EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das Mißverhältnis von Wunsch und Wirklichkeit, das schon bei den alten Chinesen im Nackenbereich angesiedelt war, sitzt uns im wahrsten Sinne des Wortes in demselben. Die Politiker, die eigentlich weniger für Philosophien und Ideologien zuständig sein sollten, sondern für die Realisation und Bewältigung lebenswichtiger Aufgaben unserer Gemeinschaft, bewegen sich immer mehr im luftleeren Raum des Wunschdenkens. Durch langwierige und umständliche – als demokratisch bezeichnete –- bürokratische Prozeduren, wird effektives Handeln so lange vor sich hergeschoben, bis es zu spät ist; mindestens aber so lange, bis man durch Pensionierung oder Ausscheiden aus der Schußlinie ist. Der Weg in die Opposition als Rückzugsgefecht.

Dabei soll nicht einmal unterstellt werden, daß eine böse Absicht der Grund für ein solches Handeln ist. Man möchte als Bürger und Steuerzahler von den politischen Behörden schlechterdings verlangen, daß sie den zweifellos negativen Gang der Dinge nicht als einen unvermeidlichen und von Gott gegebenen ansehen, sondern aktiv werden und den Arm in die Speichen legen. Dabei sollten sie sich nicht scheuen, sog. unpopuläre Maßnahmen auszusprechen oder zu verhängen und zumindest uns Bürgern klar sagen, was wir zur Verbesserung der Lage beitragen können.

Allerdings müssen sie sich auch von uns anhören, was wir zu den Problemen meinen. Auch wenn die Presse das Thema Waldsterben – vor drei Jahren tägliches Thema in den Zeitungen – totgeritten hat und deshalb des Themas überdrüssig ist, bedeutet ihr heutiges Schweigen nicht, daß die Verhältnisse sich gebessert haben. Leichte Verbesserungen im Gesundheitszustand einiger Nadelhölzer, die durch Aufforstung und Neuanpflanzung erst so kurz im Wald stehen, daß sie noch gar nicht krank werden konnten, stehen zunehmenden Schäden des Laubgehölzes gegenüber. Die ministerielle Einweihung und Ingangsetzung einer Entschwefelungsanlage per Knopfdruck, die in Wirklichkeit gar nicht in Betrieb ging und deren Meßzeigerspiel vom geschmückten Rednerpult ein lediglich imaginäres war, weil nämlich das Kraftwerk, die Schwefelschleuder selbst in Gang gesetzt wurde, ist in diesem Zusammenhang ein fragwürdiges Ereignis.

Während Mehrwegfässer mit Atommüll durch ganz Europa hin und her geschoben werden, was eine bedenkliche Dimension der Umweltbelastung bedeutet, engagiert man sich verstärkt für das Problem der Einwegflaschen von Säften und Wässern – ein Ablenkungsmanöver? Das Hormonverbot der EG für die Schlachtviehmästung bleibt durchlässig und gilt nicht für amerikanische Lieferungen, weil sonst Vergeltungsmaßnahmen drohen, die unsere Tomatensäfte oder unseren Pulverkaffee treffen würden. Die Problemliste ließe sich beliebig fortsetzen und dem politischen Versprechen von höchster Stelle, »Umweltpolitik mit den Bürgern« machen zu wollen, muß eine berechtigte Skepsis entgegengesetzt werden. Am meisten kann man noch darauf vertrauen, daß sich evtl. etwas ändert, weil – wie unser Umweltminister neulich ausführte – ja »auch die Wirtschaft in Zukunft eine Umwelt braucht«, um produzieren zu können. Wie bewahre ich mir nur mein positives Denken?


Naturheilpraxis 02/1988