EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

trotz aller Toleranz, trotz allen Respekts, trotz eines Übermaßes an Zuvorkommenheit gegenüber denen, die den Rahmen für unsere politische Realität stecken, ist es dem Naturheilkundler unmöglich, das zunehmende und eklatante Mißverhältnis von Wunsch und Wirklichkeit – wie es schon die alten Chinesen im Nacken sitzen spürten – nicht mit Besorgnis und Betrübnis zu registrieren.

Freilich, die drängenden Existenzfragen der Philosophie, wie sie Immanuel Kant vor rund 200 Jahren gestellt hat: »Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen? – Was ist der Mensch?«, die spätestens seit Marx aus dem Geistigen ins Ökonomische verflacht wurden, von Nietzsche und Heidegger irrationalisiert, von Max Weber entzaubert und von Sigmund Freud zum Repertoiretheater der Seele erniedrigt worden sind, bleiben heute erst recht von den Kathederphilosophen mit Pensionsanspruch, die das Programm eines grenzenlos unverbindlichen Relativismus propagieren, unbeantwortet.

Für den Naturheilkundler, für den sich das Leben als die Ausformung eines sinnvollen Entwicklungsprozesses darstellt, der final auf ein Ziel ausgerichtet ist, kann es nicht gleichgültig sein, daß das Bemühen um eine vernünftige Universalschau der Welt fehlt und damit die Beantwortung von Kants existentiellen Grundfragen ausbleibt. Karrieredenken, Beziehungslosigkeit, Vereinsamung, Spezialistentum – also eine nicht sinnvolle, sondern leere Vernunft – lassen das Individuum sowie die Gesellschaft verarmen. Wissenschaftliche Fachgebiete umgeben sich mit einem dogmatischen Machtanspruch und immunisieren sich gegen jegliche kritische Selbstreflexion. Die Gefolgschaft dieses Trends in unserer Gesellschaft bezahlt der einzelne zweifellos mit dem Verlust seiner Urteilsfähigkeit und Mündigkeit. Aber nur wer fragt, wer zweifelt und wer stets und ständig nach Alternativen sucht, selbst nachdenkt, kann sich dieser Hörigkeit verweigern.

Solange sich Wissenschaftler, die sich als Forschungsgegenstand das Lebendige gewählt haben, also Psychologen, Pädagogen, Soziologen und auch Mediziner, in erster Linie über Status- und Methodenfragen den Kopf zerbrechen und glauben, sie arbeiteten an der Erforschung der Wahrheit, unterliegen sie einer massiven kulturellen Selbsttäuschung. Indem sie ihren Wissenschaftsdogmatismus relativierten und sich selbst z. B. als Erzähler psychologischer, pädagogischer, soziologischer oder auch medizinischer Geschichten verstünden, eröffnete sich ihnen eine weit größere Chance, einen wirkungsvollen Beitrag zum Verständnis der Vielfalt der Menschen und der menschlichen Gesellschaft zu leisten.

Mehr Pragmatismus und mehr Toleranz im gleichberechtigten Nebeneinander unterschiedlicher Anschauungsmodelle und Arbeitshypothesen würde einen wichtigen Beitrag leisten, das überaus groß gewordene Mißverhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu überwinden. Der Naturheilkundler gerät in einen schweren Gewissenskonflikt. Die ethische Pflicht seines Denkens legt es ihm auf, Geschichten darüber zu erzählen, was wir beim Verfolgen eines engstirnigen Wissenschaftsdogmatismus für »Paradiese« gewinnen können und was für ein wunderbares Paradies wir dabei verlieren.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 08/1988