EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Dagegen bin ich völlig immun!« – Ein Satz, den man heutzutage auch außerhalb des Medizinbetriebs im Bereich der Alltags- und Umgangssprache nicht selten zu hören bekommt. Wer ihn gebraucht, will damit ausdrücken, daß ihn irgendetwas überhaupt nicht berührt, daß es ihn gar nicht erreichen kann und an ihm abläuft, wie Wasser an einem gut eingeölten Wanderschuh abperlt.

Dahinter könnte eine geistig-charakterliche Einstellung stehen, die Objektivität bis zur Gefühlskälte signalisiert und die sich als Person abseits und außerhalb sieht und sozusagen mit allem, was sie umgibt, nichts zu tun hat. Es könnte sich um eine Person handeln, die wenn es erlaubt sein mag, dieses Bild zu gebrauchen, die Rotläden heruntergelassen hat. Nun heißt »immun« zwar im wörtlichen Sinne »gefeit«, aber dieses Gefeitsein ist das Ergebnis einer zunächst bestehenden Reaktionsbereitschaft und der spezifischen Auseinandersetzung mit dem, was einem begegnet. Keineswegs ist also mit der Immunität gemeint, daß einen sowieso alles  nichts mehr angeht und man sich gar nicht erst auseinandersetzen müßte. Ganz im Gegenteil – das spezifische Sichauseinandersetzen mit dem, was einem begegnet, ist von hoher Intensität und bestimmt von der Vorbedingung des Selektierenkönnens.

Die Kunst des Auswählens, was für uns und unsere Entwicklung nötig und nützlich sein kann, was schädlich, ist zweifellos eine der Grundvoraussetzungen für den Fortbestand alles Lebendigen, das durch Lernprozesse zur Anpassung an wechselnde Umstände erhalten wird. In den natürlichen Zusammenhängen des Lebens auf dieser Welt wird diese Fähigkeit erworben. Sie ist gerade das Ergebnis dieses Lernprozesses, der untrennbar mit dem Leben verbunden ist. Oder, wenn man so will, ist die gesunde Immunität als Voraussetzung des Lebens sogar mit diesem identisch.

Der Weg zum Erwerben einer naturgewollten Immunität ist der, den man in der Medizin mit dem Begriff der aktiven Immunisierung belegt, d. h. also: man lernt durch die Begegnung mit Freund und Feind, diese zu unterscheiden und gegen »Feinde« gefeit zu werden. Der Weg der passiven Immunisierung – medizinisch also die Therapie der Substitution mit Antikörpern gegen die Antigene – ist, so segensreich er auch manchmal sein kann, schon kein rein natürlicher Vorgang mehr, was wiederum nicht bedeuten muß, daß eine vorübergehende Substitution nicht auch ein Impuls für die Reparatur eines erkrankten Immunsystems und somit eine biologische Therapie sein kann.

Auch im Bereich des allgemeinmenschlichen Lebens können Freunde, die wir haben, helfen, uns gegen »Feinde« zu schützen. Das entbindet uns aber nicht von der Aufgabe, uns auch geistig-seelisch mit dem Gegner auseinanderzusetzen, um die Schwierigkeiten, die er mit sich bringt, zu überwinden, zu adaptieren oder aber sogar von ihm hinzuzulernen.

Es ist allerdings kein Geheimnis, daß heutzutage sowohl unsere Abwehrsysteme, wie auch unsere geistig-seelische Situation auf vielfältige Weise störanfällig geworden sind. Wir sehen uns einem bedrohlichen Anstieg der Allergien gegenüber – also einem Überschießen unserer Abwehrreaktion. Andererseits gibt es viele Menschen, deren Abwehr total darniederliegt. Im ersteren Falle weiß die Medizin sich nicht anders zu helfen, als mit massiven Immunsuppressiva zu arbeiten, Im zweiten Falle, der lange Zeit geleugnet wurde, glaubt man zunehmend in einer  blinden Immunstimulation das Mittel der Wahl gefunden zu haben. Beide therapeutischen Ansatzpunkte – wie könnte es anders sein – treffen nicht ins Schwarze.

Der Naturheilkundler wundert sich nicht: Ist doch der Mensch ein Ganzes und will in seiner geistig-seelisch-körperlichen Trinität und in der Integrität seiner Persönlichkeit gesehen werden – zudem, abseits jedes summarischen Geschehens, als Individuum. Andererseits heißt das aber nicht, daß er einzig und allein losgelöst aus den Gesamtzusammenhängen begriffen werden kann. Und hier liegt, glaube ich, eines der Grundproblem unserer entgleisten Immunität und Identität. Wir haben uns außerhalb gestellt – »objektiviert« wie es aus einem verheerenden wissenschaftlichen Mißverständnis heraus genannt wird. Wir empfinden uns nicht mehr als – unverwechselbaren zwar – aber immerhin Teil des Ganzen. Das Gefühl des Integriertseins in die natürlichen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge würde uns viel eher ein gesundes Empfinden verleihen für das, was wir eigentlich sind und was für uns gut oder nicht gut wäre. Dieses Phänomen aber wäre ja gerade die von einer gesunden Immunität zu erwartende Leistung.

Stattdessen haben wir die Welt in »Ich« und »Außer-Ich« eingeteilt, können unser eigenes Ich nur anhand des Gegenübers definieren, was ein Widerspruch zu dem Begriff »Selbstbewußtsein« ist, welches wir gar nicht aus uns selbst heraus speisen, sondern das durch die Orientierung am Gegenüber und durch die Abhängigkeit von demselben äußerst fragil geworden ist. Das Ergebnis davon zeigt sich oft in einem ständigen Rechtfertigungsbedürfnis als Folge einer Überempfindlichkeit – sprich Allergie – gegenüber allem, was uns begegnet.

Wen nimmt es wunder, daß konsequenterweise parallel zur geistig-seelischen Allergisierung und einer mangelnden psychischen Immunität und Integrität eine Entgleisung auch der körperlichen Immunvorgänge einhergeht?

Es ist schwer vorstellbar, daß die Natur jemals lockerlassen wird, uns daran zu gemahnen, daß wir Teil von ihr sind. Macht einer im seelischen Bereich »die Schotten dicht«, müssen dennoch seine Schleimhäute sich evtl. mit allergischen Reaktionen auf Pollen oder den berühmten Hausstaub herumschlagen. Wir sind eben nicht so einfach.

Das Unbehagen kriecht längst auch schon den wissenschaftlich orientierten Medizinern unter die Haut, daß die Probleme weder im körperlichen Bereich mit Immundepressiva noch im geistig-seelischen Bereich mit Antidepressiva und Tranquilizer nachhaltig beherrscht werden können.

Hier wie überall tut naturheilkundliche Rückbesinnung not. Eine Therapie der biologischen Identität, die ihre Lehren aus den Gesamtzusammenhängen zieht, würde uns einmal gesünder und natürlicher als Teil des Ganzen leben lassen und uns selbst auch eine etwas höhere Stufe von Synergie bescheren, so daß unsere Bedürfnisse als Menschen wieder ein wenig mehr dem Ganzen, dessen unverwechselbarer Teil wir sind, dienen würden.

Herzlichst


Naturheilpraxis 07/1987