EDITORIAL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

»Für eine gesunde Zukunft« war das Motto des diesjährigen Heilpraktikertages, in dessen Mittelpunkt die gesundheitlichen Gefahren und Probleme sowie deren naturheilkundliche Behandlung standen. Wir möchten dazu einige Beiträge zu Ihrer Kenntnis bringen.

Wenn die Naturheilkunde sich hoffnungsvoll »für eine gesunde Zukunft« ausspricht, in der man mehr und mehr weg von der kurativen Medizin hin zur präventiven steuern will, so muß man sich immer wieder fragen, ob dieses Motto nicht eventuell in den Bereich der Illusion gehört, wenn die für eine präventive Gesundheitsversorgung der Bevölkerung unerläßlich notwendigen Naturarzneimittel durch eine restriktive Behandlung des Bundesgesundheitsamtes nicht nur von einigen risikobehafteten notwendigerweise befreit, sondern regelrecht summarisch ausgedünnt werden.

Es besteht keine Frage, daß sich der Patient beim naturheilkundlichen Behandler in besonderer Obhut befindet, daß dieser ihn mit Sorgfalt in all seinen Belangen zu erfassen sucht und keinesfalls daran interessiert sein kann, daß der Patient in irgendeiner Weise durch ein von ihm verordnetes Mittel geschädigt werden könnte. Die Strenge, die das Bundesgesundheitsamt (BGA) im Bereich des Patientenschutzes walten läßt, muß als eine fortschrittliche Errungenschaft begrüßt werden, gibt es doch aus den Retorten täglich neue – in ihren Wirkungen und Nebenwirkungen beabsichtigte und unbeabsichtigte – chemische Gifte. Hier ist Handlungsbedarf durch das BGA – hier ist berechtigte Eile geboten. Etwas ganz anderes ist es mit den jahrtausendealten Heilpflanzen, von denen man ohne weiteres annehmen darf, daß der große Erfahrungszeitraum ihrer Anwendung Gefahren aufgedeckt und gefährliche Pflanzen ausgemustert hätte. Allein der Erfolgszwang der Behandler auch in früheren Zeiten macht es unvorstellbar, daß sowohl ihr therapeutisches Handeln wie auch ihr Erfahrungsammeln aus einer endlosen Kette von Mißerfolgen bestanden hätte.

Der Naturheilkundler muß fordern, daß das BGA sich bei der Überprüfung bewährter Heilkräuter, die schon seit Jahrhunderten ihren therapeutischen Dienst tun, die angemessene Zeit läßt, die für eine gründliche und sachgerechte Beurteilung derselben nötig wäre – noch dazu, da sich das BGA bei seinen Maßnahmen oft auf eine Literatur beruft, die auch immerhin schon 20 bis 30 Jahre alt ist. Das Bundesgesundheitsamt beruft sich ebenfalls gleichzeitig auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand, den es aber bei seinen Vorgehensweisen gegen Naturheilmittel dennoch immer wieder vermissen läßt.

So werden z. B. alle pyrrolizidinalkaloidhaltigen Arzneimittel aus unterschiedlichen Ausgangspflanzen nach gleichem Maßstab beurteilt, obwohl der wissenschaftliche Erkenntnisstand aufgrund sowohl des unterschiedlichen Alkaloidmusters als auch der unterschiedlichen Wirkungsstärke der Alkaloide für jede Pflanze durchaus eine differenzierte Risikoanalyse erfordern würde. Auch sollten die Grenzwertanforderungen berücksichtigen, daß die strittigen Drogen nur in Bruchteilen in Kombinationsmitteln enthalten sind. Ganz abgesehen davon aber dürfte eine so weitgreifende Maßnahme wie das Ruhen der Zulassung für alle pyrrolizidinalkaloidhaltigen Arzneipflanzen nicht mit einem so schlampig recherchierten Einzelfall begründet werden, in dem das Trinken von Huflattichtee für einen Zwischenfall verantwortlich gemacht wird, wenn gleichzeitig auch eine offensichtliche Drogenabhängigkeit im Spiel ist.

Alles in allem: Die Heilpraktiker geben zu bedenken, ob es richtig ist, daß mit der Naturheilkunde, diesem über Jahrhunderte gewachsenen Erfahrungsschatz unseres Volkes, seine Behörden so einfach kurzen Prozeß machen können???

Herzlichst Ihr


Naturheilpraxis 10/1988