oft genug klar machen, welches Wunder hinter der Menschwerdung steht und welche Fülle zum Teil auch sicher schockierender Erstbegegnungen mit der Umwelt die Entwicklung des heranwachsenden Lebens prägen. Es beginnt mit der revolutionierenden Umstellung des kindlichen Organismus von der Beatmung durch die Mutter über den Blut vermittelnden Gasaustausch zur Eigenatmung des Neugeborenen. Das warme Bad des Säuglings als ein zunächst täglich wiederholtes zeitweiliges Zurückversetzen in den physiologischen Storchenteich, in die Geborgenheit des warmen Mutterleibes, wird eine willkommene Dämpfung der schrillen Begrüßung auf dieser Erde sein. Das sprichwörtliche »Einsaugen mit der Muttermilch« ist sicher ein wichtiges Rüstzeug für die gesundheitliche Stabilität im späteren Leben. Schon hier bilden sich differenzierte Trinktemperamente heraus, die in der Erziehung und auch gesundheitsbegleitenden naturheilkundlichen Behandlung beachtet werden wollen. Naturheilkunde ist hier auch sicher in erster Linie das Gespräch mit den Eltern, die gemeinsame Sorge und Obhut für das Neugeborene. Von großer Wichtigkeit ist eine stets beobachtende Sorgfalt, was das individuelle Gedeihen anbetrifft, besonders in bezug auf die Entwicklungsstufen des Sprechen- und Laufenlernens. Erste Geschlechtsunterschiede zeigen sich: Die Jungen brauchen im allgemeinen länger als die Mädchen. Abgesehen von den infektiösen Kinderkrankheiten ist zweifellos das Krankheitsgeschehen beim Kind noch stärker von der seelischen Verfassung abhängig als beim Erwachsenen. Es braucht eben ständig den Schutz und die Obhut der Eltern.

Deshalb wollen Probleme zur Zeit des Schulanfangs auch richtig gedeutet werden, wenn das Kind sich in eine zweite Welt der Unter- und Einordnung neben die bisher unbestrittene Einflußsphäre des Elternhauses begibt. Wie oft werden aus pädagogischer Verlegenheit heraus unvernünftige Suggestionen auf das Kind übertragen, hinter denen Drohungen stehen und Gefahren zu lauern scheinen. Nicht selten tauchen zu Beginn der Schule Schwierigkeiten auf, weil die aus Erfahrungen und Zweckmäßigkeitserwägungen eingerichteten unterschiedlichen Schulfächer als eine Grenzziehung im Bereich der Kinderseele empfunden werden. Zu früh kommen vielleicht im ersten Schuljahr schon die Benotungen, und wenn sie ungenügend sind, werden sie eine große Barriere darstellen, in den schlecht benoteten Fächern jemals besonders fähig zu werden. Man darf die Differenziertheit der Entwicklungen eines Kindes nie aus dem Auge lassen, z. B. die zeitliche Dissoziierung des Sprachverständnisses und des Sprechenkönnens, wobei letzteres stets später kommt. Welch einen ungeheuren Entwicklungskomplex die Ausdrucksform Sprache darstellt – in Sprechen, Verstehen, Schrift und Lesesprache. Eine merkwürdige Entwicklung begegnet uns zunehmend: Kinder können trotz bestem Willen nicht flüssig oder sauber schreiben, höchstens für kurze Zeit. Andererseits darf man als Behandler bei der Einschätzung eines Schulkindes nicht außer acht lassen, daß es dort hauptsächlich nach seiner intellektuellen Leistung eingestuft wird, in gute, mittlere und schlechte Schüler. Wir lernen aber eigentlich nicht für die Schule, sondern für das Leben. Wie oft haben sich schon mittelmäßige oder schlechtere Schüler glänzend entwickelt, wenn sie allerdings auch sonst das Zeug zu einer in sich gefestigten Persönlichkeit haben.

Später wollen die Reifungskrisen begriffen und richtig eingeordnet werden: Der an sich robuste Junge wird zeitweise still, verträumt, den Tränen nahe oder bockt plötzlich und zieht sich mimosenhaft in sich selbst zurück. Die liebevolle Puppenmutter wird über Nacht jähzornig und unleidlich. In dieser Reifungsphase bilden sich merkwürdig gleichgeschlechtliche Neigungen zwiespältig schillernder Art heraus – schwärmerische Mädchenfreundschaften unter sich, entsprechend überhitzte Knabenfreundschaften. Die Mädchen schwärmen für eine Lehrerin, die Knaben für einen Sporthelden. Es kann auch die Zeit kleiner unbegründeter Diebstähle aus reiner Freude am Stehlen auftreten, das Auskosten der Spannung, die in der Möglichkeit liegt, ertappt zu werden. Man begegnet dem Schwindeln und Aufschneiden als Produkt lebhafter Tätigkeit der Sekundärphantasie. Diese Erscheinungen alle wollen nicht überdramatisiert, sondern verständnisvoll in normale Entwicklungsbahnen zurückgeführt und durch Einsicht und Intelligenz überwunden werden.

Am Eingang der weiblichen Reife steht eine Veränderung der Daseinswelt unter dem Zeichen des Blutes, dem Symbol schmerzhafter Verletzung – wie des Lebens überhaupt. Auch dieses will sensibel verstanden und noch sensibler verständlich gemacht werden. Die Stürme der Pubertät wühlen gleichsam die Brandung der Seele auf. Diese psychische Unruhe bringt nicht selten besondere künstlerische Fähigkeiten hervor. Die Erwachsenen haben Berührungsängste mit dieser Entwicklungsphase, obgleich sie sicher eine unserer wichtigsten ist. Das zeigt sich in der verklärten Erinnerung des älteren Durchschnittsmenschen an den Gefühlsüberschwang seiner Jugendzeit und läßt viele ältere Menschen mit einer gewissen Sehnsucht an die Zeiten ihrer erhöhten psychischen Ansprechbarkeit und Aktivität zurückdenken.

Allzu leicht verlernen wir als »vernünftige Erwachsene« die positiven Beigaben einer jugendlich aufgewühlten Naturschwärmerei und Frömmigkeit, nämlich unsere Offenheit. Goethe hat es so ausgedrückt: »Ein unbegreiflich holdes Sehnen / trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn, / und unter tausend heißen Tränen / fühlt ich mir eine Welt entstehn“.

Nicht weniger gern allerdings hat der alte Goethe die nächste Entwicklungsstufe beschrieben, wenn aus dem Backfisch das junge Mädchen geworden ist. Es ist von unzähligen Malern konterfeit, von Bildhauern wieder und wieder herausgemeißelt worden – das junge Mädchen, das wir alle nicht ohne einen romantischen Anflug mit der angelsächsischen Bezeichnung »sweet seventeen« belegen.

Dann allerdings ist es fast geschafft, dann soll das Leben beginnen, für das die ungeheuer diffizilen bildnerischen Phasen der Kindheit rüsten wollen. Nicht Pillen für kranke Kinder, ist die Devise, sondern verständnisvolle Sorgfalt für eine geistige, seelische und körperlich gesunde Entwicklung in der Obhut der Naturheilkunde.


Naturheilpraxis 02/1987