EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Ein Unglück kommt selten allein« – dieser lakonische Satz ist der verzweifelte und zugleich liebenswürdige Versuch, einer Situation, die undenkbares Unglück hereinbringt, einen sarkastischen Schlenker zu geben, der das Ganze leichter ertragen läßt. Wenn etwas schwer verständlich ist, so bringt eine solche Regel, die gehäuftes Unglück in den Bereich der Normalität zu rücken versucht, eine gewisse Entlastung – speziell, wenn man sich ohnehin nicht dagegen wehren kann.

Und tatsächlich, wenn man sich so in unserer politischen und gesellschaftlichen Realität umschaut, man würde sich ja wahrhaftig wundern, wenn nur eine Panne passiert und unser Eingangssprichwort Lügen gestraft würde. Aber wir können beruhigt sein: im politischen Bereich hat es seine volle Gültigkeit. Welches ist nun dieses Unglück, das so selten allein kommt? Es ist die Strukturreform im Gesundheitswesen – oder besser gesagt: »Die doppelte Strukturreform«. Der erste Teil – also die beabsichtigte Strukturreform zur Einsparung von Kosten – läßt den High-Tech-Spezialisten-Medizinbetrieb, der sich seit Jahrzehnten mehr und mehr verselbständigt hat und zu hohem Ansehen und unanfechtbarem Sozialprestige gelangt ist, völlig ungeschoren, wiewohl er eher brillanten technischen Spitzenleistungen frönt, als dem Wohl der Volksgesundheit. Hier wird weiterhin manche nicht ganz billige medizinische Solokür reichlich finanziert, deren chirurgische Pirouetten wir als normale Bürger dann als mit spektakulären Überschriften versehene Medizinsensationen in mehr oder weniger seriösen Presseveröffentlichungen bestaunen dürfen. Die Brille allerdings, mit der man dieses in den Zeitungen lesen darf, soll, wenn es nach dem Willen der Reformer geht, in Zukunft kein Gestell mehr haben und der einfache Mann wird – will er ein wenig an der großen Welt der Medizinsensationen schnuppern – gezwungen sein, sich die Gläser einzeln nach Art der Monokel in die Augenhöhlen zu klemmen. Der Bürger soll in Zukunft mehr Mitverantwortung für seine Gesundheit tragen, was sich strukturreformerisch lediglich auf die finanzielle Mitbeteiligung bezieht, denn aufs Geld zielt man ja ab.

Was der Gesunderhaltung dient – und dem Ausgleich gesundheitlicher Schwankungen –, wird zur Bagatelle erklärt und dem Bürger sozusagen überlassen. Eine Aufklärung über die Zusammenhänge unterbleibt geflissentlich, obwohl die Bevölkerung diese Zusammenhänge unter der jahrzehntelangen Suggestion, daß die hohe Medizin für alles zuständig sei und schon alles machen wird, längst verlernt hat. Nun hat die »hohe Schule« sich mit dem Geld des »niederen Volkes« über die höhere Schule bis in höchste Höhen entwickelt, wo sie sozusagen losgelöst und krisensicher über den Niederungen der normalen gesundheitlichen Bedürfnisse schwebt, mit denen sie als Oberspezialist nichts mehr zu tun hat.

Aber nehmen wir einmal an, der Bürger würde tatsächlich eine gewisse Wendigkeit zeigen und aus dieser Zwangssituation das beste machen wollen und z. B. gesundheitliche Ungleichgewichtigkeiten mit den gewohnten Hausmitteln wie Tees, Pflanzenheilmitteln, bewährten Kombinationen therapieren wollen, so hat er sich – wie der Berliner sagt – ganz schön geschnitten, denn er hat vergessen, daß es sich, wie gesagt, um eine doppelte Strukturreform handelt. Jetzt bekommt er es mit den Auswirkungen des 2. Reformteils, nämlich dem neuen Arzneimittelgesetz von 1976, dessen Übergangszeit Ende 1989 ausläuft, zu tun.

Ein gut Teil der Mittel, die er zu einer Art eigenverantwortlichen Gesundheitsfürsorge benötigen würde, die er zum Teil aus seiner Erfahrung und auch durch Ratschläge von Therapeuten kennen und schätzen gelernt hat, deren Art und Weise der Dosierung und Wirkung ihm eventuell vertraut sind, die wird er auf dem Markt nur noch schwer oder gar nicht mehr finden. Das wäre ja auch zu einfach und zu normal. Hier hat unser Staat gründlich reformiert, hier wird kein Schlupfloch für Eigeninitiative gelassen. – Ja, wir haben es mit mächtigen Reformern zu tun und mit noch mächtigeren Interessen.

Damit der Bürger ja nicht rechts oder links schaut, damit er ja nicht aus Nachdenken oder Einsicht Mitverantwortung übernimmt oder gar auf die Therapiefreiheit pocht, hat man ihn in das engsitzende Korsett einer doppelten Strukturreform gesteckt, und bevor er den Mund aufmachen und Luft holen konnte, ihm ein zackig preußisches „Paßt“ entgegengeschleudert. Der Bürger als Doppelkasper – zum totlachen. Vielleicht täuscht man sich, wenn man meint, daß dieser, nur weil man ihm ein so schönes Stützkorsett verpaßt hat, immer weiter unbegrenzt so schön brav dasteht.

Man darf Zweifel haben, ob die Behauptung, ein Unglück komme selten allein, ihn auf die Dauer in seinem Leidensdruck tröstet, oder ob er nicht eines Tages meint, daß ein Unglück schließlich genüge und daß selbst dieses eine, noch dazu, wenn es vermeidbar ist, nicht unbedingt über ihn kommen müsse.


Naturheilpraxis 03/1988