EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Der eine ist 80 geworden, der andere gar 85 Jahre. Der eine, das ist unser Titelheld Josef Angerer, Priester und Heilpraktiker, hochgeschätzter und ebenso hochverehrter Mentor des Heilpraktikerstandes, der andere Karl Popper, Atheist und Existenzphilosoph, Vordenker des Liberalismus, der, seit Königin Elizabeth II. ihn im Jahre 1965 in den Ritterstand erhob, es vorzieht, mit Sir Karl angesprochen zu werden und nicht mehr mit Herr Professor. Niemand zweifelt daran, daß diese beiden nicht ihren Geburtstagskaffee zusammen eingenommen haben, dennoch interessiert uns, was sie bei aller selbstverständlichen und ausgeprägten Verschiedenheit doch eventuell an Gemeinsamkeiten und Berührungspunkten haben, deren Kenntnis und Verständnis für uns als Behandler wichtig sein könnte. Wo sind die Schnittpunkte im Koordinatensystem der Richtlinien ihres Denkens und Handelns, und welchen Stellenwert haben sie?

Bei allem, womit sich diese beiden herumgeschlagen haben – und das war nicht wenig, davon kann man bei diesem gesegneten Alter ausgehen –, bei allem also haben sie sich eine erstaunliche und bewunderungswürdige Naivität, ja fast Unschuld erhalten. Bei Angerer ist sie mit seiner tätigen Hilfe am kranken Menschen im tiefen Glauben begründet und ein zwar schwer zu erreichendes, aber letztendliches Ziel unseres christlichen Glaubens. Es ist sicherlich geboten, an dieser Stelle einmal daran zu erinnern, daß unzähligen Menschen aus dieser Heilsbotschaft heraus schon segensreiche und tätige Hilfe zuteil wurde. Im Glauben an die Existenz Gottes und sein schöpferisches Walten im Universum und in der Natur liegt sicher eine starke Kraftquelle, speziell für den Naturheilbehandler.

Wo aber, so fragt man sich, nimmt der Atheist Karl Popper seine Hoffnung auf Besserung her? Nun, er ist eben auch ein Mensch, kein losgelöster Intellektueller. Er, der Philosoph, verließ vorzeitig und ohne Abschluß die Schule und kam als Siebzehnjähriger mit dem Kommunismus in Berührung, der eine bessere Welt versprach. Mit welch intolerantem Dogmatismus dieses Versprechen allerdings über die Köpfe der Individuen hinweg eingelöst werden sollte, war ihm dann jedoch der Anlaß, sich besonders kritisch mit allen Heilsversprechungen auseinanderzusetzen, woraus letztlich seine Philosophie geboren wurde. Er versucht, Bescheidenheit anstelle von Anmaßung, Toleranz anstelle von Dogmatismus und Freiheit anstelle von ideologischer Unterjochung zu den Brennpunkten seiner Überlegungen zu machen. Diese Bescheidenheit signalisiert Popper in seinem Kernsatz, der noch über die sokratische Formulierung »Ich weiß, daß ich nichts weiß und kaum das« hinausgeht und lautet: »Wir wissen nicht, sondern wir raten.«

Das soll allerdings bei Popper nicht heißen, daß wir nur so im Dunkeln herumtappen und unsere Erkenntnissuche von vornherein aussichtslos wäre, sondern es ist eine philosophische Grundeinstellung, die auf die Sicherheit von positivem Wissen verzichtet und dennoch das Streben nach Wahrheit nicht aufzugeben bereit ist. Diese Hoffnung vervollständigt ihn über den Philosophen hinaus zum Menschen und ist sicher seine Form von »begnadeter« Naivität: Kein Schreibtischdenker oder -täter, sondern einer, von der Hoffnung beseelt, daß kreatives Denken und Handeln – nicht kategorisiert, nicht ideologisiert etwas zum Besseren wenden kann.

Diese Hoffnung ist sicher einer der Schnittpunkte unserer beiden Jubilare. Während der eine Besserung und Heilung auf dieser Welt in der tätigen Liebe eines Gott wohlgefälligen Lebens begreift, geht der andere im Ausmerzen von Fehlern, also über Fehlschritte, Erkenntnisfortschritt mit der Hoffnung verbunden, daß unser wissenschaftliches und politisches Weltbild Stück für Stück verbessert werden könnte. Ein derartiges Lernen aus Fehlern liegt also in deren künftiger Vermeidung. Ohne daß Popper jemals eine Ethik geschrieben hätte, läßt sich aus diesem Programm doch unschwer eine moralische Komponente ablesen, wenn er nämlich die Übertragung dieser Wissenschaftstheorie auf die politische Praxis fordert, die z. B. keine Kriege mehr austragen müßte, wenn von der Möglichkeit Gebrauch gemacht würde, nur noch Theorien, Ideologien und Weltanschauungen zu opfern, statt immer wieder deren Träger und Verfechter sterben zu lassen. Zweiter Schnittpunkt also: Die Friedenswilligkeit die sich auf Toleranz gründet.

Auch Angerer war in Zeiten extremer Polarisierung niemals ein Mann der scharfen Töne, sondern immer verständnisvoller Vermittler und Bindeglied zwischen auseinanderstrebenden Gruppen, Mahner für das Zusammenstehen in einer Gemeinschaft. Sein inniger Wunsch nach Solidarität und Fairneß untereinander hat ihm Behutsamkeit und Feingefühl verliehen, ihn vor übertriebenem Aktionismus sowie zersetzender Kritik bewahrt. Er hat wie Karl Popper zutiefst begriffen, daß die Bewährung unseres Menschseins nur in der Freiheit geschehen kann.

Ein wichtiger Schnittpunkt dieser beiden Gestalten ist aber sicher der der Kreativität. Angerer hat mit seinem tiefen Verständnis für die Natur, seinem assoziativen, bildhaft verknüpfenden Denken Phänomene der Naturheilkunde zugeordnet und dadurch für den Behandler nachvollziehbar und verständlich gemacht.

Auch Popper hat zutiefst begriffen, da man zur Verbesserung der Zukunft zwar eine rationale Fehlerbeseitigung nach logischen Kriterien vornehmen kann, daß aber das Erfinden von Theorien nur außerrational, quasi künstlich oder künstlerisch, stattfinden kann, da keine Logik in der Lage ist, neue Kreationen zu liefern, noch dazu, wenn man sie nur in deduktiver Hinsicht in Betracht zieht. Wollte man also den philosophischen Bereich von Genesis und Geltung umfassend behandeln, wäre es unumgänglich, der Logik noch eine Kunst der Erkenntnis zur Seite zu stellen, mit welcher das schwierige Gebiet der außerrationalen Entstehung von Theorien philosophisch untersucht werden könnte. Gerade wir Naturheilkundler haben ja ein feines Verständnis für diese Zusammenhänge, denn die Naturphilosophie, wie auch die Naturheilkunde und ihre Vertreter, leiden schließlich insbesondere unter der Machtausübung eines wissenschaftlichen Dogmas, das für diese Erkenntnis keine Kriterien besitzt und leider auch nicht willens und in der Lage zu sein scheint, über den Schüsselrand ihrer eigenen ideologischen Befangenheit hinauszuschauen.

Popper erkennt klar, was Angerer praktiziert, nämlich den Einfluß der Theorie, aber gleichzeitig deren Begrenztheit. Wichtig ist nicht der Ausdruck, sondern ein Versuch, etwas zu schaffen – innerhalb einer Tradition oder möglicherweise auch die Tradition überwindend. Und Popper sagt in einem Interview noch etwas ganz Entscheidendes: »Ohne eine große Liebe sollte es keine intellektuelle Leistung geben« – Jede Auseinandersetzung auch mit einem Problem ist eine Begegnung, in der der Katalysator der Liebe zweifellos über den Wert und die Qualität der Begegnung entscheidet. Im deutschen Ausdruck »verlieben« steckt für Popper eine Verkleinerung von dieser unverzichtbaren Qualität. Er meint, der englische Ausdruck trifft deutlicher zu und erscheint fast unübersetzbar: »To fall in Iove with it« – wie wahr, Sir Karl!

Und übrigens herzlichen Dank für alles, lieber Josef Angerer.

Ihr


Naturheilpraxis 09/1987