EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in letzter Zeit kann man ein vermehrtes Erscheinen von Büchern auf dem Markt beobachten, die sich mit der Medizin und dem Verhalten der deutschen Ärzteschaft im Dritten Reich auseinandersetzen. Empfehlenswert unter diesen ist sicher der Titel »Ärzte im Nationalsozialismus« von Fridolf Kudlien, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch. In diesem Bereich ist eine Auseinandersetzung im Gang, die in ihren Extremen einmal gekennzeichnet ist von bis in die Bösartigkeit reichenden Pauschalvorwürfen an den gesamten Ärztestand, andererseits allerdings bedauerlicherweise auch von Verteidigungs- und Rechtfertigungserwiderungen mit ebenso pauschal abwimmelndem Charakter und sträflich leichtfertigen Verharmlosungen der immerhin geschehenen Ungeheuerlichkeiten, so daß dabei hin und wieder der Beigeschmack eines späten Sympathisantentums mit dem über 1000 Jahre beabsichtigten Deutschtum herauszuspüren ist.

Ich meine, zwei Dinge tun not: einmal Sachlichkeit, zum anderen aber ebenso Scham. Im Bereich des Selektierens auf der Rampe der medizinischen Menschenexperimente, im Vernichtungsvollzug einer Ideologie vom unwerten Leben sowie im Bereich einer von blindem Rassenwahn bis zur Endlösung vorangetriebenen Unvorstellbarkeit – in diesen Bereichen sind Zahlenspiele nicht nur peinlich, sondern blasphemisch. Da heißt es, daß von immerhin 80 000 Ärzten des Dritten Reiches lediglich ca. 400 in die allerschwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwickelt waren. Abgesehen davon, daß das immer noch zu viele sind, sollte man auch die nicht vergessen, die Zubringerdienste geleistet, die geduldet haben, was bei einem Beruf, der ethischen Grundsätze verpflichtet ist und den Hippokrates-Eid geschworen hat, schon ganz anders ins Gewicht fällt als z. B. bei einem gehorsamen mittleren oder niederen Staatsbeamten.

Wenn in diesem Zusammenhang Zahlen angebracht sind, dann sicher die Millionen der Opfer. In der weltweit verbreiteten englischen Medizinzeitschrift »The Lancet«, die sich unbestritten zu den qualitativ besten Blättern dieser Welt zählen darf, ist vor knapp einem Jahr ein Artikel erschienen, der sich so übersetzen läßt: »Vom Nazi-Holocaust zum nuklearen Holocaust: Eine Lektion zum Lernen.« Der Autor, interessanterweise ein deutscher Arzt, wirft seinem Berufsstand in Deutschland vor, daß er – wie damals – nicht genügend tue gegen die atomare Aufrüstung, die eventuell erneut zu einem Holocaust führen kann. Seine Vorwürfe sind zweifellos pauschal und zudem oberflächlich, auch was die Vergangenheit anbetrifft, nicht ganz sauber in der Sache. Er mahnt die Ärzteschaft, sich nicht schon wieder wie damals im Dritten Reich zu schnell systemimmanent mit politischen Entwicklungen zu zeigen, besonders eben was die atomare Rüstung betrifft.

Im April 1987 schließlich, also erst ein dreiviertel Jahr nach Erscheinen der Vorwürfe in »The Lancet«, nahm der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Karsten Vilmar, im Deutschen Ärzteblatt dazu Stellung. Das sicher zu Recht, aber der lange Zeitraum bis zur Erwiderung mag zeigen, welche schwierigen und gründlichen Überlegungen nicht nur sachlicher, sondern eben auch politischer Art nötig waren, um klar vorgetragene Bedenken zu zerstreuen oder doch zumindest zu relativieren. Vilmars wohlüberlegte Stellungnahme trägt – ihrem Inhalt Und ihrer Sinngebung entsprechend – als Überschrift eine Beschwörungsformel: »Die Vergangenheitsbewältigung darf nicht kollektiv die Ärzte diffamieren.« An wen sich diese Beschwörung richtet, soll hier nicht untersucht werden. Wenn allerdings ein so mächtiger Berufsstand wie die deutschen Ärzte diese ausstößt, dann dürfte sie auch in unserem demokratischen Staatswesen nicht ungehört bleiben und vermutlich in Erfüllung gehen.

Mag diesem Thema also mit dem bereits Erörterten Genüge getan sein. Nicht ohne aber festzustellen, daß es einen Berufsstand in Deutschland gibt – nämlich die Ärzte – dessen Recht es nun wirklich nicht ist, den Heilpraktikern ihr Gesetz als Nazigesetz vorzuwerfen und sie damit zu diskreditieren. Immerhin war es von den Nazis geschaffen worden, um Wiege und Grab zugleich für die Heilpraktiker zu sein, vor allen Dingen aber Grab, und diese müssen sich nicht schämen, von einem Staat zum Aussterben verurteilt worden zu sein, mit dem sich die Ärzte doch immerhin teilweise überraschend schnell identifizierten. Es muß keine Schande für den Heilpraktikerstand sein, damals eher zu den Selektierten als zu den Selektierenden gehört zu haben. Und so oberflächlich die Verbindung zwischen Nazi-Holocaust und nuklearem Holocaust auch zu sein scheint, so gibt es dennoch eine unterschwellige Verbindungslinie in bezug auf das autoritäre Verhalten der Ärzte anderen gegenüber. Und natürlich verbirgt sich hinter dem Machtanspruch eines naturwissenschaftlichen Medizindogmas auch eine gehörige Portion Intoleranz und Arroganz gegenüber Andersdenkenden.

Trotz der großen Verdienste der sogenannten wissenschaftlichen Medizin und trotz vieler Vertreter des ärztlichen Berufsstandes, die Brücken auch zu anderen Therapiearten schlagen wollen, muß sich die Ärzteschaft zu nicht geringen Teilen vorwerfen lassen, daß sie aufgrund entweder einer völlig ungetrübten Kenntnis der Existenz des Wissenschaftspluralismus – oder aber dessen absichtlichen Negierens – eine Denkweise praktiziert, die an Rechthaberei, Überheblichkeit und Intoleranz nichts zu wünschen übrig läßt. Der Schrei nach dem Verbot der Heilpraktiker aus allzu »berufenem« Munde entbehrt zumindest in dieser Denkgrundlage nicht auch eines Hauchs von Selektieren.

Vergangenheitsbewältigung kann nicht nur das Lippenbekennen: »Ja, das war schrecklich, Gott sei Dank ist es vorbei« sein, sondern muß tätige Toleranz im Denken und Verhalten unserer Gegenwart sein, zumal wir ja in einer pluralistischen Gesellschaft leben. Vergangenheitsbewältigung mit Haltungsschäden kann nicht erfolgreich sein, hier muß das »Rückgrat« jedes einzelnen einer gründlichen Therapie unterworfen werden. Bewältigung der Vergangenheit kann auch nicht sein, daß man lediglich sein Feindbild ändert, sondern schon seine Gesinnung, die prinzipiell zum Abbau von Feindbildern führt.

Unser Gesundheitswesen, das sich ja unter den Spielregeln einer in seiner Sinngebung ausgehöhlten Reichsversicherungsordnung zu einem Medizinbetrieb verselbständigt hat, hätte ein solches individuelles Umdenken bitter nötig. Auch dem unkritischen Betrachter ist nicht entgangen, daß bei allem technischen Fortschritt eines immer mehr aus dem Blickfeld verschwunden ist, und zwar das Wichtigste: Der Patient. Verteilungskämpfe um die Milliarden der gesetzlichen Krankenkassen, Machtkämpfe um Vorrangstellungen im Gesundheitswesen sind das, was einer optimalen Fürsorge und Obhut gegenüber dem einzelnen Kranken und Hilflosen am meisten im Wege steht. Gefragt hingegen ist die Konzentration aller Kräfte auf den Patienten – und das in Harmonie und ausgesöhnt mit allen Therapierichtungen und Therapeuten. Die Medizin hat in allererster Linie dem kranken Menschen zu dienen und nicht zuerst der Wissenschaft – und schon gar nicht einer bestimmten Wissenschaftsrichtung, die nun zufällig heute mit der Macht ausgestattet ist.

Die Scharfmacher, die, wenn auch nicht mehr politisch, so doch in anderen Bereichen aus einem autoritären Gesinnungstopf schöpfen, haben immer noch nicht begriffen, daß der Artikel 5, Absatz 3, unseres Grundgesetzes über die Freiheit der Forschung und Lehre nicht nur für verbeamtete Hochschullehrer, sondern auch für freischaffende und forschende Fachkundige außerhalb des Hochschulbereichs Gültigkeit hat. Danach ist es als verfehlt anzusehen, einer besonderen Richtung, in dem Falle der Schulmedizin einen Vorrang einzuräumen.

Der deutsche Staats- und Verfassungsrechtler, Prof. Dr. Günther Küchenhoff, hat in gutachterlichen Stellungnahmen klar zum Ausdruck gebracht, daß z. B. neuartige Methoden, die auf einem ernsthaften wissenschaftlichen Bemühen beruhen, durch die Freiheit der Wissenschaft und Lehre ebenso gedeckt sind wie hergebrachte Methoden. Wesentliches Kriterium für die Anerkennung einer Methode ist deren Plausibilität, und diese kann ebenso aus der Statistik wie auch aus der Empirie und der Logik erklärt werden. Und in der Medizin, meine ich, sollte die Empirie wie in der Vergangenheit wieder ein größeres Gewicht erhalten.

In einer Zeit, in der z. B. die »offizielle« Krebsforschung eine vernichtende Beurteilung erfährt und wie »Der Spiegel« in seiner Nr. 20 vom Jahr 1982 berichtete, die Ineffizienz des kollektivistischen fantasielosen Krebsforschungsinstitutes schier unvorstellbar sei – die Krebssterblichkeit in den letzten zehn Jahren ist von 161 auf 166 pro 100000 Personen angestiegen – in einer solchen Zeit ist es wahrhaftig keine Provokation, sondern eine bittere Notwendigkeit, den potentiellen verfassungsmäßigen Anspruch des Patienten auf Therapieverfahren anzumelden, die von der Schule normalerweise nicht angeboten werden. Ja, die Unterlassung oder Unterdrückung solcher Therapien kann geradezu als unterlassene Hilfeleistung ausgelegt werden.

Verfassungsrechtlich stehen auch die von der sogenannten wissenschaftlichen Medizin als unabdingbar postulierten Doppelblindstudien in einem Zwielicht: Stößt nämlich einem Patienten, der sich, ohne es zu wissen, in der scheinbehandelten Kontrollgruppe befindet, ein Schaden zu, den man durch eine gezielte Behandlung hätte vermeiden können, so entsteht hier eigentlich ein strafrechtlich relevanter Tatbestand. Küchenhoff sieht – und das ist sicher des Nachdenkens wert – auch in dem diskriminierenden Nötigungseffekt, der von den sogenannten »Transparenz- und Preisvergleichslisten« öffentlicher Körperschaften ausgeht, ein eventuelles strafrechtliches Problem.

Aus all dem Gesagten ergibt sich klar, daß die wissenschaftliche Medizin und ihre Vertreter allen Grund haben, sich in Toleranz zu üben und sich wieder mehr auf die Bedürfnisse des Patienten zu konzentrieren. Wie sagt es doch der Volksmund so bildschön: Wer im Glashaus sitzt, sollte erst einmal vor der eigenen Tür kehren.

Herzlichst


Naturheilpraxis 08/1987