EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es besteht kein Zweifel: Der große Schlachtruf der Rationalität, der einmal durch seine inhaltliche Indifferenz wie andererseits durch seine fast ziellose, aber nichtsdestoweniger fordernde Vehemenz, sich selbst rational fast nicht erklären läßt, ist der Ruf nach Entmythologisierung.

Die Devise, die entzaubern sollte, ist unversehens selbst zur Zauberformel geworden. Auch im religiösen Bereich ist seit der Reformation von den reformierten Kirchen kräftig gearbeitet worden. Man wollte weg vom Mythos und hin allein zum Logos. Nüchternheit und Klarheit waren die Begleitschatten einer Entmythologisierungskampagne, mit der man sozusagen den Himmel leerpredigte.

Nun ist der Radikalrationalismus keine Erfindung der Renaissance und Aufklärung allein, sondern der Rationalismus des abendländischen Denkens, der unser mythisches Vermögen zurückgedrängt hat, reicht bis zu den Vorsokratikern. Man hat es mit dem Ergebnis einer zweitausendjährigen Entwicklung zu tun, die nicht einfach ignoriert werden kann. Andererseits ist es schlechterdings unvorstellbar, daß die religiösen Geschichten plötzlich so erzählt würden, als hätte es die Aufklärung nie gegeben.

Neuere Religionen westlichen und auch östlichen Zuschnitts fühlen sich durch die Forderungen eines rationalen Zeitalters durchaus nicht gedrängt, eine Quasi-Erklärbarkeit ihrer Glaubensinhalte anzustreben. Sie erzählen nicht nur ihre religiösen Geschichten, sondern binden die Menschen in rituelle Vorgänge ein, in Transformationsprozesse.

Die »New-Age-Spiritualität« entwirft Mythen und Rituale, die ohne Zweifel eine weitreichende Faszination ausüben wollen und es auch tatsächlich tun. Diese Religionen erfüllen unbeirrbar – wie selbstverständlich – eine ganz wichtige Voraussetzung: Sie ruhen – neben den speziellen Glaubensinhalten – mindestens gleichgewichtig auf den beiden Säulen Mythos und Logos, wenn nicht überhaupt der Mythos im Vordergrund steht. Die Abkehr der Menschen von einer übertechnisierten Welt, die in ihrer Perfektion auch schon wieder fast unbegreiflich oder missverständlich fast mythisch geworden ist, spielt dieser Entwicklung in die Hände. Neue Ängste in unserer technischen Welt, Furcht vor der Zukunft, Gefühlsdefizite, Isoliertheit, Sinnentleerung bis zur Depression, sind die Leidensstationen auf dem Kreuzweg der Suche nach einem Mythos – nach welchem auch immer, leider.

Warum, so fragt man sich, hat eigentlich der Rationalismus so erbittert und letztendlich betriebsblind gegen Mythen angekämpft und zwar – das zeigt sich jetzt – mit dem Erfolg, wie Don Quichote gegen die Windmühlenflügel kämpfte. Wenn man dieses Phänomen einmal genau bedenkt, so handelt es sich um ein in Jahrhunderten sich aufschwingendes Mißverständnis von geradezu tragischer Dimension.

Die Euphorie, die die Aufklärung über die annähernd grenzenlosen Möglichkeiten der Rationalität mit sich brachte, produzierte eine nahezu als naiv zu bezeichnende Vorstellung vom ebenso grenzenlosen Geltungsbereich der Wissenschaft. Diese wiederum mußte in ihrer unfreiwilligen Überheblichkeit und ihrem wachsenden Allmachtsanspruch einem völlig falschen Verständnis des Begriffs Mythos Vorschub leisten. Sie bastelte sich den Mythos zu einer Strohpuppe, deren schwankendes Bild nichts als eine lose Kette phantasievoller Märchen, naiver Naturerklärungen oder irrationaler Wirklichkeitsvorstellungen zeigte und die es im Feuer einer scharfen Ratio zu verbrennen galt. Aufgrund dieses Mißverständnisses z. B. hat sich die Philosophie in ihrer Analyse angemaßt, aus lediglich historischem und theologischem Material die erkenntnistheoretische Frage nach der Wahrheit des Glaubens zu beantworten.

Diese Antwort mußte negativ ausfallen. Es ist freilich etwas ganz anderes, von der Gnade des Glaubens erfüllt zu sein. Deshalb muß auch der Mythos aus dem Mißverständnis und seiner negativen Begriffseinengung herausgeschält werden: Mythos nicht als Schlagwort für alles Irrationale und Wirklichkeitsfremde, sondern als ein sinnvolles System tiefer Erfahrungen, das sich von Beginn der Menschheitsgeschichte an entwickelt und fortgepflanzt hat – allerdings von der Sicht der heute geltenden Wissenschaft grundlegend verschieden, das aber dennoch nicht einer tiefen Sinnhaftigkeit entbehrt.

Toleranz und Wissenschaftspluralismus wären der Nährboden, auf dem beides nebeneinander gedeihen und sich eventuell sogar befruchten könnte. Das Sachanliegen einer rechtverstandenen Entmythologisierung wäre eigentlich, am Mythos selbst zu entdecken, welchen Ertrag er für den Logos – die Rationalität – erbringen könnte. Wichtiger nämlich wäre es, statt unsere Lebensinhalte einer missverstandenen Entmythologisierung zu unterziehen, endlich das ins Herrschen verstiegene Menschsein zu entmythologisieren. So wie die Perfektion der Übertechnisierung in ihrer Quasi-Undurchschaubarkeit und ihrer Fiktion des unbegrenzten Wachstums sowie der technischen Machbarkeit praktisch selbst einen Mythos erzeugt hat – einen freilich, der Gott sei Dank in letzter Zeit gewaltig abzubröckeln beginnt –, so hat sich auch die technisierte Medizin zunehmend von den Quellen einer menschlichen Heilkunde entfernt. Sie hat mit ihrem kausalen Denken eine mißverstandene Entmythologisierungskampagne hinter sich und hat sich durch ihre technischen Spitzenleistungen im Bereich der Notfall- und Risikomedizin einen ganz eigenen »Mythos« geschaffen. Auch sie suggeriert halbwahrheitlich, daß es lediglich eine Frage des technischen Fortschritts sei, alle Krankheiten zu besiegen und bewegt sich so ein bißchen auf dem angeblich machbaren Wege zur Unsterblichkeit: Der Mythos, der über die Autorität des weißen Kittels auf den Kranken wirken soll als merkwürdige Ersatzrituale und Suggestionen, wo doch der eigentliche Mythos unserer menschlichen Existenz fehlt –ausgehöhlte Darsteller einer ebenso hohlen technischen Perfektion –, statt Dienst am Kranken, Verdienst an der Krankheit.

Die Naturheilkunde weiß, daß es ohne den Mythos in der Heilkunst nicht geht. Allerdings den richtig verstandenen Mythos und nicht den der Irrationalität, sondern den eines von Anbeginn der Menschheit an ererbten, sinnvollen Erfahrungsgutes, das nicht nur im Kopf sitzt, sondern unsere Herzen und Sinne durchdringt, nicht nur im Bewußtsein sitzt, sondern im Unterbewußtsein.

Herzlichst


Naturheilpraxis 11/1987