EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der »Deutsche Heilpraktikertag« geht sozusagen in die zweite Runde, nachdem er die erste äußerst erfolgreich absolviert hat. Der Deutsche Heilpraktikertag war eine Schöpfung der drei Verbände der Kooperation, die zugunsten dieses großen Heilpraktikertages auf ihre einzelnen Bundeskongresse verzichteten.

1984 Düsseldorf

1984 fand der erste Deutsche Heilpraktikertag in Düsseldorf unter dem Motto »Volks- und Naturheilkunde, zeitlos, zeitgemäß« statt. Hier standen im Mittelpunkt die zeitlosen Wahrheiten der volks- und naturheilkundlichen Diagnose- und Therapiemethoden, die die Heilpraktiker dem Heilschatz unseres Volkes erhalten haben und die nach wie vor im Zentrum heilpraktikerischer Bemühungen stehen. Gleichzeitig wurde davor gewarnt, daß mit einer Vermarktungs- und Modewelle in der Naturheilkunde deren Grundwahrheiten und Tugenden zu kurz kommen könnten.

1985 Karlsruhe

1985 in Karlsruhe stand der von seiner Größe und Prächtigkeit beeindruckende Deutsche Heilpraktikertag unter dem Motto »Der Heilpraktiker im Gesundheitswesen«. Gegenüber Politik und Öffentlichkeit ist der Standort der Heilpraktiker in unserem Gesundheitswesen verdeutlicht worden. Außerhalb der ärztlichen Versorgung mit dem gesetzlichen Krankenkassensystem ist der Heilpraktiker ein unverzichtbarer Bestandteil der individuellen Gesundheitsversorgung, der auf diese Weise die individuellen Bedürfnislücken schließt, die das System zwangsläufig läßt. Es gab einen klaren Hinweis auf die allgemeine Kostenersparnis durch Heilpraktiker, weil die naturheilkundlichen Therapien 1. im allgemeinen preisgünstiger sind und 2. auch das sogenannte Non-Compliance-Problem – nämlich die Nichteinnahme ärztlich verordneter  Medikamente und deren Weg in die Mülleimer im Wert von jährlich zwei Milliarden Mark – bei den naturheilkundlichen Behandlungen so gut wie keine Rolle spielt. Es gab außerdem eine klare Aussage an den Machtanspruch des wissenschaftlichen Dogmas, über die sogenannte Wissenschaftlichkeitsklausel offiziell Front gegen verschiedene naturheilkundliche Therapien zu machen und diese mit dem Markenzeichen »wissenschaftlich nicht anerkannt« zu diskriminieren.

1986 Hannover

Im vorigen Jahr, 1986, war der Heilpraktikertag in Hannover wiederum eine wirkungsvolle Großveranstaltung. Er stand unter dem Motto »Naturheilkunde in der Diskussion«. Das Thema spiegelt eine Entwicklung ab, die auch heute noch nicht beendet ist: Naturheilkunde ist in aller Munde. Besonders die, die sie gerade neu entdecken, beanspruchen sie absurderweise zunächst einmal für sich allein. Woher sie das Recht wohl nehmen, war die Frage, die die deutschen Heilpraktiker bewegte, die schließlich die naturheilkundlichen Diagnose- und Therapieverfahren fleißig und treu über die Zeit der – aus einem arroganten wissenschaftlichen Machbarkeitswahn heraus stammenden – Ablehnung wie selbstverständlich in unsere Zeit herübergerettet haben. Was sich heute allerdings so unter dem Stichwort »Natur« tummelt, läßt fürchten, daß die Stimmung eines Tages wieder ins Gegenteil umschlägt und daß es aus Überdruß, Verwirrung und Unverstand zu einer neuen Ablehnung kommt. Der Standpunkt des Heilpraktikers bleibt nach wie vor fest: Er muß weiter die Naturheilkunde vor dem unberechtigten Anspruchsdenken schützen, das die wissenschaftliche Medizin gezüchtet hat, und gleichzeitig eines Tages, falls die Situation umkippt, das Banner der Naturheilkunde hochhalten.

1987 Düsseldorf

In diesem Jahr steht der Heilpraktikertag in Düsseldorf unter dem Motto »Heile Natur heilt«. Und hier ist nicht nur angesprochen, daß durch die Umweltvergiftung die pflanzlichen Arzneistoffe geschädig werden könnten (noch gibt es Anbaugebiete, die relativ unbedenklich sind), sondern hier geht es in erster Linie darum, daß wir das Verständnis für die Natur selbst vertiefen. Heilung im natürlichen Sinne ist immer Selbstheilung. Die Natur hat von Beginn ihrer Entwicklung an immer Ungleichgewichtigkeiten selbst ausgeheilt, aber nur unter der Voraussetzung, daß diese in gewissen Grenzen blieben. Diese Grenzen müssen wir verstehen lernen, und es ist unsere Aufgabe als Heilpraktiker, dafür auch bei unseren Patienten und der Öffentlichkeit Verständnis zu wecken. Werden die Amplituden der sich aufschwingenden Ungleichgewichtigkeitskurven zu groß, so nehmen wir der Natur die Möglichkeit, sich selbst auszuheilen. Geraten unsere lebendigen Systeme in Instabilität, so verlieren wir den Einfluß auf die Entwicklung. Auf Instabilität reagiert nämlich ein lebendiges System entweder mit dem Zusammenbruch, sprich dem Tod, oder glücklichstenfalls mit einem Evolutionssprung, über dessen Wert und Richtung allerdings keine Aussage getroffen werden kann.

Wir sollten in unserem eigenen Interesse die Grenze erkennen und respektieren, wo die Natur noch so heil ist, damit wir ihre Selbstheilungsprozesse als Gattung miterleben.

Es bleibt dabei: Die uralten Prämissen aller Naturheilkunde aus den verschiedenen Kulturen gewinnen eine zwingende Aktualität. Die Natur ist kein Experimentierfeld, sondern eine Leihgabe der Schöpfung. Nicht zu verwechseln mit unserer verrotteten Leasingmoral: Wenn man etwas kaputt gemacht hat, gibt man es einfach zurück. Es ist höchste Zeit, daß wir auf dieses verheerende Missverständnis deutlich aufmerksam machen und daß wir als Heilpraktiker und Naturheilkundler unsere hilfreiche Hand anbieten. Schließlich ist Naturheilkunde nicht nur eine Krankheits- und Gesundheitslehre, sondern eine Lebenskunde. Dem Heilpraktikertag in Düsseldorf am 23./24. Mai sind eine lebendige Diskussion, ein guter Geist und eine starke Ausstrahlung zu wünschen.


Naturheilpraxis 05/1987