EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die vor ein bis zwei Jahrzehnten überaus kühnen Prognostiker sind etwas kleinlaut geworden. Bis 1990, spätestens aber bis zur Jahrtausendwende, wollte man die Krebssterblichkeit auf die Hälfte heruntergedrückt haben. Nun ist es ja noch ein paar Jährchen hin, aber dennoch ist es schwer vorstellbar, daß die in den letzten Jahren – auch bevölkerungsstatistisch bereinigte – überaus deutlich steigende Zahl der Krebssterblichkeit sich so quasi aus dem Stand heraus in die sehnlichst erwartete gegensätzliche Tendenz umkehrt. Völlig ausgeschlossen erscheint – davon darf man ausgehen, ohne in den Geruch leichtfertiger Prophetie zu geraten –, daß das Ziel einer Halbierung in einem überschaubaren Zeitraum auch nur annähernd erreicht werden könnte.

Viele, viele Milliarden hat man verforscht – fast will sich hier der Freudsche Verschreiber „verpfuscht“ einschleichen –, ohne daß dieser – wie in der einschlägigen Presse immer wieder bildhaft benamten – „Geißel der Menschheit“ der Schrecken genommen werden konnte. Wenn überhaupt, dann in dem perversen Sinne, daß die Krebskrankheit in allen Veröffentlichungsmedien mehr oder weniger unpassend dermaßen verarbeitet wird, daß sie in aller Munde ist und durch ihre Allgegenwärtigkeit im täglichen Leben so etwas wie eine zwangsläufig geduldete Normalität bekommt. Ständig hört man davon: Der hat Krebs – jener hat Krebs – immer mehr haben Krebs – jeder kann Krebs bekommen: Wen wundert's, wenn er schließlich selbst Krebs bekommt. Auf diese ganz andere bedauerlich perverse Weise hat der Krebs seinen Schrecken ein wenig verloren: Man muß damit rechnen, daß man ihn auch bekommt.

Der Zeiger auf der Verhaltensskala der Menschen gegenüber diesem allgegenwärtigen Phänomen Krebs hat einen großen Ausschlag und bestreicht alle auf dieser Skala verzeichneten Möglichkeiten. Die Reaktionen reichen von der Hypochondrie bis zur sträflichen Gleichgültigkeit, von der quälenden Angst bis zur Schicksalsgläubigkeit, von der rationellen, emotionslosen Genauigkeit der Lebensführung bis zur rein gefühlsmäßig allzu menschlichen Inkonsequenz. Man begegnet allen Schattierungen von Reaktionsmöglichkeiten gegenüber diesem Phänomen, am seltensten aber der natürlichen, normalen, ganzheitlichen.

Es gibt weder eine intellektuelle, eine psychische, eine stoffliche noch irgendeine andere Detailmöglichkeit zur Überwindung des Krebsgeschehens. Krebs ist eine lebendige Erscheinung – untrennbar mit dem lebendigen Entwicklungsprozeß verbunden – der mit eben der Konsequenz das Leben überwindet. Und gleichermaßen muß der Krebs durch das Leben überwunden werden. Das hört sich nun zunächst einmal so einfach an, aber die Befolgung dieses Patentrezeptes ist es ja, gerade, was uns Sterblichen so schwerfällt.

Wenn man heute eine der ärztlichen Tages- oder Wochenzeitungen aufschlägt, so befassen sich bis zu zehn Artikel mit dem Thema Krebs und meist – weil als solche gesehen – mit Detailproblemen. Manche sind von schonungsloser Offenheit (»Nachbestrahlte Patienten leben auch nicht länger!«), andere versuchen zum Beispiel der Chemotherapie noch etwas Gutes abzugewinnen (»Bei einem Fünftel aller Behandelten erfolgreich«), was liebenswert umschrieben so viel heißt wie: »bei vier Fünfteln erfolglos«.

Fast sensationell mutet das Ergebnis einer Studie an, daß sich bei einer bestimmten Krebsart der Überlebenszeitraum bei biologisch und alternativ behandelten sowie auch bei unbehandelten Patienten gegenüber konventionell therapierten verlängert. Hier und da schleicht sich schüchtern auch ein wissenschaftlicher Beweis ein, daß ein in der Naturheilkunde bewährtes Pflänzchen tatsächlich die Abwehrkräfte auch im »Experiment« steigert (»Mistel macht Killerzellen scharf«).

Wichtig wäre bei aller verständlichen Detailvielfalt immer wieder der Versuch einer Zusammenschau – und sei es als praktikable Arbeitshypothese –, die sich an den Prinzipien des Lebendigen ausrichten ließe. Es wird Zeit, daß man endgültig die Hypothese fallen läßt, Krebs sei eine lokale Erkrankung, woraus folgen würde, daß man das Diagnostizieren einer Neoplasie mit bereits 1010 Zellen nicht mehr mit dem fälschlicherweise tröstlichen Begriff »Früherkennung« belegen dürfte. Biologisch gesehen handelt es sich hier glatt um eine Zuspäterkennung!

Gerade deshalb, weil viele Detailprobleme im Krebsgeschehen noch ungeklärt sind, muß dieses in die Gesamtzusammenhänge lebendigen Geschehens eingebettet werden. Das Ziel erfolgreicher Therapie fest im Blick müssen wir versuchen, den Krebs – und sei es nur als Arbeitshypothese – nach den Prinzipien des Lebendigen erklärbar oder zumindest vorstellbar zu machen. Die sich schließlich und endlich im Zellgeschehen manifestierende Entgleisung hat ohne Frage eine lange Vorlaufzeit und ist abhängig von eben diesen vielfältigen Faktoren, wie das Leben selbst: nämlich von den genetischen Voraussetzungen, dem hormonellen und neurovegetativen Geschehen, dem Immunsystem – und das Ganze eingebettet in die Lebensumstände des jeweiligen Menschen in bezug auf Ernährung und Umwelt.

Auch wenn die biologische Therapie noch keine konzeptionell einheitliche ist, weil bisher so vieles ungeklärt bleiben mußte, zielen doch die unterschiedlichen biologisch-therapeutischen Maßnahmen in jedem Falle darauf ab, die Fähigkeit des Kranken zu stärken, durch körpereigene Faktoren Wachstum und Ausbreitung des Krankheitsgeschehens auf dem Wege der Bioregulation zu hemmen oder aber die Malignität zu verändern. Die biologische Krebstherapie kennt eine Reihe empirisch bewährter Maßnahmen, die sich offensichtlich sehr günstig auf die Wechselwirkung der Tumorzellen untereinander wie auch zwischen Tumor und Wirt auswirken können. Langsam wird es auch dem verstocktesten Onkologen mulmig, und es beginnt sich doch zumindest eine »Trias« biotherapeutischer Maßnahmen, nämlich die Immun-, Ernährungs- und Psychotherapie auch bei ihnen einzuschleichen.

Von der oft verspotteten Mistel weiß man, daß sie das Thymuswachstum Gesunder fördert und die Rückbildung dieser Drüse bei Krebserkrankten vermindert, auch daß sie zytostatische und gleichzeitig immunstimulierende Eigenschaften in sich vereint. Die ähnlich wirkenden Organtherapeutika besitzen neben dieser unspezifischen Immunmodulation zusätzlich noch selektiv wachstumshemmende und differenzierende Eigenschaften. Als Begleittherapie bei oftmals unumgänglicher zytostatischer Behandlung nehmen sie dieser ihren aggressiven Charakter. Die Indikationen biologischer Immuntherapie wären also: die Milderung der Nebenwirkungen der klassischen Krebstherapie und ganz besonders die Prophylaxe gegen Metastasen und Rezidive – wie überhaupt die Prophylaxe im noch gesunden Zustand.

Das Problem der Ernährung wird im Zusammenhang mit dem Krebsgeschehen noch zu wenig beachtet. Abgesehen von einzelnen Nahrungsfaktoren wie z. B. Nitraten und Nitriten, die im sauren Milieu zusammen mit Aminen und Amiden die krebserregenden Nitrosamine und Nitrosamide entstehen lassen, ist sicher jede Ernährung, die den Stoffwechsel und somit das Abwehrsystem belastet, ein zusätzlicher Negativfaktor im Krebsgeschehen. Eine rechtzeitige und ausreichende Entgiftung über den Darm ist von großer Bedeutung. Wer zum Beispiel mehr Fett verzehrt, wird auch mehr fettlösliche Karzinogene aufnehmen und zusätzlich bestimmte Hormone produzieren, die letztendlich auch wieder einen immunsuppressiven Effekt haben.

Die dritte Säule der Trias biologischer Krebstherapiemaßnahmen ist sicher die Psychotherapie. In Verbindung mit bestimmten Persönlichkeitsstrukturen können akute psychische Belastungen die Krebsabwehr herabsetzen. Mehrere Studien haben übereinstimmend herausgefunden, daß Depression und Hoffnungslosigkeit der Nährboden sind, auf dem später ein Karzinom gedeihen kann. Wen wundert es noch, daß in unserer Zeit des schwunghaften Handels mit Antidepressiva und Psychopharmaka auch die evtl. korrespondierende Erscheinung maligner Erkrankungen weiter um sich greift. Man darf wohl annehmen, daß die medikamentös zur Gleichgültigkeit heruntertherapierte Hoffnungslosigkeit und die tiefsitzenden Ohnmachtsgefühle sicher das Krebsgeschwür unserer Zeit sind. Jeder Mensch braucht zum Leben eine Perspektive und die Chance, sich darin zu verwirklichen. Die Planung, auch die zuweilen vielleicht harte Arbeit an ihrer Verwirklichung und die Erfolgsfeier, wenn es gelungen ist, gehören untrennbar zu unserer lebendigen Existenz. Dieses so gelebte sinnerfüllte Leben ist die Überlebensstrategie schlechthin und somit auch die einzige Therapie, den Krebs zu überwinden.

Und weil heute alles erforscht ist, auch dieses ist es: Als Positivfaktoren gegen Krebs erwiesen sich die Möglichkeiten »Wirkenkönnen« und »Ertragenkönnen«. Dahinter verbergen sich einmal die Möglichkeit der kreativen Entfaltung und das andere Mal eben unverkennbar der metaphysische Aspekt unserer Existenz, das Ertragenkönnen im Sinne von Respekt, Demut und Geduld gegenüber Entwicklungen, die nach einem höheren Gesetz ablaufen. Und wenn »Wirken- und Ertragenkönnen« nicht mehr die Eckpfeiler unserer menschlichen Existenz sein können, müssen wir ernsthaft fürchten, daß uns das erwiesenermaßen krebsfördernde Agens des »Verlusterlebnisses« eines Tages noch in viel größere Schwierigkeiten bringt.

Wie gesagt, das maligne Zellgeschehen hat eine lange Vorlaufzeit, und die sog. Früherkennung ist eine Zuspäterkennung.


Naturheilpraxis 03/1987