EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das hat er sich schon etwas kosten lassen, der Herr Doktor aus Reutlingen. In einer beträchtlichen Anzeige in einer Tageszeitung hat er »Fragen eines CDU-Mitglieds an Frau Ministerin Süssmuth« gestellt. Seine Fragen sind nach dem Muster eines politischen Rundumschlages gestrickt und decken fast alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens ab. Da wird die Ministerin nach ihrer Verantwortung für AIDS gefragt. Seine Geringschätzung gegenüber der Frau in unserer Gesellschaft läßt er in der Frage durchblicken, warum denn die Vergewaltigung in der Ehe zum Straftatbestand erhoben werden soll, und er meint daraus die männlich-chauvinistische Schlußfolgerung ziehen zu müssen, daß dadurch die Zahl der Abtreibungen – nämlich eben der durch Vergewaltigung entstandenen Kinder – noch steigen wird. Er zeigt sein Unverständnis darüber, daß es für die medizinische Versorgung keine Positivliste gebe, über die man jedem Patienten sozusagen »ex cathedra« ein einziges Medikament verordnet und damit basta. Und natürlich muß er die Ministerin in diesem Zusammenhang auch fragen – er ist ja schließlich Arzt – warum sie die Heilpraktiker fördere, wo doch das Gesetz aus dem Jahre 1939 stamme.

Was ihm bei all dem nicht aufgefallen ist, daß vor allem seine Fragen aus dem Gedankengut dieser Zeit zu stammen scheinen, und daß eigentlich nur noch die Frage fehlt, wieso es eigentlich erlaubt ist, daß auch Ausländer bei uns Ärzte sein können, wo es doch genügend deutsche Ärzte gebe. Zugegeben, diese Frage fehlt. Nicht hingegen eine, die ein ähnliches Maß an Vorurteilen enthält, und diese lautet: »Wieso untersagen Sie nicht den Okkultismus in der Paramedizin?« Was der Herr Doktor nicht wissen konnte, daß im redaktionellen Teil dieser Zeitung ein Bericht über eine unglaubliche Schlamperei bei einer Operation erschien. Man hatte wieder einmal einen der Operationsgegenstände im Bauch einer Patientin vergessen und diese »lege artis« zugenäht. Obwohl die Patientin bis an die Grenze der Lebensbedrohlichkeil Beschwerden davongetragen hat, konnte sich der verantwortliche Arzt nicht dazu durchringen, einen Kunstfehler zuzugeben, sondern bezeichnete das Ganze als einen Unglücksfall – wie wenn für diesen niemand verantwortlich sei und dieser sozusagen unabwendbar wäre.

Sehen Sie, Herr Doktor, Sie brauchen nicht erst teures Geld für eine Annonce auszugeben, um die medizinische Versorgung in diesem Lande in Mißkredit zu bringen. Die Zeitungen machen das ohnehin, was zudem noch den Vorteil hat, daß zumindest bei seriösen Zeitungen ein wenig mehr über die wirkliche Problematik ausgesagt wird als in bezahlten Anzeigen. Die Gesundheitsberufe in unserem Lande sollten aufhören, die Bevölkerung, insbesondere die Patienten und potentiellen Patienten, mit aus Konkurrenzdenken und Mißgunst geborenen Vorwürfen in einen Abgrund der Verunsicherung zu stürzen. Die Presse hat mit ihrem hemmungslosen Sensationsbedürfnis ohnehin immer die Tendenz, entweder etwas unkritisch hochzujubeln oder mit dem Erzeugen von Katastrophenstimmung abzuwerten.

Im medizinischen Bereich stellen sich die extremen Pole der Sensationsberichterstattung im Positiven stets als Wunderheilungen dar und im negativen Bereich müssen »Medizintote « her. Wir haben uns alle nichts vorzuwerfen, lassen sie uns endlich aus der pharisäischen Gedankenwelt aussteigen und uns bewußt werden, daß im Mittelpunkt der Patient als Mensch steht, und jeder, der ihn behandelt, ist zunächst von dem Willen geprägt, zu helfen. Darin sollte der Patient Vertrauen haben und es ist für alle Seiten von Nachteil, dieses Vertrauen zu zerstören.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 04/1988