EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Was gehen mich schon die anderen an? – Und wie die heilen? Ich muß meine eigenen Therapien beherrschen und mit meinen Patienten zurechtkommen.« – Soweit, so ungut. Sicher, verständlich ist diese Einstellung schon, weil sie durch die Konzentration auf die mit zunehmender Routine ausgeübten Therapien anscheinend den Praxisalltag verbessert – in jedem Fall aber erleichtert. Man kennt das Handicap, das die Therapeuten haben, die stets und ständig jede neue Therapieart, von der sie Kenntnis erlangen, begierig aufsaugen und diese mit kurzfristiger Begeisterung in ihrer Praxis ausüben – bis zur nächsten Therapie.

Zweifellos liegt man auch im Trend der Zeit, wenn man nichts ausübt, was nicht ins eigene Spezialgebiet gehört. Die Medizin hat es uns vorgemacht. Im Praxisablauf mag das zugegeben gewisse organisatorische Vorteile und seine Berechtigung haben. Aber es geht auch gar nicht darum, seine bisher ausgeübten Therapien über Bord zu werfen und sich neuen zuzuwenden, sondern Hintergründe und Grundgedanken der Medizinen anderer Kulturkreise auf sich wirken zu lassen und seine eigene behandlerische Fantasie eventuell damit anzureichern. Denn natürlich haben die Naturmedizinen auf dieser Welt eine tiefe Gemeinsamkeit.

Diese nicht nur intellektuell zu begreifen, sondern auch in ihrer Bildhaftigkeit, kann dem Behandler in seinem eigenen Bereich mehr Sicherheit geben, nämlich mit den vielen, die sich seit Jahrtausenden mit der Heilung befassen, einig zu sein.

Und um diesen Grundkonsens aller Naturmedizinen dieser Welt bis zum heutigen Zeitpunkt geht es ja ganz wesentlich. Bisher wurde er zwar von der wissenschaftlichen Medizin in seinem Wahrheitsgehalt bezweifelt oder belächelt, aber mit den Auswirkungen des Arzneimittelgesetzes von 1976, dessen Übergangszeit am 1.1.1990 zu Ende geht, besteht das erste Mal die Gefahr, daß die sogenannte naturwissenschaftliche Medizin nicht mehr nur be- oder verurteilt, sondern per wissenschaftlichem Dogma, das in dem neuen Arzneimittelgesetz eine deutliche Handschrift schreibt, auch Macht ausübt. Wenn hier und da in den Kommissionen und Ausschüssen anscheinend pragmatische Lösungen für das Problem gefunden werden und man einigen Gutwilligen ihr Bemühen nicht absprechen kann, so bleibt es letztlich doch bei einem Grundmißverständnis, nämlich dem, daß biologische Mittel nach naturwissenschaftlichen Kriterien in Wirksamkeit und Nutzen beurteilt werden sollen. Wenn es dabei bleibt, daß eine Pflanze, die aus dem Selbstverständnis der Naturheilkunde heraus eine biologische Einheit darstellt, nach naturwissenschaftlicher Sicht ein sogenanntes Kombinationsarzneimittel ist, weil es – daran zweifelt wiederum niemand – aus einzelnen Inhaltsstoffen besteht, so kann jeder Kompromiß, der dann im pragmatischen Sinne gefunden wird, lediglich ein fauler sein, und noch dazu einer, bei dem von Fall zu Fall oder von Pflanze zu Pflanze der Willkür der gerade über sie beschließenden Kommissionsmitglieder Tor und Tür geöffnet ist. Natürlich kann man leicht Einigkeit darüber erzielen, daß ein Präparat – sowohl eine Pflanze als auch ein Kombinationsmittel – seine Wirksamkeit, seine Unbedenklichkeit und seine Qualität zeigen muß. Aber über die Kriterien, was Wirksamkeit, was unbedenklich ist, gibt es bereits stark divergierende Meinungen. Bei den Kombinationspräparaten soll obendrein noch nach der Sinnhaftigkeit der Kombinationen gefragt werden, und diese durfte garantiert je nach Standpunkt eine völlig unterschiedliche Beurteilung erfahren. Geht man vom schulmedizinischen Schachteldenken aus, dann würde das bedeuten, daß ein Kombinationspräparat aus dem Herzbereich z . B. lauter Pflanzen enthalten müßte, die auch in ihren Einzelindikationen herzbezogen sind. Und damit nicht genug: Sie müßten auch noch, so die Forderung, eine Art überadditive Wirkung haben, d. h., wenn man schon kombiniert, dürfte nicht eins und eins zwei sein, sondern eins und eins müßte drei sein, um diese Kombination zu rechtfertigen. Die leider so oft strapazierte und eben so oft missverstandene Ganzheitsschau des Menschen in der Therapie postuliert aber gerade, daß es wichtig ist, um ein Organ erfolgreich zu behandeln, auch andere Organe zu unterstützen – mindestens die verwandten, wenn nicht überhaupt den ganzen Menschen.

Welche Dosierung z. B. soll ein Kombinationspräparat erfahren, wenn es die in den Einzelmonografien erstellten, zum Teil unerhört hohen Dosierungen der Einzelmittel addiert? Man kann sich ja schließlich seine Präparate nicht täglich mit dem Lastwagen aus der Apotheke bringen lassen.

Leider gesellt sich zu der ganzen Unklarheit, oder vielleicht auch dem evtl. kalkulierten Verwirrspiel, eine EG-Empfehlung vom 28.11.83 hinzu, in der es unter anderem heißt: »Präparate fixer Kombinationen sind nur dann als begründet anzusehen, wenn die vorgeschlagene Kombination auf gültigen therapeutischen Grundsätzen beruht.« – Ja, und wer für uns alle bestimmt, was gültige therapeutische Grundsätze sind, ist uns leider allzu bekannt und damit haben wir bisher eigentlich nur schlechte Erfahrungen gemacht. Wo man hinschaut begegnet einem Bevormundung.

Leider hat bisher die Kommission E des Bundesgesundheitsamtes, die für die Erstellung der Monografien und die Beurteilung von Kombinationspräparaten zuständig ist, bisher noch keine verbindlichen Vorstellungen oder Kriterien erstellt oder zumindest noch nicht bekanntgegeben, nach denen ihre Arbeit ablaufen wird und nach denen man entsprechend auch deren Ergebnis beurteilen könnte. Wir können und müssen hoffen, daß sich diese ganze Problematik zum Schluß nicht – durch Zeitknappheit beeinflusst – im Bereich der Geschmackssache abspielt. Bei der Unklarheit, die bisher noch herrscht, wäre das durchaus denkbar. Wie man mit Zigtausenden Zulassungsunterlagen, die die Firmen auf sehr kostspielige Weise erstellt haben, umgeht, läßt jedenfalls für die Zukunft Schlimmstes befürchten. Diese liegen in Containern im Hinterhof des Bundesgesundheitsamtes, sind im Winter der Kälte und Feuchtigkeit ausgesetzt, im Sommer der prallen Sonne, und wir können nur hoffen, daß nicht jemand auf die Idee kommt, das Problem auf die Weise zu lösen, daß er einen Termitenstamm in die Container setzt. Hier ist jedenfalls wieder eines dieser Beispiele zur vollen Blüte gereift, wie durch sogenannte wissenschaftliche Erkenntnis; die in anscheinend ordnungsregelnde Bürokratie einmündet, der gesunde Menschenverstand absolut auf der Strecke bleibt.

Im Sinn einer Umsetzung des Wissenschaftspluralismus in die Praxis gilt es, der rücksichtslosen und sich nicht zufällig mit den Interessen der Großpharma deckenden Machtausübung Einhalt zu gebieten. Wo ein Großteil der Bevölkerung dieses will, sollte es solch eine Möglichkeit geben. Die Hoffnung allerdings, daß diese Probleme, was das wichtigste wäre, aus der Klarheit einer ideologischen Grundsatzdiskussion bereinigt würden, darf man nicht allzu hoch ansetzen.

Wollen wir hoffen, daß berechtigter Protest und politische Anstrengungen doch dazu führen, daß die jetzigen Vorschriften des Arzneimittelgesetzes auf eine für die Naturheilkunde erträgliche Weise ihre Auslegung in den einzelnen Ausschüssen finden werden. Minimalforderungen wären, daß bei Kombinationspräparaten die verschiedenen Kombinationspartner unterschiedliche Symptome eines einheitlichen Syndroms beeinflussen dürften. Außerdem müssen die Einzeldosierungen der wirksamen Bestandteile eines Kornbinationspräparates auch unterhalb der Dosierung liegen können, die laut Aufbereitungsmonografien für Monopräparate gefordert werden. Auch müßte ein Wirksamkeitsnachweis für das Gesamtpräparat anerkannt werden. Es muß sich endlich die Ansicht durchsetzen, daß nicht nur der klinisch kontrollierte Doppelblindversuch der Weisheit letzter Schluß ist. Auch anderes Erkenntnismaterial, wie Erfahrungsberichte der Therapeuten, die seit langer Zeit mit den Phytopharmaka umgehen, und besonders auch Gutachten von Fachgesellschaften, sollten eine entsprechende Wertung finden.

Das Arzneimittelgesetz gibt an sich etwas mehr her. Die engherzigen Beurteiler, die dieses in politische Realität umsetzen, nämlich die Damen und Herren der Kommission des Bundesgesundheitsamtes, sollten ihrem Herzen einmal einen Stoß geben. Es ist einfach ein Treppenwitz der medizinischen Weltgeschichte, daß eventuell 1990 Dinge unter den Tisch fallen, die zum Teil seit Jahrtausenden allen Naturmedizinen dieser Welt heilend und segnend gedient haben.

Herzlichst


Naturheilpraxis 10/1987