EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

aus kaum einer ernsthaften und bemühten Hintergrunddiskussion – ob in der Philosophie, in der Biologie, in der Medizin und ganz besonders in der Physik – ist er noch wegzudenken: der Begriff des Wissenschaftspluralismus. Ein Brocken, an dem die Wissenschaftsdogmatiker, nachdem sie sich und ihr mechanistisches Weltbild mit beträchtlicher Macht ausgestaltet haben, immer schwerer schlucken.

Es wird immer offensichtlicher, daß man – besonders was die Phänomene des Lebendigen betrifft – nicht alles aus einem Punkt heraus erklären kann. Es wird ebenso immer klarer, daß Aussagen wie: »So ist das und damit basta!« weniger mit der Wahrheit zu tun haben, sondern mehr in den Bereich der ,Behauptung gehören. Die schlichte und einfache Konsequenz hieraus ist, solange die letztendliche Wahrheit nicht auf dem Tisch liegt – falls das überhaupt jemals geschehen wird–, daß wir den Arbeitshypothesen und Erklärungsversuchen für Erscheinungsformen des Lebens – ganz besonders im Bereich von Krankheit und Gesundheit in der Medizin – wieder eine größere Bedeutung beimessen.

Die über Jahrhunderte und Jahrtausende gewachsenen Vorstellungen der Naturheilkunde genügen durchaus den Ansprüchen einer differenzierten Gesundheitsversorgung auch in unserer modernen Gesellschaft. Erst die darüber hinausgehenden gesundheitlichen Probleme durch unsere technische Lebensweise sollten im Risiko- und Notfallbereich von unserer hochtechnisierten Medizin abgedeckt werden. Dort ist sie lebenserhaltend und segensreich. Die Kriterien aber und die Maßnahmen dieser hochtechnisierten Medizin sollten in der normalen Gesundheitsversorgungnur bedingt Anwendung finden. Für die Fülle der gesundheitlichen Störungen, die letztlich immer im Bereich vorübergehender mangelnder Adaption liegen, greifen die Erklärungsversuche der technischen Medizin durchaus nicht so genau, und es muß konsequenterweise, wenn auch zur Symptomenbeseitigung, so doch zu gewissen Unschärfen, wenn nicht gar zu Fehlbehandlungen kommen.

Hier leisten die Vorstellungsmodelle und Arbeitshypothesen der Naturheilkunde mit dem Paradigma z. B. der Humoralpathologie, den Vorstellungen des Fließgleichgewichtes wesentlich mehr.

Unsere Fachzeitschrift widmet sich ohnehin vorrangig der Naturheilkunde und diesmal insbesondere diesem Fließgleichgewicht, den humoralpathologischen Vorstellungen, dem Konstitutionsgedanken, der einer unverwechselbaren Begegnung eines Individuums mit einer krankmachenden Ursache Rechnung trägt. Unser Bemühen gilt in erster Linie der Erkennung der Zusammenhänge in diesem Sinne in Diagnose und Therapie für den Praktiker.

Darüber hinaus wollen wir aber auch in unserer ständigen Spalte „Naturmedizin aktuell“, die ich hier noch einmal Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit empfehlen möchte, über neueste Forschungen und Forschungsansätze in bezug auf naturheilkundliche Zusammenhänge berichten.

Zunehmende wissenschaftliche Erklärungen und Bestätigungen naturheilkundlicher Arbeitshypothesen haben sicher auch für den Behandler in Zukunft nicht nur feuilletonistischen Wert. Besonders die Erforschung der Immunvorgänge in den letzten Jahren hat für den Naturheilkundler nicht nur eine Bestätigung, sondern auch eine teilweise Bereicherung seiner Tätigkeit erbracht. Die Naturheilkunde sollte ganz bewußt ihren Platz an der vordersten Front therapeutischer Erwägungen für die Zukunft einnehmen.

Unsere Fachzeitschrift möchte zu all dem ihren Beitrag leisten. Wir möchten das unter anderem auch damit tun, daß wir gute Autoren zu uns berührenden Fach- und Sachgebieten in der neuen, zu unserer Fachzeitschrift gehörenden Buchreihe zu Wort kommen lassen. Es wird ab Herbst auch das »Naturheilpraxis-Buch« geben: sachlich, gründlich, differenziert, ansprechend und handlich im Format und leicht zu erkennen an dem gleichen Grün, das auch unsere Zeitschrift trägt.

Wir werden die Manuskripte der Autoren in unserer NATURHEILPRAXIS auszugsweise oder ganz vorabdrucken, um danach allen an der Naturheilkunde Interessierten anschließend das »Naturheilpraxis-Buch« zu einem angemessenen Preis anbieten zu können. Wir hoffen, damit einen weiteren nützlichen Beitrag zu leisten und damit unserer Verpflichtung nachzukommen, die wir als ein zentraler Ansprechpartner für die Naturheilkunde übernommen haben. Diese Reihe wird ein Ihnen allen bekannter Autor unserer Fachzeitschrift eröffnen: Josef Kar! mit dem Titel »Das lymphatische System«. Daß der auszugsweise Vorabdruck in dieser Schwerpunktnummer „Fiießgleichgewicht“ beginnt, ist kein reiner Zufall, da die Lymphe wie kaum etwas anderes das Fließen als Urquell des Lebens beinhaltet und von jeher auch einer der wichtigsten therapeutischen Ansatzpunkte der Naturheilkunde ist.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 06/1988