EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mit noch nicht abzuschätzenden Dimensionen als Krankheit für die Weltbevölkerung hat AIDS als eben dieses Phänomen zu allen für uns Menschen typischen Reaktionen sowohl beim einzelnen wie auch in der Öffentlichkeit geführt. An dem, wie in den unterschiedlichen Bereichen auf AIDS reagiert wird, könnte man eine Analyse der gesamten Palette menschlicher Verhaltensweisen festmachen, auf deren Grundlage wiederum sicher eine Gesamtbeurteilung und Einschätzung unserer Gesellschaft möglich wäre.

Da ist zunächst bei einer erschreckenden Abwesenheit jeglicher Gewissenhaftigkeit das Sensationsbedürfnis der Medien unterschiedlicher Couleur. Da der Ansteckungsmodus unterhalb der Gürtellinie liegt und das Ganze zunächst auf Gruppen beschränkt zu sein schien, die sich noch dazu ungewöhnlicher sexueller Praktiken bedienten und durchaus nicht den allsonntäglich von den Kanzeln gepredigten Bigotterien genügten, entspricht das Ganze voll dem »Sex-and-Crime«-Rezept, das die Boulevardzeitungen bevorzugen. Durch eine unterschwellige Schuldzuweisung gegenüber den besonders gefährdeten Gruppen versucht die Presse in erster Linie, die Angst ihrer »normalen« Leser vergessen zu machen und diese gleichzeitig durch die Sensationsberichterstattung über einzelne Fälle – bevorzugt Prominente – als Leserschaft bei der Stange zu halten. Ansonsten tut man so wie man tut, wenn unheilbares Unglück hereinbricht, man verhält sich, wie Gerhard Hauptmann das in seinem „Till Eulenspiegel“ gesagt hat: „... ist es (das Unglück) flugs auch am Tag, dennoch bleibt es unmöglich und weil es als unmöglich begriffen zu sein scheint, nun, so wird es geleugnet...“

Also lebt die Gesellschaft weiter in ihrer Verdrängung, und wem nicht aus dem unmittelbaren Verwandten- oder Bekanntenkreis jemand hinweggerafft wurde, kann wohl bis auf einen Rest von Unbehagen, den er durch ganz bestimmte Schreckensmeldungen einfach zur Kenntnis nehmen muß, offensichtlich damit leben. Hier hätten wir ein erstes Analyseergebnis gesamtgesellschaftlichen Verhaltens: Die Instinktlosigkeit. Daß die Mehrheit glaubt, so weiter leben zu können, zeigt, daß sie selbst ein Minimum an Instinkt und gesellschaftlichen Konsens vermissen läßt.

AIDS ist auch als Immunschwächeerkrankung eine ganz neue Dimension, die die Menschheit zu grundsätzlichen Überlegungen herausfordern muß. Diese Krankheit erfordert eine gedankliche und emotionelle Vernetzung mit den Problemen der Umweltbelastung: Waldsterben, Robbensterben, umkippende Meere, Strahlenbelastung, Anstieg der Allergien usw. Und die Regierungen? Sie sind aufgrund von Umständlichkeit und Überverwaltung mit dem Gang der alltäglichen Dinge bereits völlig überlastet und betriebsblind und können auf Unvorhergesehenes schon lange nicht mehr reagieren. Auch wenn einige aufgeschlossene Persönlichkeiten in der höchsten Ebene der Politik den Ernst der Lage begreifen und all ihre Kraft und Intelligenz einsetzen, die Dinge richtig einzuschätzen, so sind sie dennoch inzwischen von einer unbeweglichen ministeriellen Bürokratie umgeben, die alle Ideen und Innovationen verpuffen läßt.

Es soll den Bemühten hier eine Anerkennung nicht versagt werden für ihren Einsatz, aber die Frage bleibt offen, ob sie nicht eigentlich mehr für die Umsetzung ihrer politischen Ideen verantwortlich wären als für die Ideen selbst. Angesichts einer Herausforderung wie AIDS müssen alle sogenannten wissenschaftlichen Vorurteile und Vorbehalte fallen gelassen werden. Von allen Seiten ist ein Umdenken notwendig. Die Politiker müßten eine Vernetzung sowohl wissenschaftlicher Betrachtungsweisen wie aller anderen Initiativen und Denkmodelle aktiv fördern. Wer angesichts von AIDS weiterhin im alten Fahrwasser verharrt, macht sich auch persönlich schuldig.

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 09/1988